Bayerische Staatsoper: NORMA
Norma oder Adalgisa? Römer oder Gallier? Christ oder Heide? Liebe oder Pflicht? Rache oder Vergebung? Mutter oder Hohepriesterin? am 17.7.2026

Es sind diese unauflösbaren Gegensätze, aus denen Vincenzo Bellini sein hochmelodisches und dramatisches Meisterwerk formt. „Norma“ erzählt nicht nur die Geschichte einer betrogenen Frau, die von ihrem Geliebten und Vater ihrer beiden Kinder für eine jüngere Frau verlassen wird. Sie handelt von einer Persönlichkeit, die zugleich Geliebte, Mutter, Hohepriesterin und politische Anführerin sein muss. Norma zerbricht nicht an einer einzigen Entscheidung, sondern an der Unmöglichkeit, all diesen Ansprüchen gleichzeitig gerecht zu werden. Norma ist eine Frau zwischen den Fronten. Nicht nur Normas Work-Life-Balance ist aus dem Gleichgewicht geraten. Gerade deshalb wirkt Bellinis Oper bis heute erschreckend modern.
Als Jürgen Roses Münchner „Norma“ am 21. Januar 2006 Premiere feierte, wurde vor allem über eine Frau gesprochen: Edita Gruberová. Das lang erwartete szenische Rollendebüt der damals fast 60-jährigen Belcanto-Königin als Norma war ein Opernereignis. Viele Besucher des Nationaltheaters erinnern sich bis heute an ihr nahezu kultisch verehrtes „Casta Diva“. Für nicht wenige bleibt Gruberová bis heute die Referenz dieser Partie.

Das war Edita Gruberova, die für viele unvergessliche Norma. Foto: Wilfried Hösl
Natürlich hat jeder Opernliebhaber seine eigene persönliche Idealbesetzung dieser Oper. Für viele Münchner bleibt es die Gruberová-Norma von 2006. Meine persönliche Referenz ist Asmik Grigorian als Norma, Freddie De Tommaso als Pollione und Aigul Akhmetshina als Adalgisa.
Die aktuelle Münchner Besetzung reicht für meine Ohren und Augen an meine Ideal- und Ausnahmebesetzung zwar nicht ganz heran, bot mit Elena Stikhina und Emily Sierra jedoch zwei eindrucksvolle Protagonistinnen.
Elena Stikhina näherte sich der Titelpartie weniger als klassische Belcanto-Spezialistin im Stil einer Edita Gruberová. Ihre Norma lebte vielmehr von einer eindringlichen dramatischen Intensität. Ja, im „Casta Diva“ wirkten die Spitzentöne für mein Empfinden zunächst noch etwas metallisch. Doch mit jeder Szene gewann ihre Interpretation an Ausdruck, Kraft und Kontur. Stikhina besitzt insbesondere das breite, dunkel-dramatische Fundament in den tiefen Registern, das gerade in den wuchtigen Ensemblesätzen benötigt wird.
Im zweiten Akt, wenn Norma zwischen verletzter Geliebter, verzweifelter Mutter und politischer Führerin zerrieben wird, erreicht ihre Darstellung eine beeindruckende psychologische Tiefe. Ihre größte Stärke lag an diesem Abend neben der vokalen Virtuosität vor allem in der emotionalen Glaubhaftigkeit der Figur.
Emily Sierra meisterte ihre Adalgisa mit bemerkenswerter Souveränität. Ihr junger, warmer, ausgeglichener Mezzo verband sich ideal mit Stikhinas Stimme. Vor allem aber gelang ihr die glaubwürdige Zeichnung einer jungen Frau zwischen Liebe, Loyalität und religiöser Verpflichtung. Bellini komponiert Norma und Adalgisa nicht als erbitterte Rivalinnen, sondern als Freundinnen, beinahe als Schwestern – genau diese Nähe wurde an diesem Abend eindrucksvoll hörbar und machte ihre gemeinsamen Szenen für mich zu den bewegendsten Momenten der Aufführung.
Najmiddin Mavlyanov konnte mich als Pollione nicht vollständig überzeugen; ihm fehlt jene heldische Strahlkraft, die die Partie idealerweise verlangt. Seiner Stimme fehlte es an diesem Abend zudem etwas an Glanz und Durchsetzungskraft.
Roberto Tagliavini hingegen verlieh Oroveso mit seinem dunkel grundierten Bass genau jene Ruhe und Autorität, die diese Figur benötigt.

Copyright: Bayerische Staatsoper
Jürgen Rose, einer der bedeutendsten Bühnen- und Kostümbildner Deutschlands, der über Jahrzehnte mit Künstlern wie John Cranko, John Neumeier, Dieter Dorn oder Otto Schenk Theatergeschichte geschrieben hat, verantwortete hier nicht nur die Regie, sondern zugleich Bühne, Kostüme und Lichtkonzept. Wie so häufig bei seinen philologisch-hermeneutisch genauestens informierten Regiearbeiten stammt alles aus einer künstlerischen Hand – und genau das verleiht dem Abend bis heute seine außergewöhnliche ästhetische Geschlossenheit. Seine Norma ist, jenseits von Asterix und Obelix, eine beklemmende, düstere Dystopie.
Rose interessiert sich dabei nicht für romantische, exotistische Folklore. Sein heiliger Hain der Druiden ist extrem minimalistisch, düster und von kantigen, dunklen Holzkonstruktionen geprägt. Es herrscht eine bedrückende, beinahe archaische Atmosphäre. Seine Bühne zeigt weder mystische Eichenhaine noch pittoreske Antike. Stattdessen verlegt er Bellinis Oper, ganz im Sinne einer klassischen griechischen Tragödie, in eine abstrakte und zeitlos bleibende Bürgerkriegssituation, in der sich eine militärisch übermächtige Besatzungsmacht und irregulär kämpfender Widerstand unversöhnlich gegenüberstehen.
Die Gallier erscheinen in düsteren Grau- und Schwarztönen. Ihre Welt ist geprägt von Entbehrung, Angst, permanenter Bedrohung, aber auch von Wut, Rache- und Kriegsgelüsten – und tiefer religiöser Gläubigkeit. Demgegenüber stehen die Römer als imperiale Weltmacht und Kulturnation in makellos weißen Uniformen. Selten wurde der politische Gegensatz der Oper mit einer solchen Konsequenz in Farbdramaturgie und Lichtregie erzählt.
Interessant ist dabei auch, dass Normas beiden, mit Pollione gezeugten Kinder von ihr nicht als Gallier, sondern – mit ihren weißen Kostümen, römischen Spielzeugsoldaten und Spielzeugpferden – als Römer erzogen werden. Obwohl Norma Hohepriesterin und Anführerin der Gallier ist, wachsen ihre Kinder sichtbar in der kulturellen Welt ihres römischen Vaters auf.
Ebenso präzise entwickeln sich im zweiten Akt die persönliche und die politische Eskalation. Die einfachen Holzstäbe der Gallier verschwinden; stattdessen treten sie mit Sturmgewehren und schwarzen Skimasken auf. Aus religiösem Widerstand wird schwer bewaffneter, asymmetrisch geführter Guerillakrieg.
Dennoch verliert Rose den eigentlichen Kern der Oper nie aus dem Blick. Im Mittelpunkt steht keine Revolution, sondern eine Frau, die erkennen muss, dass sie ihr gesamtes Leben auf einer verbotenen, längst vergangenen Liebe aufgebaut hat. Indem Norma den Feind im eigenen Hause liebt, ist das Private zugleich immer auch das Politische. Durch Polliones Untreue wandelt sich die mächtige, friedliebende Druidin zur Rachegöttin. Norma wird zur Medea.
Einen entscheidenden Anteil am Gelingen des Abends hatte Giacomo Sagripanti am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Bellinis Musik lebt von der berühmten melodia lunga, jenen weit gespannten Gesangslinien, die ihren Ausdruck weniger aus dramatischen Ausbrüchen als aus einem ununterbrochenen musikalischen Atem beziehen. Sagripanti verstand es, diesen Atem über den gesamten Abend hinweg zu tragen. Mit fließenden Tempi, großer Transparenz und feiner klanglicher Balance ließ er das Bayerische Staatsorchester spielen und gab den Sängerinnen und Sängern stets den notwendigen Raum. So entstand in den großen Ensembles und Finali kein bloßer Wohlklang, sondern ein stetig wachsender innerer Sog. Das Orchester begleitete nicht nur, es erzählte die seelischen Erschütterungen und emotionalen Achterbahnfahrten der Figuren mit und wurde so zum treibenden Motor des Dramas.
Am Ende hat mich an diesem Abend weniger die Aktualisierung durch Kalaschnikows beeindruckt als vielmehr die Zeitlosigkeit von Jürgen Roses bildgewaltiger, beklemmender Regie. Sie braucht keine plakativen Gegenwartsbezüge und keine aufgesetzten Aktualisierungen. Ihre Kraft entwickelt sie aus der Musik, aus den Figuren und aus den inneren Konflikten des Werkes selbst. Gerade deshalb wirkt diese inzwischen zwanzig Jahre alte Inszenierung keineswegs museal. Sie ist kein verstaubter Regieklassiker, den man lediglich aus Ehrfurcht konserviert, sondern ein hochdramatischer Theaterabend, der noch immer lebt und bewegt. Auch ohne Edita Gruberová.
Dr. Eric Alexander Hoffmann
Anbei auch zwei Fotografien aus dem Progammheft mit Edita Gruberova, Fotograf Wilfried Hösl. Die BSO hat leider keine aktuellen Besetzungsfotos.

