Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MÜNCHEN/ Cuvilliestheater: ARTASERSE von Johann Adolf Hasse. Premiere

Nach Bayreuth nun in München

12.05.2018 | Oper


Anja Silja als Markgräfin Wilhelmine, rechts im Hintergrund: Natalya Boeva als Mutter und Kathrin Zukowski als Bruder (Copyright: Jean-Marc Turmes)

Nach Bayreuth nun in München: „Artaserse“ von Johann Adolf Hasse (Premiere: 11. 5. 2018)

Die Eröffnungsproduktion der Theaterakademie August Everding „Artaserse“ von Johann Adolf Hasse aus dem Markgräflichen Opernhaus Bayreuth kam am 11. Mai 2018 in das Cuvilliéstheater in München. Die Aufführung fand in italienischer Sprache (Gesang) und in deutscher Sprache (Brieftexte) statt.

Dem Programmheft zur Oper war ein Zettel beigelegt, durch den das Publikum informiert wurde, dass man sich mit Absicht gegen Übertitel entschieden habe. „Soll man einen Teil seiner Aufmerksamkeit während der Vorstellung den Übertiteln opfern, anstatt sich ganz auf das Bühnengeschehen zu konzentrieren? Wir wollen Sie ermuntern, Ihren Assoziationen freien Lauf zu lassen.“ Dieser Aufforderung kam ein Teil des Publikums am Schluss der Aufführung nach, indem es das Regieteam mit lauten Buh-Rufen verabschiedete.   

Johann Adolf Hasse (geboren 1699 in Bergedorf bei Hamburg, gestorben 1783 in Venedig) zählte zwischen 1730 und 1760 zu den bedeutendsten Vertretern der Opera seria. Nach seinem Studium in Hamburg, wo er an der Oper auch als Tenor auftrat, hielt er sich längere Zeit in Neapel auf und studierte bei Alessandro Scarlatti. Er heiratete 1730 Faustina Bordoni und folgte mit ihr einer Einladung an den Dresdner Hof, wo er als Kapellmeister tätig war und mit Cleofide seinen Einstand als Komponist gab. Er reiste immer wieder nach Italien, wo die meisten seiner Opern uraufgeführt wurden. Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Pietro  Metastasio, dessen Texte er nahezu alle vertonte. Auch das Libretto von Artaserse stammt von Metastasio. Nach dem Tod von Friedrich August II. ging Hasse zunächst nach Wien, er ehe 1773 nach Venedig übersiedelte, wo er zehn Jahre später starb. Er komponierte insgesamt 56 Opern, die sich vor allem durch bestechende Klangwirkung und melodische Phantasie auszeichnen.

Mit Hasses Oper Artaserse wurde im Jahr 1748 das neu erbaute Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth eingeweiht, das nach sechsjähriger Renovierungsphase am 12. April 2018 wiedereröffnet wurde – mit einer Neuinszenierung von Artaserse, in der Regisseur Balázs Kovalik das Libretto Metastasios mit Texten der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth anreicherte.

Dadurch entstand ein „barockes“ Pasticcio, in dem nicht nur die Tragödie um Arbaces erzählt wird, der in Persien für einen Königsmord hingerichtet werden soll, den nicht er, sondern sein Vater begangen hat. Es wird auch versucht, das Leben der Bayreuther Markgräfin Wilhelmine dem Publikum näherzubringen, die auf der Bühne von der inzwischen fast 78-jährigen berühmten Wagner-Sopranistin Anja Silja dargestellt wird. Ein Unterfangen, das nicht ohne Probleme vonstatten ging, da die Musik immer wieder für die gesprochenen Texte unterbrochen wurde und damit der Schwerpunkt der Aufführung bei der Schilderung des schwierigen Familienlebens der Markgräfin Wilhelmine lag und die musikalische Seite eher  zu kurz kam.


Szenenbild mit den Darstellern der Theaterakademie August Everding (Copyright: Jean-Marc Turmes)

Dass die Inszenierung des Öfteren chaotische Züge annahm, musste man in Kauf nehmen. So rezitierten einmal fünf Personen – untermalt von Orchestermusik – gleichzeitig verschiedene Texte aus Briefen! Vielleicht war es sogar klüger, auf Übertiteln zu verzichten… Warum ein andermal alle Darsteller mit Hundemasken agieren mussten und des Öfteren ein Höllenlärm auf der Bühne herrschte, war rätselhaft wie vieles in dieser Inszenierung.

Das Bühnenbild nach einem Entwurf  von Csaba Antal zeigte ein fahr- und drehbares Theater, das sich leicht verwandeln ließ, für die prächtigen barocken Kostüme zeichnete Sebastian Ellrich verantwortlich.

Als Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth stellte Anja Silja, die sehr wortdeutlich rezitierte, ihre enorme Bühnenausstrahlung unter Beweis. Auch war sie der ruhende Pol auf der Bühne, wo stets hektisches Treiben herrschte. Dass es bei dieser Produktion mehr um das Leben der Markgräfin ging als um die Handlung von Artaserse, war auch der Besetzung im Programmheft zu entnehmen: Schwester, Bruder, Mutter, Vater und Intrigant waren die handelnden Personen, die alle von den Studierenden der Theaterakademie August Everding dargestellt wurden – mit großer Spielfreude und guten Stimmen.


„Artaserse“ in barocker Bühnenausstattung mit Tianji Lin im Zentrum (Copyright: Jean-Marc Turmes)

Besonders eindrucksvoll agierten die russische Mezzosopranistin Natalya Boeva als Mutter und die französische Koloratursopranistin Pauline Rinvet als Schwester, deren perlende Koloraturen das Publikum begeisterte, sowie die deutsche Sopranistin Kathrin Zukowski in der Hosenrolle des Bruders.

Auch die beiden männlichen Darsteller überzeugten sowohl stimmlich wie schauspielerisch: als Vater der schwedische Bass Eric Ander und als Intrigant der chinesische Tenor Tianji Lin. Der Hofkapelle München gelang es unter der Leitung von Michael Hofstetter, die reizvolle Partitur des Komponisten nuancenreich wiederzugeben. Das Publikum im ausverkauften Cuvilliéstheater belohnte am Schluss alle Mitwirkenden – auch die Bühnenarbeiter – mit lang anhaltendem Applaus, wobei es „Brava“-Rufe für Anja Silja gab. Als das Regieteam auf die Bühne kam, wurde der Beifall schlagartig von Buh-Rufen übertönt.

Udo Pacolt 

 

 

 

 

 

Diese Seite drucken