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MÜNCHEN: DAS RHEINGOLD. Göttlich und durch und durch magisch.

27.07.2025 | Oper international

Göttlich und durch und durch magisch.
Dr. Eric Alexander Hoffmann, Münchner Opernfestspiele, 28.07.2025

Tobias Kratzer inszeniert zum Auftakt seiner “Ring”-Tetralogie an der Bayerischen Staatsoper im Rahmen der Münchner Opernfestspiele ein quicklebendiges, göttliches und durch und durch magisches „Rheingold”.

“Gott ist tot” und “No gods, no sins” ist schon vor Beginn in gesprayter Neonfarbe auf Plakaten zur “Rheingold”-Inszenierung von Kratzer zu lesen, auf denen in nordisch-germanischen, historischen Originalkostümen die nicht ganz so heiligen Mitglieder der göttlichen Familie porträtiert sind. Ein Zeichen von Respekt gegenüber den Göttern sind diese grellen Überschreibungen und plakativen Schmierereien jedenfalls nicht. Schon hier zeichnet sich ein Konflikt zwischen einer heutigen Jugend und einer Welt ohne Gott und den alten überkommenen Göttern ab, die wie aus der Zeit gefallen zu sein scheinen und an die wir modernen Menschen längst nicht mehr glauben.
Wir sind vom Glauben abgefallen und glauben ja überwiegend nur noch an die Macht des Konsums, womit wir schon mittendrin sind in der Kapitalismuskritik und in einem Stück, das die ursprüngliche Geschichte von den Ursünden der Welt erzählt, von Verletzung, Ausbeutung, Schändung und Zerstörung der Natur zwecks Akkumulierung von Macht und Kapital im Tausch mit und durch Verzicht auf Liebe.

Tobias Kratzer
nimmt zum Auftakt der Ring-Inszenierung die These der Existenz eines unsterblichen Gottes ernst und startet mit seiner über weite Strecken düsteren und doch zugleich von Anfang an magischen “Rheingold”-Inszenierung eine große postmarxistische Erzählung und postreligiöse Kampagne gegen Gottlosigkeit. Immer verbunden mit der Gefahr, dass die Menschen an die falschen Götter glauben und den falschen Propheten folgen.

Richard Wagners modernes, kapitalismuskritisches Märchen beginnt wie aus dem Nichts, musikalisch an der Grenze der Hörbarkeit, und, wie es sich für Märchen gehört, mit einem Es, sogar einem Kontra-Es. In Kratzers Inszenierung beginnt das Orchester zudem bei tiefster Dunkelheit. Erst nach und nach wird es Licht: die Geburt einer Inszenierung und Welt aus dem Geist und Nichts der Musik. Ein erster magischer Moment.
Auf der Bühne sind wir dann direkt konfrontiert mit der Trostlosigkeit und der metaphysischen Obdachlosigkeit des Seins im Hier und Jetzt: Alberich (darstellerisch und sängerisch überragend: Martin Winkler) ist mit Camouflage-Bermudas und Slipknot-Hoodie und mit Glatzeein moderner Mann und Außenseiter auf verlorenem Posten. Gerade noch hat er auf die verlassene Kirchenmauer das an Nietzsche gemahnende Diktum “Gott ist tot” gesprayt und sich eine Pistole an den Kopf gehalten, als er bei seinem halbherzigen Suizid-Versuch von drei Teenagern gestört wird, die zwar ganz und gar irdische Wesen sind, aber dennoch über magische Kräfte verfügen. Sie können sich etwa – hexhex – jünger, älter oder sogar unsichtbar machen. Sogar ihre Gestalt können sie ändern, eine von ihnen verwandelt sich etwa in eine Zicke. Nur mit Hilfe dieser magischen Kräfte gelingt es ihnen, den deutlich älteren und stärkeren Alberich auf Abstand zu halten. Alberich wird sich später bei der Konstruktion des Tarnhelms an diese Begegnung erinnern und wird sich von diesen Kräften inspirieren lassen.

Die drei Undinen spielen mit Alberich und treiben ihren Spott mit ihm, bespritzen ihn wie Nixen mit Wasser und halten seine unbeholfenen Annäherungsversuche auf dem Smartphone fest. “Wie ihr auch lacht und lügt, lüstern lechz ich nach euch, und eine muss mir erliegen!” Eigentlich will er sich dann doch enttäuscht und entmutigt abwenden, als er von einem ganz in Schwarz gekleideten, kettenrauchenden und an einen französischen Existentialisten erinnernden Loge davon abgehalten wird. In dieser Inszenierung wird Alberich von Loge sogar zum Raub des Rheingoldes angestiftet! Schon hier und ganz zu Beginn des Sündenfalls hat Loge als eine Art Zwillingsbruder des Mephistopheles seine verführerischen Finger im Spiel. Ohne ihn wäre das Gold nicht geraubt worden. Loge ist als listige Schlange gewissermaßen der Initiator des Sündenfalls.
Die Rheintöchter schätzen den lüsternen Alberich verkehrt ein und verraten ihm das Geheimnis des Rheingoldes: “Der Welt Erbe gewänne zu eigen, wer aus dem Rheingold schüfe den Ring, der maßlose Macht ihm verlieh’.” Auch vor dem Hintergrund der zuletzt vermutlich wiederholt gemachten Erfahrung mit Frauen entsagt Alberich der Liebe, um den Reif zu schmieden und unendliche Macht zu gewinnen. Für ihn ein attraktiver Deal: “Der Welt Erbe gewänn’ ich zu eigen durch dich? Erzwäng’ ich nicht Liebe, doch listig erzwäng’ ich mir Lust!”
So kommt es schließlich zum verzweifelten Fluch der Liebe und zum Raub des Rheingoldes, das hier in der Inszenierung eine Art magische Ur-Kraft, vielleicht auch eine Art leuchtender Quellcode zu sein scheint. Auf seiner Flucht schießt Alberich einer der Rheintöchter noch ins
Bein. Mythisch-magische Mächte haben gegen moderne Waffentechnik keine Chance. Der Welt fehlt ein Glaube.
Und tatsächlich haben die in dieser Inszenierung in einer heruntergekommenen, verlassenen gotischen Kathedrale hausenden müßigen Götter auch schon deutlich lebendigere, bessere Zeiten gesehen. Deren einstige Pracht ist wie die des menschenleeren gotischen Doms jetzt nur noch dunkel zu erahnen.
Wotan, der Wikinger (ebenfalls sängerisch und darstellerisch überragend: Nicholas Brownlee), schläft in seinem heidnischen Kostüm mit Speer und Flügelhelm auf einem Baugerüst und träumt, umgeben von Bauplanen und Zementsäcken, von Größerem: einer festen Burg, Mannes Ehre, ewiger Macht und endlosem Ruhm. Doch die Realität sieht anders aus, sein Leben ist eine Baustelle, und das nicht nur, weil der Hochaltar renoviert werden muss.
Fricka (wie bereits in Kratzers legendärer Jahrhundert-Inszenierung des “Tannhäuser” eine sängerisch und spielerisch begnadete Ekaterina Gubanova) hingegen ist nicht nur grundsätzlich und völlig zu Recht besorgt um die Treue ihres Göttergatten, sondern aktuell und akut auch besorgt um ihre Schwester Freia, die Hüterin der goldenen Äpfel und Garantin ewiger göttlicher Gesundheit und Jugend, die jedoch den Riesen für geleistete Wiederaufbauarbeiten und Restaurationshilfen versprochen und vertraglich zugesichert wurde. “Um der Macht und Herrschaft müßigen Tand verspielst du in lästerndem Spott Liebe und Weibes Wert?”, klagt Fricka bei Wotan, der zuvor bekannt hat, Wandel und Wechsel zu lieben und das Spiel darum nicht lassen zu wollen.
Wotan setzt zur Lösung seiner vertrackten vertraglichen Situation auf den listigen Loge: “Der zum Vertrage mir riet, versprach mir, Freia zu lösen, auf ihn verlass ich mich nun.” Also auch hier hatte Feuerteufel Loge seine Finger im Spiel.
Fasolt und Fafner sind bei Kratzer jedoch weniger Bauunternehmer als vielmehr eine Art Wanderprediger und Zeugen Wotans, die mit Roll-up und Broschüren Werbung für Wotan und Walhall machen. Für ihre Marketingkampagne und Öffentlichkeitsarbeit wollen sie dann
durchaus marktüblich auch den vereinbarten Lohn erhalten. Wotan, der durch Verträge Herr und Knecht zugleich ist, stellt sich dumm: “Nennt, Leute, den Lohn: Was dünkt euch zu bedingen?” Fafner ist erst bereit, auf die vertraglich vereinbarte Freia zu verzichten, als er von Loge vom Goldraub Alberichs sowie von dessen Ring und Potenzialen erfährt. Doch auch Fricka und Wotan zeigen jeweils unterschiedlich motiviert Interesse am Ring des Nibelungen. Keiner von ihnen denkt dabei im Traum daran, das geraubte Gold den ursprünglichen Besitzerinnen
zurückzugeben.
Die anschließende Passage Wotans und Loges (Sean Panikkar) im Zwischenspiel zu Nibelheim wird als Reise in die wirkliche weite Welt filmisch gelöst (Video erneut unter anderem Manuel Braun). Loge kümmert sich noch um das frugale Reiseproviant, dann geht es los. Im folgenden Roadmovie sind Wotan und Loge auf Straßen, in Bussen und Bahnen, im Modehaus, bei der Zollkontrolle und im Flugzeug zu sehen; im Hintergrund finden Riots  statt und brennen Gebäude. Loge hinterlässt als Brandstifter auch hier überall Spuren der Verwüstung.
Nibelheim ist hier eine amerikanische Vorort-Garage, von wo aus ein auch waffentechnisch bestens ausgestatteter Alberich versucht, per Zoom-Meetings eine treue Gefolgschaft und ein Heer aufzubauen, um es “denen da oben” und dem Establishment mal richtig zu zeigen.
Alberich zwingt hier seinen Bruder Mime (mit Matthias Klink, der zuletzt im Zürcher Ring einen überzeugenden Loge gab, luxuriös besetzt) zum Frondienst, schmiedet Rachepläne und baut hier im Verborgenen ein Heer gegen Gott und die Welt auf. Mit seinen Versuchen der Machtergreifung und der Eroberung der Welt erinnert Alberich in diesem Setting durchaus an radikale QAnon-Aktivisten. Wotan und Loge bereiten diesen Gewalt- und Vergewaltigungsphantasien zumindest vorübergehend ein jähes Ende. Die Verwandlung in einen riesigen Wurm und eine winzige Kröte gelingt mit viel Trockennebel und hinter verschlossenem Garagentor. Als Schlange gerade noch gefräßig, blutrünstig und gefährlich, als Kröte dann nackt, harmlos und verletzlich und damit letztlich auch eine leichte Beute für den listigen Loge, der zum Abschied noch Nibelheim in Brand steckt.
Mit einem fetten Grinsen im Gesicht und der fetten Kröte in der Tupperdose geht es zurück nach Hause. Lustig sind dann auch die im Film gezeigten Zollprobleme, die es auf der Rückreise bei der Einfuhr der Kröte gibt und die nur gelingen, weil Loge erneut ein kleines Feuerchen legt.
Zurück in der Kirche verwandelt sich die Kröte in einen splitterfasernackten, fluchenden und verfluchenden Alberich, der in seiner Nacktheit und Verletzlichkeit und mit seinen ausgestreckten Armen und seinem leicht angewinkelten, die Scham zu verdecken suchenden Bein ikonographisch durchaus an den gekreuzigten Jesus erinnert. Alberich ist ein echter Schmerzensmann. Mehr Beleidigung und Erniedrigung geht nicht. Eines der Bilder der mit religiösen Leitmotiven durchzogenen Inszenierung, die auch dank eines mutigen, sich schutzlos ausliefernden und auch sängerisch beeindruckenden Martin Winkler in Erinnerung bleiben werden. Seinem Fluch schenken Wotan und Loge zunächst keine Beachtung.
Wotan giert nach Macht und Ruhm und möchte vom Ring nicht lassen. Erst nach der eindringlichen Warnung Erdas, der Mutter aller Dinge, der Ur-Wala, der Urkraft aller Urkräfte, ist er bereit, den Ring herzugeben.
Bei Erdas Auftritt steht die Zeit nicht nur still und friert erst ein, sondern läuft per Dreh am Ring erst vor und dann wieder rückwärts. Zeit und Raum lösen sich auf. Wotan darf einen Blick in die eigene Zukunft und die Endlichkeit der Götter werfen. Auch dies ein weiterer magischer Moment der Inszenierung. Der Reichtum und die Fülle an passenden szenischen Lösungen, die Kratzer nicht nur hier findet, sind überwältigend und atemberaubend. Hier stimmt bis ins kleinste Detail vieles zusammen.

Am Pult formt Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester einen Wagner-Klang von großer Klarheit, Präzision und Raffinesse, der die Partitur analytisch durchdringt, ohne ihre spätromantische Wärme und emotionale Tiefenschicht zu verlieren. Gerade in dieser
Verbindung von struktureller Transparenz und sinnlicher Klangentfaltung liegt die besondere Qualität seines Dirigats: Jurowski arbeitet Details, Farben und motivische Verästelungen mit großer Sorgfalt heraus und lässt zugleich immer wieder jene emotionale Aufladung hörbar
werden, die Wagners Musik über das bloß Gedanklich-Semantische hinaushebt. So entsteht kein trockener, rein sezierender Zugriff, sondern ein klanglich feines, dramatisch hoch sensibles und dem szenischen Konzept ideal entsprechendes Musiktheater.

Auch die Sängerinnen und Sänger sind insgesamt hervorragend disponiert. Nicholas Brownlee gibt nach seinem triumohalen Rollendebpt im vergangenen Jahr erneut einen Wotan von großer, tragfähiger Stimme, bemerkenswerter Kraft, klug disponiertem Tempo, ausgezeichneter Textverständlichkeit und eindrucksvoller darstellerischer Präsenz. Martin Winkler gestaltet Alberich mit großer Intensität, scharfer Kontur und packender physischer wie vokaler Präsenz, während Sean Panikkar dem Loge mit eleganter Linienführung und kontrollierter Dämonie die richtige Mischung aus Verführung, Intelligenz und Distanz verleiht.
Ekaterina Gubanova, doe Tobias Kratzer seit langem künstlerisch verbunden ist, gibt der Fricka stimmlich wie darstellerisch große Autorität und Gravität. Gerade weil sich ihre Stimme inzwischen in ein besonders interessantes Zwischenfach hinein entwickelt, mit mezzosopranaler Fülle, aber auch Öffnungen in ein tiefes Sopranprofil, gewinnt diese Fricka zusätzliche Farbigkeit und Eigenständigkeit. Wiebke Lehmkuhl setzt als Erda einen Ruhepunkt von dunkler Würde, Timo Riihonen stattet den Fafner mit sonorer Wucht und markanter Präsenz aus, und Mirjam Mesak gibt der Freia eine leuchtende, verletzliche und zugleich sehr präsente Kontur, die die Figur weit über bloße Opferhaftigkeit hinaushebt.
Gewarnt durch Erdas Untergangsvisionen überlässt Wotan schließlich den verfluchten Ring zusammen mit Koffern voller Geld, Maschinengewehren und Tarnhelm den beiden Brüdern, die über den Ring derart in Streit geraten, dass es zum ersten Brudermord der Geschichte
kommt. Fasolt, der Freia und die Liebe wählt und als Entschädigung für seinen Verzicht den Ring für sich beansprucht, wird von Fafner um des Ringes willen erschlagen. Der Fluch funktioniert. Sorge, Furcht und Angst werden Wotan von nun an nicht mehr verlassen.
Die am Ende befreite, doch von Wotan lange im Stich und buchstäblich in der Luft hängen gelassene Freia kehrt schwer traumatisiert in den Kreis ihrer göttlichen Familie zurück, die sich nun auf den Weg in die prächtige Burg begibt. “Von Morgen bis Abend in Müh’ und
Angst, nicht wonnig ward sie gewonnen”, sinniert Wotan. Die Götter begeben sich nach Walhall und ziehen in einen nun von der Plastikplane befreiten, prächtig restaurierten, kitschig goldenen Hoch- und Schmuckaltar ein. “Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen”, weiß Loge schon jetzt.
Und die Rheintöchter halten fest: “Traulich und treu ist’s nur in der Tiefe, falsch und feig ist, was dort oben sich freut!”
Ein hell erleuchtetes Kirchenfenster mit zur Weltesche umgedeutetem Baum der Erkenntnis als zentralem Motiv bringt erstmals ein wenig Licht ins Dunkel und verspricht Hoffnung und Aussicht auf Erlösung in finsteren, gottlosen Zeiten. Als dieses endlich in lichtester Helligkeit
leuchtet, erblickt man den vollständig mit den Göttern besetzten Hochaltar als den Saal Walhalls, in welchem die Götter nun alle bereit zur Anbetung versammelt stehen.
Zum Schluss betreten Männer und Frauen die sich nach und nach mit Menschen füllende Kirche und sehen in höchster Ergriffenheit dem Einzug der Götter zu.
Die feste Burg Walhall als eine Kathedrale der Angst und Schutzraum der Macht füllt sich für den Augenblick mit neuem Leben. Und mit Glaube, Liebe, Hoffnung. Und Loge steht am Rand und hält mit einem Feuerzeug eine Flamme in die Luft.
Ist das schon das vorweggenommene Schlussbild der “Götterdämmerung”? Für die Auflösung dieser Frage braucht es noch ein wenig Geduld, und sicher ist hier beim Produktionsteam auch noch nicht alles in Stein gemeißelt. Aber es wird spannend zu sehen sein, wie sich die in diesem komplexen, anspielungsreichen Trailer eingeführten und zum Teil auch nur angedeuteten Motive im weiteren Verlauf auserzählen und verdichten werden.
Gott mag tot sein, aber der Auftakt dieser Ring-Tetralogie ist quicklebendig, göttlich und durch und durch magisch.

Dr. Eric Alexander Hoffmann

 

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