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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: WOZZECK

Grelles Bilderbuch derArmut

18.11.2019 | Oper

München: “Wozzeck”–Bayerische Staatsoper 17.11.2019 – Grelles Bilderbuch derArmut

Bildergebnis für bayerische staatsoper wozzeck
Wozzeck (Christian Gerhaher) und der Doktor (Jens Larsen) beim Menschenversuch
© Wilfried Hösl

Ziemlich genau elf Jahre ist es her, dass Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Alban Bergs Wozzeck im November 2018 in München Premiere hatte. Es war nach Macbeth diezweite Premiere des neuen Intendanten Nikolaus Bachler und sie wurde damals zu Recht gefeiert. Kriegenburg zeigt diese Oper als grelles Bilderbuch der Armut, Wozzecks „wir arme Leut“ ist ja auch das sowohl im Text als auch in der Musik immer wiederkehrende Leitmotiv. Das Bühnenbild von Harald B. Thor sorgt für suggestive Bilder: ein großes, vor dunklem Hintergrund schwebendes Zimmer ist die ärmliche Stube Maries, aber auch das Zimmer des Hauptmanns und die Studierstube des Doktors. Überall tropft Wasser, auch der Bühnenboden ist knöcheltief mit Wasser bedeckt, ein Bild für die Unausweichlichkeit, mit der Wozzeck in sein Schicksal treibt. In diesem Wasser lebt es auch: Menschen in schwarzen Anzügen balgen sich um hingeworfenes Brot, suchen Arbeit – und reichen Wozzeck am Ende immer wieder das Messer, das er doch gerade weggeworfen hat. Grotesk überzeichnet – weißgeschminkte Gesichter mit tiefliegenden Augen und deformierende Kostüme (Andrea Schraad) – sind alle Personen in dieser Inszenierung, alle außer Wozzeck, Maire und ihr Kind.

Dass diese Aufführungsserie jetzt mit Spannung erwartet wurde lag zum einen an der langen Zeitspanne, die seit der letzten Wiederaufnahme vergangen war – das war im Oktober 2013 – zum andern aber auch am Münchner Rollendebüt von Christian Gerhaher in der Titelrolle.Gerhaher, der den Wozzeck schon 2015 in Zürich gesungen hat, ist ein Glücksfall für diese Rolle. Mit der ihm üblichen Akribie formt er jedes Wort, jeden Ton dieser enorm schwer zu singenden Rolle, die einen enormen Tonumfang und aberwitzige Intervalle verlangt. Wenn er am Anfang beim Hauptmann über die „armen Leut‘ “ philosophiert, richtet er sich auf und lässt seine Stimme dröhnen, doch meist steht er und mit schiefgehaltenem Kopf auf der Bühne und singe nach innen gewandt. Das Psychogramm eines von seinen Ängsten, aber auch von der Welt gequälten Menschen, der von Anfang an keine Hoffnung auf etwas Glück hat.


Marie (Gun-Brit Barkmin) und der Chor der Bayerischen Staatsoperbeim Tanz im Wasser
© Wilfried Hösl

Gun-Brit Barkmin ist eine expressive Marie; auch sie ist eine Singschauspielerin im besten Sinne des Wortes. Ihre schöne Mittellage kommt im Wiegenlied besonders zur Geltung, die Spitzentöne geraten manchmal etwas schrill.

John Daszak als eitler Tambourmajor und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann boten ebenfalls sehr gute sängerische und schauspielerische Leistung. Kevin Conners als Andres falsettierte etwas zu viel, der Doktor von Jens Larsen blieb etwas blass. Heike Grötzingers Alt klang etwas ausgeschlagen, die Ensemblemitglieder Peter Lobert, Boris Prygl und Ulrich Reß lieferten in ihren kleinen Rolles mehr als ordentliche Leistung ab.

Nicht so ordentlich klang das, was aus dem Graben kam. Hartmut Haenchen am Pult des Bayerischen Staatorchesters vermochte es nicht, diese hochexpressive Musik zum Leuchten zu bringen. Das klang alles ziemlich pauschal, die durchaus vorhandenen impressionistischen Passagen gingen im Einheitsklang unter, es herrschte der Eindruck des Lauten, Schrillen vor. Aber es gibt ja noch drei Vorstellungen, da kann manches noch nachjustiert und feingeschliffen werden.

Die Vorstellung 23. November wird auf Staatsoper.TV übertragen.

 Susanne Kittel-May

 

 

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