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MÜNCHEN/Bayerische Staatsoper: JUDITH – ein Opernthriller

05.02.2020 | Oper

München: “Judith” – Bayerische Staatsoper 04.02.2020 – Opernthriller

„Judith, – ein Opernthriller“, so bewirbt die Bayerische Staatsoper ihre jüngste Neuproduktion: zwei Werke von Béla Bártok werden zu einem spannenden Krimi in der Oper verbunden: die Kurzoper „Herzog Blaubarts Burg“ von 1911 und das Spätwerk „Konzert für Orchester“ von 1943. Aufgeführt wird das in umgekehrter Reihenfolge: das Orchesterkonzert dient in einem ersten Akt als Filmmusik zu einem Stummfilm, in dem die Vorgeschichte der danach gespielten Oper erzählt wird, die so zum zweiten Akt des Opernabends wird.

Unter dem Titel „Judith“ erzählt die Regisseurin Katie Mitchell die Geschichte einer erfolgreichen Verbrecherjagd: eine verdeckte Ermittlerin lässt sich von einem reichen Psychopathen entführen, um das Schicksal von drei verschwundenen Frauen aufzuklären. Der Film zeigt in rasanten Kamerafahrten auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen die Vorgeschichte, die man auch versteht, wenn man das Programmheft nicht gelesen hat. Die schnellen Schnitte und Überblendungen – Regie des Films führte Grant Gee – fügen sich mit den manchmal harschen, in kurzen Momenten aber auch süffig auftrumpfenden musikalischen Wendungen von Bartoks Orchesterkonzert zu einer erstaunlich homogenen Einheit.

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Judiths Augen – eine auch stumm sehr ausdruckstake Nina Stemme          © Wilfried Hösl

Nina Stemme ist die Ermittlerin Anna Barlow. Sie darf hier im Film zeigen, dass sie auch stumm eine hohe Ausdruckskraft besitzt. Sie strahlt eine ernste Professionalität aus und hat dadurch tatsächlich Ähnlichkeit mit Helen Mirren, die in Ihrer Rolle als Ermittlerin in der 90er-Jahre Serie „Prime Suspect“ die Titelseite des Programmhefts ziert. Am Ende des Films sehen wir, wie Anna Barlow in die Rolle eines „Senior-Escort-Girls“ schlüpft und sich zu Blaubart bringen lässt.

Ohne Pause beginnt nun die Oper. Blaubarts Burg ist in einem schäbigen Keller untergebracht, wie in einer langsamen Kamerafahrt werden die sieben Zimmer eines nach dem anderen von rechts hereingeschoben (Bühne: Alex Eales). Judith/Anna spielt dem Entführer Zuneigung vor, dieser scheint zunächst darauf hereinzufallen, später – im sechsten Zimmer – enttarnt er sie, aber sie kann ihm die Pistole entwenden und zwingt ihn das siebte Zimmer zu öffnen. Darin findet sie die drei Entführungsopfer, befreit sie und erschießt Blaubart. Seine letzten Worte beschreiben sein eigenes Schicksal: „Und von nun an bleibt immer Nacht.“

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Links die Folterkammer mit John Lundgren als Blaubart, rechts die Waffenkammer mit Nina Stemme als Judith © Wilfried Hösl

Diese Neudeutung der Handlung ist erstaunlich schlüssig, nie gegen die Musik inszeniert, allerdings auch sehr eindeutig und geheimnislos. Da gibt es kein Rätsel über die Beweggründe Judiths in die Burg zu gehen, kein Geheimnis um Blaubarts Motiv für die Gefangenhaltung der Frauen. Ein banales Verbrechen wird aufgedeckt. Dass dieser Opernabend nicht banal, sondern im Gegenteil höchst spannend ist, liegt an der hervorragenden regiehandwerklichen Leistung und an der großartigen musikalischen Umsetzung.

Mit Nina Stemme und John Lundgren hat die Bayerische Staatsoper zwei wagner-erprobte Sänger aufgeboten. Die Partie des Blaubart ist geprägt durch kurze Phrasen und beiläufiges Parlando, also eigentlich eine eher undankbare Rolle. John Lundgren meistert sie mit bassschwarzer Tiefe. Sein Gesang wirkt mühelos und so natürlich, als würde er sprechen, selbst wenn er gegen das ganze Orchester ansingen muss. Nina Stemme fällt vor allem durch eine wunderbar volle, warme, völlig vibratofreie Mittellage auf. Die ariosen Aufschwünge, die Bártok der Judith zugesteht, gelingen bruchlos, in der Höhe blüht die Stimme schön auf.

Der eigentliche Star des Abends aber ist das Bayerische Staatsorchester unter dem Dirigat von Oksana Lyniv. Die Noch-GMD von Graz – sie will den Vertrag nicht verlängern – arbeitete zuvor mit Kirill Petrenko in München und hat inzwischen eine ganz eigene musikalische Handschrift gefunden. Sie arbeitet die Kanten und Brüche im Orchesterkonzert heraus, lässt aber auch die eingängigeren Momente auskosten. Dynamik und Tempo passen hier, wie auch bei Herzog Blaubarts Burg. Dort betont sie im impressionistischen Grundton des Werks ebenfalls die Kanten und schlägt so den Bogen zum Spätwerk. Ein großartiger Bártok-Abend!

Susanne Kittel-May

 

 

 

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