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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: TOSCA – Eine spannende Wiederaufnahme mit einer glänzenden Anja Harteros

21.10.2021 | Oper international

MÜNCHEN/Nationaltheater: TOSCA WA am 19. Oktober 2021

 Eine spannende Wiederaufnahme mit einer glänzenden Anja Harteros

 Im Oktober erlebte Puccinis „Tosca“ in der Inszenierung von Luc Bondy an der Bayerischen Staatsoper aus dem Jahre 2010 eine Wiederaufnahme unter der neuen Intendanz von Serge Dorny. Man war natürlich besonders gespannt auf die Titelrolle von Anja Harteros, während Piotr Beczala als Cavaradossi und Ambrogio Maestri als Scarpia erst später in der Saison zu erleben sein werden. Bei einem ersten Blick auf das wie immer am Nationaltheater recht dicke Programmbuch gewahrt man ein höchst interessantes Alphabet. Und zwar wird da von A bis Z durchdekliniert, um welche Taten, Tugenden und Untugenden, Verbrechen, Liebesbekenntnisse, Begierden und andere Phänomene es in dem Stück eigentlich geht. In gewissem Maße ein alphabetischer Opernführer oder Kompass. Den Interessierten sei die eindrucksvolle Aufstellung hier gegeben: 

Ausweglosigkeit, Befreiung, Couleur locale, Diva, Eifersucht, Folter, Geste, Historie, Intrige, Jagdtrieb, Kitsch, Leidensbereitschaft, Machtmissbrauch, Narzissmus, Opfer, Polizeistaat, Qual, Religion, Sadismus, Terror, Unterwerfung, Verweigerung, Wollust, Zerstörung. Und es gibt noch etliche zweite und dritte Begriffe auf den meisten Buchstaben…

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Luca Salsi. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Ja, und all das hat Regisseur Luc Bondy auch in seiner Sicht der „Tosca“ im Jahre 2010 durchdekliniert, also in Szene gesetzt. Die Produktion wirkt frisch wie am ersten Tag, wohl auch durch die szenische Einstudierung von Johannes von Matuschka. Es ist aber offensichtlich, dass Bondy religiöse Elemente offenbar so weit wie möglich aus seinen Bühnenbildern von Richard Peduzzi, der schon mit Patrice Chéreau am „Jahrhundert-Ring“ in Bayreuth 1976 arbeitete, heraushalten wollte. Die Kirche S. Andrea della Valle im 1. Akt ist ein geometrisches dunkel-backsteinfarbenes Gemäuer, in dem die Kapelle der Attavanti ein schlichter und kaum einsehbarer Seitenraum ist und allerlei dunkle Öffnungen Auf- und Abtritte ermöglichen. Angelotti lässt sich von oben mit dem Seil herab, als stünde die Engelsburg gleich daneben. Auf jemanden, der aus Wien kommt und über viele Jahre durch die barock-veristische Wallmann-Inszenierung aus den 1950er Jahren geprägt ist, wirkt so viel Abstraktion, ja gar spartanische Nüchternheit der Bilder bei einer auch sehr zurückhaltenden Lichtregie von Michael Bauer, Leiter der Beleuchtungsabteilung der Bayerischen Staatsoper, recht fremdartig. Damit ist auch die Terrasse der Engelburg gemeint, eine schlichte Plattform mit einem rechteckigen hohen Doppelturm, der wie ein Schornstein aussieht, aber alles andere als etwas mit der Engelsburg zu tun haben könnte. Von einer Skyline Roms, gar mit der Kuppel des Petersdoms und dem berühmten Engel auf der Plattform ist selbstredend nichts zu sehen. So bleiben diese beiden Akte optisch etwas schwach, und man könnte sie unter einer Rubrik „abstrakter Verismo“ abhaken. Stark wirkt dann allerdings das Te Deum, bei dem fast überraschend eine überalterte, schon schwer gehbehinderte Riege hochrangiger katholischer Geistlicher in Erscheinung tritt und die ganze Schwäche der Kirche in diesem Umfeld frappierend dokumentiert. Das war ein szenischer Kontrapunkt, der saß.

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Damen des Ensembles und Luca Salsi. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Interessanter ist hingegen der Mittelakt durch ein ungewöhnliches Interieur mit einem New Age-Dekor, leicht an der Grenze zum Kitsch, wie eben im Alphabet. Bequeme und modisch akzentuierte Sofas, auf denen sich zu Beginn drei von Spoletta später bezahlte „Grazien“ mit Scarpia räkeln und ihre optischen Reize unter wallenden Gewändern zur Schau stellen. Die geschmacksicheren und attraktiven Kostüme schuf Milena Canonero, die vor allem für ihre Arbeiten für den Film bekannt wurde und viermal einen Oscar gewann. Der gewohnte schwere Tisch mit Scarpias Mahlzeit ist zu einem kleinen Raucher-Glastisch „verkommen“, auf dem das Messer jedoch schon sichtbar ist. Das Folterverließ liegt wie meist hinter einer Öffnung in der Wand, wobei grelles Licht von dort auf die Bühne fällt.

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Luca Salsi, Najmiddin Mavlyanov, Kevin Conners. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

In einer solchen weniger Akzente auf die Ausstattung legenden „Tosca“ sind natürlich die Sängerdarsteller zu intensiver Aktion aufgerufen und werden von Bondy in der Tat auch mit einer bestechenden Personenregie geführt, ganz abgesehen davon, was sie aus ihrer Kenntnis der Rollen selbst dazutun. Beides war viel, insbesondere bei Anja Harteros als Tosca. Sie spielt in nahezu vollendeter Perfektion zunächst die Diva, dann die Eifersüchtige und romantisch Liebende, bevor sie angesichts des vermeintlichen Betruges über Scarpias Fächer fast die Nerven verliert und dann wie eine Raubkatze gegen ihn ankämpft als er sie vergewaltigen will. Ihr mit leuchtender Lyrik gesungenes „Vissi d’arte, vissi d’amore“ wird zum Zeugnis ihres verinnerlichten Credos über die Allmacht der Kunst und ist nach all ihrem Kampf für Cavaradossi und sich selbst die letzte Erklärung für ihre fast leidenschaftliche Ermordung der Bestie Scarpia. So oft habe ich noch keine Tosca so wütend zustechen sehen. Aber es ist sichtbar auch gleichzeitig ihr eigenes Ende. Nahezu entseelt sinkt sie nach seinem Tod in eines der Sofas und erscheint völlig kraftlos und zerstört… Vokal hat die Harteros die Rolle fest im Griff, gibt ihr lyrische Nuancen ebenso wie charaktervolle Farben in der Tiefe und vollklingende Spitzentöne. Es ist ein Genuss, so eine Tosca erleben zu können.

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Luca Salsi, Anja Harteros. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Luca Salsi ist ihr ein Partner auf Augenhöhe, ein relativ junger und attraktiver Scarpia, der seine Begierde nach Tosca zynisch und eher dosiert zu erkennen gibt. Allein, es fehlt seinem geschmeidigen und kantablen Bariton die letzte schwarze Boshaftigkeit, um die Rolle restlos glaubhaft zu machen. Das kam mir auch bei seinem Wiener Macbeth schon so vor. Der aus Samarkand stammende Tenor Najmiddin Mavlyanov, weitgehend im Verdi-Fach sowie im weiteren italienischen und slawischen Repertoire international unterwegs, ist ein optisch eindrucksvoller, wegen seiner Größe, und seines souveränen Spiels gut wirkender Cavaradossi mit einem in der Mittellage schön baritonalen abgedunkelten kraftvollen Tenor. Bei guter Resonanz gelingen ihm gleichwohl klangvolle Spitzentöne. Eine charaktervolle Interpretation des Geliebten der Tosca und ein Paar, das zusammenpasst und somit besonders glaubwürdig agiert.

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Anja Harteros, Najmiddin Mavlyanov. Foto: Wilfried Hösl/ Bayerische Staatsoper

Milan Siljanov, der den 2. Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb der ARD in München 2018 gewann und dann in das Münchner Opernstudio kam, singt einen exzellenten Angelotti mit einer wohlklingenden Bassbaritonstimme. Der Bayreuth-erfahrene Martin Snell gibt einen prägnanten und schärfer als normal üblich konturierten Messner. Kevin Conners ist ein boshafter und mental leicht gestörter Spoletta, stimmlich ebenfalls in guter Verfassung. Christian Rieger als Sciarrione und Andrew Gilstrap als sonorer Gefängniswärter runden mit dem Solisten des Tölzer Knabenchores das sehr gute Ensemble ab. Der Bayerische Staatsopernchor sowie der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper waren wie immer bestens von Stellario Fagone und seinem Team einstudiert.

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Schlussapplaus. Foto: Klaus Billand

Daniel Oren, der erst im Sommer in Verona wieder seine große Erfahrung mit G. Verdi in der Arena unter Beweis stellte, war auch an diesem Abend in Bestform und dirigierte das Bayerische Staatsorchester mit großem Einfühlungsvermögen für die vielschichtigen Facetten der Partitur und die Führung der Sänger. Er legte Wert auf besonders akzentuierte Dramatik, was auch zum Engagement der Solisten gut passte. So wurde es insbesondere musikalisch eine großartige „Tosca“-Aufführung. Weitere werden über die Saison 2021/22 folgen.                                                                                                                

Klaus Billand

 

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