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MÜNCHEN/ Prinzregententheater: POLNISCHE HOCHZEIT – Operettenrarität von Joseph Beer. Konzertant

23.11.2015 | Operette/Musical

Operetten-Rarität in München:

„Polnische Hochzeit“ von Joseph Beer (Vorstellung: 22. 11. 2015)

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Ulf Schirmer leitete das Münchner Rundfunkorchester mit fast akrobatischem Einsatz (Foto: BR Klassik)

Im Rahmen der Konzertreihe des Bayerischen Rundfunks wurde am 22. November 2015 im Prinzregententheater in München  die Operette „Polnische Hochzeit“ von Joseph Beer zum Todestag des Komponisten (23. 11. 1987) konzertant aufgeführt.  Die Uraufführung des damals in Wien lebenden jüdischen Komponisten war im Jahr 1937 in Zürich ein grandioser Erfolg, doch fand seine Karriere aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten schon bald ein abruptes Ende.

Joseph Beer (1908 – 1987), dem der Ruf eines musikalischen Wunderkinds vorauseilte, stellte sich 1927 an der Wiener Musikakademie vor und beeindruckte die Prüfungskommission sosehr, dass ihm erlaubt wurde, die ersten vier Studienjahre zu überspringen. 1930 schloss er die Meisterklasse mit Auszeichnung ab. In enger Zusammenarbeit mit dem bekannten Librettisten Fritz Lehner-Böda entstand seine erste Operette „Der Prinz von Schiras“, die 1934 mit so großem Erfolg in Zürich herauskam, dass sie in ganz Europa, von Stockholm bis Madrid, nachgespielt wurde. Drei Jahre später kam es in Zürich zur Uraufführung seiner zweiten Operette „Polnische Hochzeit“, die wieder ein einhelliger Erfolg war und anschließend an mehr als 40 europäischen Bühnen gespielt wurde.  Auf der Flucht vor den Nazis kam Joseph Beer über Paris bis nach Nizza, wo es ihm mit Hilfe von Freunden gelang, vor der deutschen Besatzung unterzutauchen. In seinem Versteck komponierte er sein drittes Werk „Stradella in Venedig“, das allerdings bloß in einer verkürzten Fassung 1949 in Zürich zur Aufführung kam, da sich Beer aus der Öffentlichkeit vollkommen zurückzog, als er die Nachricht von der Ermordung  seiner Eltern, seiner Schwester und seines Librettisten Löhner-Beda in Auschwitz erfuhr.

Anfang der 50er Jahre heiratete Beer die Holocaust-Überlebende Hanna Königsberg und lebte mit ihr und den beiden gemeinsamen Töchtern Suzanne und Béatrice zurückgezogen in Nizza. Erst im Alter schrieb er noch zwei Singspiele: „La polonaise“ und „Mitternachtssonne“.  Zur posthumen österreichischen Erstaufführung  der „Polnischen Hochzeit“ kam es erst 2012 beim Wiener Operettensommer.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der bornierte Graf Zagorsky, der – nach fünf gescheiterten Ehen – die junge Jadja, die Tochter des Barons Orginsky, heiraten möchte, die allerdings in seinen Neffen Boleslav verliebt ist. So wird der Graf auf gehörige Art und Weise gefoppt, bis er schließlich den Frauen abschwört und sich künftig nur noch dem Wein widmen will. Die Operette in drei Akten und einem Prolog, deren Libretto Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald verfassten, begeistert durch volkstümliche Tänze und zündende Melodien, wie beispielsweise der Hit „Katzenaugen“, die melancholische Arie „In der Heimat blüh’n die Rosen – nicht für mich, den Heimatlosen“ und das stimmungsvolle „Weinlied“.

Die gelungene Wiederentdeckung ist neben dem prächtig aufspielenden Bayerischen Rundfunkorchester unter der Leitung von Ulf Schirmer, dessen leidenschaftliches Dirigat beinahe akrobatische Formen annahm, vor allem dem erstklassigen Sängerensemble zu verdanken, das mit besonderer Hingabe die Lieder und Duette zum Besten gab. Allen voran der Grazer Tenor Nikolai Schukoff, der seine Arien mit Innigkeit und stimmlicher Brillanz sang, wobei er das Publikum auch mit seiner ausdrucksstarken Mimik zu begeistern wusste. Ihm ebenbürtig waren die junge Sopranistin Martina Rüping in der Rolle der verliebten Jadja und die kokette Sopranistin Susanne Bernhard als deren Freundin Suza, genannt „Wildkatze“, deren große Stimmbreite und pfiffige Mimik beeindruckten.

Als Graf Zagorsky war der auch als Wagner-Sänger bekannte Bariton Michael Kupfer-Radecky eine Idealbesetzung. Er „spielte“ seine Rolle nicht nur äußerst humorvoll, sondern bot auch stimmlich eine erstklassige Leistung. Köstlich seine Interpretation des „Weinlieds“. Ebenfalls eindrucksvoll gab der österreichische Bariton Mathias Hausmann den in die „Wildkatze“ Suza verliebten Gutspraktikanten Casimir von Kawietzky. Sein mit Susanne Bernhard gesungenes Duett „Katzenaugen“ zählte zu den Höhepunkten der Aufführung.

In kleineren Partien waren noch der Bassist Friedemann Röhlig als Baron Oginsky, auf dessen Gutshof die Operette spielt, die Mezzosopranistin Florence Losseau als Bedienstete Stasi, der Bassbariton Bernhard Spingler als russischer Hauptmann Korrosoff und der Bass Alexander Kiechle in der Rolle des Bediensteten Stani zu hören.

Sehr stimmgewaltig agierte der Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz (Einstudierung: Felix Meybier), der sich auch bei den lautesten Passagen des groß aufspielenden Münchner Rundfunkorchesters zu behaupten wusste.

Das Publikum, das seine Begeisterung den Sängerinnen und Sängern sowie dem Orchester schon während der Vorstellung mit Bravorufen bewies, honorierte die Leistungen aller Mitwirkenden am Schluss mit minutenlangem, nicht enden wollendem Beifall.

Udo Pacolt

 

 

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