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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: DIE WALKÜRE. Hubschrauberalarm an der Isar

05.07.2026 | Oper international

4.7.2026 Bayerische Staatsoper DIE WALKÜRE

Hubschrauberalarm an der Isar

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Foto: Bayerische Staatsoper

Die Erwartungen waren groß, geradezu unerfüllbar nach dem fulminanten Ring-Auftakt mit einem psychologisch durchdachten, aber doch pompösen Rheingold mit dem Motto „Gott ist tot“ und einem packenden Sean Panikkar als Strippenzieher Loge.

Was würde nun Regie-Wunderknabe Tobias Kratzer (Bühnenbild und Kostüme: Rainer Sellmaier) aus dem dramaturgischen Fremdkörper innerhalb des Ringes machen? Inwieweit gelingt es bei einem Plot, der stark von der ungesetzlichen Geschwister-Liebesbeziehung dominiert ist, die Geschichte von Aufstieg und Fall des Hauses Walhall fortzuschreiben? Der Einstieg – ein einfaches Haus im Wald hat gleich Reminiszenzen an das Rheingold: Der finale Götteraltar steht in Hundings Stube, der zudem ein großer Fricka-Verehrer sein dürfte: Altar und geopferter Widder bezeugen dies. Kratzer setzt auf einfache Bilder, setzt die Personen zumeist, wie sie gezeichnet wurden, zueinander in Beziehung. Einzig die Liebesaffäre will nicht so recht anspringen. Bis zum Tod des unglücklichen Bruders bleiben die beiden einander fremd, Leidenschaft ist ebenso wenig spürbar wie Vertrautheit oder gar Liebe: Vielleicht hat ihre Zusammenkunft nur den Sinn, der hehrsten aller Helden, der sich vor Wotans Speeres Spitze nicht fürchtet, zu zeugen? Auch das gewonnene (ausgesuchte) Schwert ist ein Hohn: Die rostigste aller Waffen macht sich Wehwalt zu eigen. Mit Hundings klapprigem Fahrzeug ergreift das junge Glück die Flucht.

Der zweite Akt beginnt dort, wo der erste aufgehört hat, so darf Fricka in Hundings Stube den Widder entweiden – seit dem Wiener Tristan ist Ekaterina Gubanova, die damals als Brangäne Fisch-Innereien zu Tage beförderte, wohl des Aufbrechens kundig. Bei Wotans Erzählung löst sich die Szenerie auf, der Wald bleibt, eine Kirche findet ihren Platz, bei Ankunft des ehebrecherischen Geschwisterpaars erscheint neben Brünnhilde dessen niedergebrannte Kinderstube auf der Bühne – man (er)kennt sie mittlerweile an Hand der Filme (Video: Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi) über dessen glückliche Kindheit mit ihrem Papa. Final erscheint hier wiederum Fricka – eine dominante Konstante in dieser Inszenierung, vor der Hunding diesmal in natura kniet.

Was nun folgt, ist zweifelsohne das Kernstück dieser Produktion, der Grund, deretwegen man diese wohl noch sehr lange in – blendender – Erinnerung haben wird: In Anspielung an das Regie-Wunderwerk Apocalypse Now steigt ein Walküren-Hubschrauber auf und Wotans Töchter reiten durch München, wo sie Ertrunkene und Verkehrsopfer aufsammeln, die sie sodann in den prunkvollen Pausen-Räumlichkeiten der Bayerischen Staatsoper waschen, reinigen und zu einer Zombie-Armee zusammenfügen. Brünnhilde wird auf einer simplen Matratze zur Ruhe gebettet, Loge bringt ein Teelicht – welche Ironie – und im Abspann sieht man, dass es dieser unter Frickas Anweisung war, der Wälses Behausung angezündet hat.

Die Personenregie? Erwartungsgemäß grandios mit viel Liebe zum Detail. Hunding, ein übler, bigotter Macho, seine verängstigte Frau, die nur auf den Absprung wartet. Deren Bruder, der sich anfänglich wie ein Verbrecher fühlt. Eine dominante Fricka, ein todessehnsüchtiger Wotan, der sich im dritten Akt zu neuer Energie aufschwingt, eine maskuline Brünnhilde, die irgendwie seltsam distanziert erscheint. Kratzers Deutung fokussiert definitiv nicht auf die Liebes- und Freundschaftsbeziehungen, bei ihm geht es um Religion, das System, den Machterhalt. Sein Rheingold traf den Kern des Stücks noch besser, bei seiner Walküre geht der romantische, liebevolle Aspekt verloren, wird Teil des großen Ganzen, des Ringes und der Frage, inwieweit das eigene Schicksal beeinflussbar ist. Vielleicht also nicht der ganz große Wurf wie das Rheingold – aber das ist angesichts der sich allenthalben entwickelnden Regisseurdilettantendeseaster Kritik auf allerhöchster Ebene. Als Wienerin kann man nur neidvoll in die deutsche Schwesternstadt an der Isar blicken.

Vladimir Jurowski, der musikalische Chef im Haus, hat sich des Mammutwerkes angenommen und findet bei der Walküre nicht unbedingt zu einer einheitlichen Handschrift. Recht langsam im Aufbau des ersten Aktes, konversationslastig der zweite, die Todesverkündigung seltsam blass und wenig mystisch, erst im dritten Akt bäumt er sich mit dem Orchester zu den dort verlangten dramatischen Höhepunkten auf. Vielleicht insgesamt zu wenig Wechsel in Lautstärke und Duktus, alles in allem Stückwerk.

Bemerkenswert bei der Sängerriege ist, dass die beiden ganz großen Persönlichkeiten die sind, die die beiden Nebenrollen verkörpern:

Ain Anger als Hunding hat zu seinem Stimmvolumen und zu männlich-autoritärer Kraft zurückgefunden. Imposant in Auftreten, bestimmend in seinem sonoren Ausdruck.

Ekaterina Gubanova hat sich in den letzten Jahren zu einer der führenden Mezzosopranistinnen im Wagnerfach entwickelt und feiert von Bayreuth bis New York große Triumphe. Klug ihre stimmlichen Mittel einsetzend weiß sie dort zu forcieren, wo es Not tut und dort ihre Stimme zurückzunehmen, wo sie mit Contenance Aufsehen zu erregen vermag. Elegant und böse ist sie keine laute Chefin, aber eine berechnende Göttin, die ihren von schlechtem Gewissen geplagten Mann zu zügeln weiß und ihm so das liebste, nämlich seine nicht von ihr stammenden Kinder, wegnimmt.

Die US-Amerikanerin Irene Roberts ist Mezzosopranistin und daher nicht eben prädestiniert, die Sieglinde zu verkörpern: Ihr Organ ist dunkel, gut geführt, durchaus höhensicher, aber bar jeglicher jubelnder Sopranspitzentöne, weist keine Wärme, keine Weichheit auf. Insofern nicht unpassend zur inszenierten Leidenschaftslosigkeit. Beim hehrsten Wunder gerät sie in einen Frauenpowerwettstreit mit der hochdramatischen Brünnhilde. Tränen in den Augen des Publikums erzeugt sie aber nicht.

Der ihr zugemessene Heldenzeuger Siegmund wird vom jungen schwedischen Tenor Joachim Bäckström interpretiert. Seine Stimme ist hell, ohne die baritonale Grundierung wie man sie mit den Siegmunden dieser Welt kennt und schätzt, ohne Honigtöne und ohne jeglichen sinnlichen Schmelz, allerdings ohne dabei die Autorität eines Klaus Florian Vogt zu besitzen. Die Wälse-Rufe gelingen sehr gut, das finale „Wälsungenblut“ weniger – was in concreto allerdings nicht allzu bedeutungsvoll ist, da zu dessen Klängen ohnehin nicht die bräutliche Schwester, sondern das Fluchtfahrzeug bestiegen wird.

Die Werktitelgeberin verkörpert die Finnin Miina-Liisa Värelä, eine echte Hochdramatische mit metallischer Stimmfärbung, sehr guter Höhe, aber einer nicht allzu differenzierten Ausdruckspalette. Zweifelsohne ist sie rollendeckend, aber verlangt man von der menschlichsten aller Ring-Figuren nicht mehr? Eine Rührung ob des Siegmund vorbestimmten Schicksals ist bei ihrer Brünnhilde ebensowenig spürbar wie echtes Mitleid mit Sieglinde oder der drängende Empathie-Appell an ihren Vater.

Mit dem erst 37-jährigen US-amerikanischen Bassbariton Nicholas Brownlee hat die Bayerische Staatsoper zweifelsohne einen ganz großen Coup mit ihrer Wotanbesetzung gelandet. Brownlee hat eine klangschöne vielfarbige ausdrucks- und kraftvolle Stimme, die in den Höhen, den Tiefen, in den Piani und den dramatischen Ausbrüchen gleichermaßen zu punkten weiß. Keine einzige Unsauberkeit, keine Ermüdungserscheinungen bei seinem Abschied, Verzweiflung, Nachdenklichkeit, Temperament, Todessehnscht – alles da. Hin und wieder eine Textunsicherheit, die ganz große Autorität fehlt noch. Trotz dieser Einschränkungen eine fulminante Leistung.

Das Walküren-Oktett einschränkungslos stimm- und klangschön, ohne Unebenheiten, solistisch und in den Ensembles tadellos.

Sind die Götter nun tot? Fortsetzung folgt demnächst.

Sabine Längle

 

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