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MÜNCHEN/ Gasteig: GEDENKKONZERT FÜR MARISS JANSONS – Zubin Mehta; Golda Schultz, Gerhild Romberger – via3 SAT

17.01.2021 | Konzert/Liederabende

Zubin Mehta dirigierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – Gedenkkonzert für Mariss Jansons im Gasteig – Sendung am 16. Januar 2021 via 3sat /MÜNCHEN

Übersinnliche Berührungspunkte

Als Gedenkkozert für den lettischen Dirigenten Mariss Jansons überzeugte diese Aufführung von Gustav Mahlers zweiter Sinfonie c-Moll („Auferstehungssinfonie“) in ganz besonderer Weise. Unter der inspirierenden Leitung von Zubin Mehta wurde sogleich das erste Thema im Allegro aus kraftvollen Anläufen im Bass herausgeschleudert. Das Tonsymbol des Helden erreichte hier eine ungeahnte Intensität. Vor allem die heroische Gebärde des Themas selbst trat in berührender Art in den Mittelpunkt. Der Themenkomplex breitete sich gleichsam aus, feierliche Bläserklänge folgten. Vor allem die Legato-Bögen der Streicher betonte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sehr eindrucksvoll. Die leise aufsteigende Streichermelodie erinnerte sogar an das „Verklärungsthema“ von Richard Strauss. Der zweite Themenkomplex gipfelte in einer träumerisch-berührenden Klarinettenweise und entwickelte sich in breiter Schönheit und leuchtender Klarheit. Bei der Durchführung triumphierte dann das „Verklärungsthema“ – das wild auftrumpfende Kopfthema (das die Katastrophe markierte) gipfelte in einer wuchtig musizierten Coda. Zubin Mehta wählte hier keineswegs zu rasche Tempi, sondern arbeitete mit dem Orchester den meditativen Charakter dieser Musik glutvoll heraus. Ein wirklich friedliches Naturidyll war dann das Andante moderato des zweiten Satzes mit seiner Triolenbewegung, dessen Menuett-Charakter an biedermeierliche Gemütlichkeit und die Innigkeit Schuberts erinnerte. Es waren Melodien, die von vergangenem Glück erzählten. Sehr reizvoll wirkten die Pizzicato-Passagen mit der wehmütigen Tanzweise. Als scherzoartiges Rondo kreiste der dritte Satz um ein Lied Mahlers aus „Des Knaben Wunderhorn“ mit dem Titel „Des Antonius von Padua Fischpredigt“. Zuweilen wirkte diese Musik fast bissig und spöttisch, aber Zubin Mehta betonte sarkastische Effekte nicht aufdringlich. Die ununterbrochen dahinfließende 16tel-Bewegung der Streicher erreichte starke intensität. Und die freudigen Siegesfanfaren des Trioteils gerieten ebenfalls höchst präzise. Etwas Drängendes behauptete sich hier immer deutlicher. Gerhild Romberger (Alt) interpretierte sensibel und ergreifend den vierten „Urlicht“-Satz, dessen Klangzauber sich tief einprägte: „O Röslein rot!“ Leise, feierliche Klänge begleiteten die schlichte Melodie aus Mahlers „Wunderhorn“-Zyklus. Grandios wirkte zuletzt die Vision des Jüngsten Gerichts im Finale, wobei die dynamischen Spannungsbögen von Zubin Mehta und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks behutsam aufgebaut wurden. Immer wieder verblüffte dieses Orchester aufgrund seiner großen spieltechnischen Präzision und Genauigkeit. Der Satz beginnt laut Paul Bekker mit dem „wütenden Aufschrei des Entsetzens und Ekels“ aus dem dritten Satz. Hervorragend wurde die mystisch verklärte Sphäre interpretiert, in die dieser letzte Satz immer tiefer eintaucht. Glockenklang und Hornmelodien mündeten in mahnende Hornrufe, die das „Dies irae“-Motiv beschworen, dies galt auch für die sehnsuchtsvolle Melodie der Celli. Das Suchen und Drängen erreichte auch hier eine bemerkenswerte Beschleunigung – gefolgt von drohenden Bläserrufen, die sich in gewaltiger Weise auszudehnen schienen. Erlösungsvisionen und  Verzweiflungsschreie begleiteten den grausigen Marschzug. Feierliche Verklärungsklänge erfüllten tröstlich den Raum. Die Appellrufe der Trompeten schienen heilige Geheimnisse zu beschwören. Wie ein Geistergesang verkündete schließlich der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Howard Arman) „Auferstehn, ja auferstehn wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!“ Die Sopranistin Golda Schultz verkündete zusammen mit Gerhild Romberger in geradezu ekstatischer Weise dieses Ereignis, das sich immer mehr zuspitzte. Orgel- und Glockenton brausten gigantisch heran, ein triumphaler Schluss folgte. Jubel, Begeisterung.    

Alexander Walther

 

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