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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: FIDELIO

29.01.2019 | Oper


Tareq Nazmi (Don Fernando), Jonas Kaufmann (Florestan) und Anja Kampe (Leonore). Foto: Wilfried Hösl

München: Bayerische Staatsoper: „FIDELIO“,27.01.2019

Im Zentrum der „Fidelio“-Inszenierung des Regisseurs Calixto Bieito aus dem Jahr 2010 steht das Gefangensein des Menschen in seinen Gedanken und Gefühlen. Als Symbol für das Leben der auf diese Weise gefangenen Menschen dient ein riesiges gläsernes Labyrinth, welches die Bühne (Rebecca Ringst) auf der gesamten Breite und Höhe ausfüllt. In diesem Labyrinth irren die Protagonisten der Oper ebenso wie zahllose Statisten hin und her auf der Suche nachdem Weg nach draußen bzw. zu ihrem persönlichen Ziel. Obwohl sie ihre Mitmenschen durch die gläsernen Trennscheiben des Labyrinths sehen können, kommen sie mit diesen nur selten in Kontakt, da jeder– als bildhafte Entsprechung zu dem beschriebenen Gefangensein in den eigenen Gedanken und Gefühlen – nur mit seiner eigenen Position im Labyrinth und der Suche nach dem richtigen Weg beschäftigt scheint.

Um diese rein psychologische Sichtweise auf das Stück zu unterstreichen, wurden in dieser Produktion die Original-Sprechtexte des Librettos gestrichen und zum Teil durch Texte von Jorge Luis Borges über das Labyrinth als Symbol für das Leben des Menschen sowie durch Texte von Cormac McCarthy ersetzt.

Leider ist es in dieser Produktion jedoch nicht gelungen, diese – durchaus interessante und bedenkenswerte – Sichtweise des Regisseurs bis zum Ende durchgängig schlüssig, plausibel und nachvollziehbarbei zu behalten, was möglicherweise einfach daran liegen könnte, dass hierbei wesentliche Themen, die in dieser Oper enthalten sind, ignoriert oder gar – in einer letztlich mit dem Werk nicht zu vereinbarenden Art und Weise – negiert werden. Florestan befindet sich – wie letztlich alle – in einem „intrapsychischen Gefängnis“. Erleidet unter der Zwangsstörung, sich ständig die Haare kämmen zu müssen, und zeigt auch darüber hinaus diverse weitere Symptome einer psychischen Erkrankung. In der Sichtweise Bieitos ist es daher noch konsequent, dass die – dem Libretto entsprechende – Befreiung durch Leonore letztlich nicht zur Befreiung Florestans aus diesem „intrapsychischen Gefängnis“ führt. Calixto Bieito macht aus dem „goodguy“ Don Fernando einen – in seinem Äußeren dem Joker aus dem Batman-Film The Dark Knight (2008) nachempfundenen– „badguy“, der kurzerhand Florestan erschießt, was von Leonore –dem Wortlaut nach durchaus passend – mit „O Gott! Welch ein Augenblick!“ kommentiert wird. Die – freilich gleichermaßen dem ursprünglichen Sinn zuwiderlaufende – Erwiderung Florestans „O unaussprechlich süßes Glück!“legt – durchaus schlüssig – nahe, dass letztlich nur der Tod zu seiner Befreiung aus dem „intrapsychischen Gefängnis“ führt. Da allerdings die Oper danach bekanntermaßen noch mit Jubelgesängen weitergeht, erhebt sich der soeben tot umgefallene Florestan plötzlich wieder und stimmt nun fröhlich und scheinbar ganz lebendig mit Leonore und dem Chor in Jubelgesänge ein. Isoliert betrachtet lässt sich dies einigermaßen schlüssig nur damit erklären, dass es sich um Florestans Imaginationen im Jenseits handelt. Als einziger auf der Bühne erhält er schließlich vom Joker Don Fernando ein Schild mit der Aufschrift „frei“ umgehängt. Da er als einziger kurz zuvor gestorben ist, spricht auch dies für die Theorie einer Befreiung (nur) durch den Tod. Allerdings passt hierzu überhaupt nicht, dass Florestan dieses Schild im weiteren Verlauf des gemeinsamen Jubels auch Leonore umhängt. Theoretisch käme freilich auch der Gedanke einer Wiederauferstehung Florestans aufgrund von Leonores Liebe und Treue in Betracht, wenn eine solche nicht schon per se völlig unplausibel wäre. Zudem steht einer solchen Theorie entgegen, dass Leonores Liebe und Treue ja zuvor bei der Befreiung nach dem Libretto auch noch keinerlei „heilende“ Wirkung entfalteten.

Dieser unschlüssige letzte Teil der Produktion wird auch musikalisch durch einen Einschub von der restlichen Oper abgespalten: Nach demDuett „O namenlose Freude“ spielen Musiker, die in Käfigen von der Decke herabschweben, eine gekürzte Fassung des – wunderschönen – Molto adagio aus Beethovens Streichquartett op. 132 a-Moll. Durch dieses ruhige, meditative Stück wird die in der „Fidelio“-Musik zuvor aufgebaute musikalische Spannung und Ekstase jäh unterbrochen mit der Folge, dass man den letzten Teil der Oper aus einer gewissen inneren Distanz heraus erlebt. Auch wenn man diesem Kontrast freilich einen gewissen Reiz zusprechen kann, dürfte jedoch zumindest bei den Freunden eines rauschhaften Musikerlebens insoweit der empfundene Verlust bei weitem überwiegen.

Kirill Petrenko bot in der Vorstellung am 27.01.2019 mit dem Bayerischen Staatsorchester einmal mehr einen sehr transparenten, differenzierten Klang in hoher Präzision und zugleich voller natürlicher Emotionalität und Ausdruckskraft. Er reizte die Extreme in Dynamik und Tempi aus, hielt die Musik stets in natürlichem Fluss und trieb so, ohne je zu drängen, die Handlung voran. Das Zusammenwirken zwischen dem Orchestergraben sowie den Solisten und dem stimmgewaltigen Chor der Bayerischen Staatsoperauf der Bühne war durchweg hervorragend.

Sämtliche Solisten zeigten sich an diesem Abend äußerst spielfreudig und mit hoher darstellerischer Ausdruckskraft. Mit ihrem angenehmen, warmen, runden und vollen Sopranverkörperte Anja Kampe eine Leonore, die einerseits glaubwürdig und mit großer Natürlichkeit einen burschikosen Fidelio gibt und andererseits hoffnungsvoll und mit einer immensen inneren Kraft und Stärke zielstrebig die Befreiung ihres Gatten verfolgt. Leonores Befürchtungen, ihren Mann nicht mehr lebend anzutreffen, sowie ihr Mut und ihre ungeheure Entschlossenheit wurden intensiv erlebbar, wobei Anja Kampe sämtliche dramatischen Ausbrüche ohne jegliche Schärfen in der Stimme meisterte.

Jonas Kaufmann präsentierte sich als Florestan in ausgezeichneter Verfassung mit einer freien, kraftvollen und farbenreichen Stimme sowie strahlenden Höhen. Zudem beeindruckte und berührte er tief mit einer darstellerisch packenden Gestaltung eines in dieser Produktion vor allem psychisch kranken, aber auch willensstarken Gefangenen. Mit einer ganz und gar natürlich klingenden stimmlichen Gestaltung brachte Jonas Kaufmann Florestans tiefste Verzweiflung und Wutebenso intensiv zum Ausdruck wie dessen aufkeimende Hoffnung und Glücksgefühle am Ende. Eine besondere Hervorhebung verdient der Beginn seiner Arie: Wie er das Wort „Gott“ scheinbar aus tiefstem Abgrund, aus einem zarten Pianissimo heraus –mit klarer, frei strömender Stimme, ohne jegliche Manierismenund mit absoluter Stimmkontrolle – langsam zu einem inbrünstigen, kraftvollen Fortissimo anschwellen ließ, jagte einem Schauer über den Rücken und versetzte das Publikum ganz unmittelbarin die Lage, an Florestans tiefster Verzweiflung intensiv teilzuhaben.

Der Kerkermeister Rocco ist in der Sichtweise des Regisseurs Calixto Bieito gefangen in seinem Streben nach finanziellem Reichtum und einer Alkoholabhängigkeit. Sein Heiligtum ist ein Aktenkoffer voller Geldscheine, den er – an seinem Handgelenk festgekettet – permanent mit sich herumträgt. Rocco ist ein mit einer zwanghaften Persönlichkeit ausgestatteter, suchtkranker typischer Mitläufer und bloßer Befehlsempfänger, der allerdings so integer ist, dass er sich – unter Aufbietung aller seiner noch vorhandenen Kräfte – dem Auftrag zu einem Mord widersetzt. Eine durch und durch überzeugende Gestaltung dieses komplexen Rollenporträts gelang Günther Groissböck mit seiner volltönenden,voluminösen, klaren, kultivierten und ausgesprochen klangschönen Bassstimme, die nicht nur über eine prächtige Mittellage, sondern auch über eine glänzende Höhe und eine satte Tiefe verfügt.


Günther Groissböck (Rocco), Wolfgang Koch (Don Pizarro) und Oleg Davydov (2. Gefangener). Foto: Wilfried Hösl

Mit seinem hellen Bariton gestaltete Wolfgang Koch die Figur des Don Pizarro eindrucksvoll als schmierigen, widerlichen Machthaber, der seine eigenen zwielichtigen Interessen skrupellos über Recht und Gesetz stellt. Hanna-Elisabeth Müller sang die Marzelline mit leuchtendem, in den Höhen glanzvoll aufblühendem Sopran ohne Schärfen. AlsJaquino überzeugte Dean Power mit seinem individuell timbrierten, klangschönen, lyrischen Tenor.Als Don Fernando alias der Joker erfreute Tareq Nazmi mit frei strömender, klarer, dunkler Bassstimme. Caspar Singh als 1. Gefangener ließ mit einem metallisch schimmerndenTenor aufhorchen. Oleg Davydov rundete als 2. Gefangener die hervorragende Solistenriege ab.

Am Ende verdientermaßen großer und lang anhaltender Jubel für alle Beteiligten.

Martina Bogner

 

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