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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: PARSIFAL. Wiederaufnahme

Der kahle Wald steht auf dem Kopf

26.03.2019 | Oper

Michael Nagy
Michael Nagy (Amfortas)

„Parsifal“ von Richard Wagner am 24.3.2019 in der Bayerischen Staatsoper/MÜNCHEN

DER KAHLE WALD STEHT AUF DEM KOPF

 Eine ungewöhnliche Sichtweise bietet der in Beirut geborene Regisseur Pierre Audi seinem Publikum (Bühne: Georg Baselitz; Mitarbeit Bühne: Christof Hetzer; Kostüme: Florence von Gerkan; Mitarbeit Kostüme: Tristan Sczesny).

Im ersten Akt sieht man einen wie abgebrannt wirkenden Wald mit einem skelettierten Tier. Dieses recht starke Bild wiederholt sich dann im dritten Akt, wo alles auf dem Kopf steht. Der zweite Akt fällt dagegen deutlich ab. Die Begegnung Parsifals mit Kundry wirkt nämlich zwischen dem lappenartigen Vorhang (der offensichtlich die Mauer von Klingsors Zauberschloss symbolisiert) seltsam verkrampft. Parsifals Metamorphose im ersten und dritten Akt kommt dagegen plastisch zum Vorschein. Die Inszenierung von Pierre Audi geht vor allem im ersten und dritten Akt stark auf Wagners Musik ein, deren Klangwelt auch visuell eine durchaus sinnliche Erfahrung zulässt. Das Konzept der Liebe soll aufgehen. Spirituelle Liebe und totale Hingabe müssen nahtlos ineinander übergehen. Die Selbsterkenntnis des Protagonisten steht hier im Mittelpunkt, umrahmt vom wirkungsvollen Konzept des Mitleids. Der Zustand der Gralsritter ist allerdings in Pierre Audis Inszenierung mit einem schwarzen Loch zu vergleichen. Nur ein Außenseiter kann ihnen dabei heraushelfen, indem er das zerstört, was den Gemeinschaftsgeist zusammenhält. Der „Parsifal“ von Pierre Audi ist reich an doppeldeutigen Symbolen, die sich immer wieder auffächern. Der Gral ist hierbei ein seltsames Herz. Audi deutet ihn als das Blut Christi beziehungsweise als Blut des Amfortas. Das Symbol der Wunde wird bei Pierre Audi zudem als etwas sehr Essentielles gesehen. Man kann so durchaus nachvollziehen, dass Richard Wagner an eine höhere spirituelle Existenz geglaubt hat. Über den Heiligen Geist soll bei diesem Konzept ganz bewusst nachgedacht werden, was bei der Inszenierung aber nicht immer deutlich wird. Doch alles soll auf Vertrauen basieren, denn mit dem Heiligen Geist ist bei dieser Sichtweise die Natur verbunden. Auch hier ist die Situation wieder sehr doppeldeutig. Der Schwan ist sehr eng mit der Figur des Amfortas verknüpft. So wird die Wunde der Natur gezeigt, die Parsifal heilen soll. Die Idee der Nacktheit soll in dieser Inszenierung verdeutlichen, dass die besondere Gemeinschaft um Amfortas das Konzept der Reinheit achtet. Bei den Blumenmädchen wirkt diese Nacktheit sogar ausgesprochen hässlich – und ist von der Regiekonzeption auch weniger gelungen. Die Tragik des Amfortas ist bei dieser Aufführung aber eine packende persönliche Tragödie, die Assoziationen zur Wunde Jesu aufkommen lässt. Und die Figur des Klingsor gleicht bei dieser Inszenierung sehr stark einer skurrilen Karikatur. Allerdings kommt gerade die emotionale Dimension zu kurz. Das Selbstheil der Gemeinschaft könnte am Schluss der Inszenierung auch noch mehr Profil gewinnen. Der Prospekt Taube wird vor einem durchsichtigen Vorhang am Ende aufgefaltet. Er wirkt wir ein unheimlicher Kosmos. Mit schnellen und energischen Strichen hat Georg Baselitz seine Vision von Wagners „Parsifal“ zu Papier gebracht. Im Mittelpunkt steht das Bild des Helden Parsifal, der durch die Kraft der Jugend bestehende Verhältnisse zu verändern vermag. Und in den sogenannten „Heldenbilern“ oder „Neuen Typen“ setzt er eine männliche Figur isoliert in das Hochformat. Diese Figuren wirken massig und kolossal – Baselitz erschuf hier das schonungslose Bild eines versehrten und verwundeten Mannes. Bei der Inszenierung sind große Vorhänge zu sehen. Baselitz stellt auch die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie die menschliche und ideelle Zerstörung des Individuums in den Mittelpunkt seiner Werke. Die massige Figur mit dem klein gestalteten Kopf dieser Gruppe wird zum Prototypen. Kundry hat als einzige weibliche Figur eine offene Körperhaltung, ihre Weiblichkeit wird durch den umhüllenden Mantel unterstrichen. In der Vergänglichkeit soll bei dieser nicht immer gelungenen Inszenierung von Pierre Audi ein Neuanfang stehen.

Musikalisch bietet die Vorstellung jedenfalls erheblich mehr als szenisch. Kirill Petrenko besitzt einen präzisen Sinn für die Feinheiten dieser komplexen Partitur, die er mit dem wunderbar schlank und dennoch kraftvoll musizierenden Bayerischen Staatsorchester minuziös offenlegt. Dass der Quell der musikalischen Inspiration auch beim alten Wagner mit verschwenderischer Leidenschaft zu fließen vermag, macht diese glühend-feurige Wiedergabe einmal mehr deutlich. Einfachheit und Klarheit dieser Musik vermisst man gerade deswegen nicht. Der von Sören Eckhoff sehr überzeugend einstudierte Chor und Extrachor vermag auch herrlich leise zu singen, um sich dann mit gewaltiger dynamischer Steigerung zurückzumelden. Die Diatonik beleuchtet den Gral in ergreifender Weise – und die heftig-höllische Chromatik bei Klingsor lässt in harmonischer Hinsicht kaum etwas zu wünschen übrig. Sensible Durchsichtigkeit beherrscht dagegen den geheimnisvoll daherkommenden Karfreitagszauber, der geradezu sphärenhaft zu entschweben scheint. Die wild-leidenschaftlichen Amfortasklagen gewinnen aufgrund der hervorragenden Darstellung des Baritons Michael Nagy im dritten Akt ein ausgezeichnetes Profil. Da kommt es zusammen mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Petrenko zu beklemmenden Unisono-Passagen, die durch Mark und Bein gehen. Der Bass-Rhythmus der Totenklage besitzt hier eine Intensität sondergleichen und entschädigt würdig für manche szenische Enttäuschung. Allerdings hätte das Schreit-Motiv noch markanter und wirkungsvoller umgesetzt werden können. Das Klingsor-Motiv gestaltet Derek Welton mit nie nachlassender Intensität, wobei zuweilen dämonische Akzente fehlen. Auch fehlt seinem Bass als Klingsor die Rabenschwärze.

Bildergebnis für Bayerische Staatsoper Parsifal
Nina Stemme. Foto: Bayerische Staatsoper/ Meisel

Nina Stemme vermag der unglücklichen Verführerin Kundry durchaus einen geschmeidigen Linienzug zu verleihen, wobei der lebhafte Harmonienwechsel nicht zu kurz kommt. In der Höhe sind die Spitzentöne pfeilsicher, werden aber nicht lange ausgehalten. Da ist Leonie Rysanek wahrhaftig ein unerreichtes Vorbild. Burkhard Fritz überzeugt als Parsifal trotz Intonationsschwankungen vor allem bei seiner heftigen Selbstanklage, während Rene Pape als Gurnemanz sich mit der Dekorationswandlung gesanglich in magischer Weise zu verbinden scheint.

In weiteren Rollen fesseln ferner Balint Szabo als schauerlicher Titurel sowie Kevin Conners als erster und Callum Thorpe als zweiter Gralsritter. Außerdem gefallen Rachael Wilson als Stimme aus der Höhe sowie Elsa Benoit, Noa Beinart, Manuel Günther und Galeano Salas als vier Knappen. Auch Klingsors Zaubermädchen besitzen mit Elsa Benoit, Selene Zanetti, Natalia Kutateladze, Vuvu Mpofu, Mirjam Mesak und Rachael Wilson deutliches Profil. Zudem gefällt der Kinderchor in der subtilen Einstudierung von Stellario Fagone.  Die rotglühende As-Dur und Des-Dur-Verklärung am Schluss durchbricht bei dieser Inszenierung jedenfalls szenische Grenzen. Das ist gut so. So gab es zuletzt durchaus begeisterten Schlussapplaus und Ovationen für das gesamte Team.  

Alexander Walther                               

 

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