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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper: BAYERISCHES STAATSORCHESTER, ZUBIN MEHTA, CAMILLA NYLUND

26.01.2021 | Konzert/Liederabende

 Bayerisches Staatsorchester unter Zubin Mehta im Nationaltheater

BETÖRENDE BILDKRAFT

Zubin Mehta dirigiert das Bayerische Staatsorchester am 25.1.2021 im Nationaltheater (Staatsoper)/MÜNCHEN

MONTAGSSTÜCK XI: SEHNLICHES VERLANGEN | Bayerische Staatsoper
Zubin Mehta. Foto: Bayerische Staatsoper

Verschwenderische Vielseitigkeit beherrscht trotz Altersweisheit die „Vier letzten Lieder“ nach Gedichten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff von Richard Strauss, was die Sopranistin Camilla Nylund bei „Beim Schlafengehen“ und „Im Abendrot“ in ganz besonderer Weise betont. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Zubin Mehta begleitet sie hier ausgesprochen einfühlsam und mit farbiger Harmonik. Der Ausdruck der Empfindung steht so auch bei „Frühling“ und „September“ stets im Mittelpunkt. Schillernd-harmonischer Glanz verbindet sich hier in eindringlicher Weise mit der Singstimme. So kommt der strahlende, hymnische Aufschwung der Themen zur vollen Wirkungskraft. Und dabei gewinnt die melodische Komponente eine geradezu überschwängliche Emphase, die aber nie Selbstzweck ist. Dies kommt besonders schön bei „Im Abendrot“ zum Ausdruck. Zubin Mehta legt bei seiner Interpretation auf die Thematik von Richard Strauss eine besondere Bedeutung. Diese Themen werden auch hier ausgebaut, variiert und verwertet. Immer wieder überrascht die verblüffende Bildkraft knapp und prägnant gefasster Themen. Auch ein gewisser Naturalismus schimmert durch. Ein Zauber von Schwerelosigkeit liegt über dieser Wiedergabe. Bei der Interpretation von Franz Schuberts Symphonie Nr. 8 in C-Dur D 944 „Die Große“ zeigt Zubin Mehta als Dirigent zwar eine gewisse Zurückhaltung, dennoch legt er auf dynamische Kontraste und Steigerungen größten Wert. Das romantisch-naturnahe Thema der Hörner sticht hier deutlich hervor – und auch das hallende Schlussecho zeigt beim Ritardando im ersten Satz eine prägnante Struktur. Innigkeit, Erregung und Größe dieses Themas kommen nie zu kurz. Spannung und Energie verdichten sich immer mehr, der fast ritterliche Schwung in den Holzbläsern zeigt tänzerisches und geradezu leidenschaftliches Feuer. In Oboen und Fagotten macht sich das zweite Thema bemerkbar. Die Posaunen beschwören das Vierton-Motiv fast magisch. Und die Coda scheint dann die weltverlorenen Geheimnisse der Romantik in erhabener Weise zusammenzufassen. In ergreifender Weise vereint bei dieser doch bemerkenswerten Interpretation der zweite Satz Andante con moto „Lieder ohne Worte“. Die Melodie der Oboe besitzt eine fast gedrückte Stimmung, die an Beethovens siebte Sinfonie erinnert. Besonders bewegend interpretiert Mehta mit dem Bayerischen Staatsorchester daraufhin den innigen Dur-Nachgesang, der sich dem Hörer tief einprägt. Ein scharfer Rhythmus lässt eine neue Melodie von schneidender Kraft erklingen. Und sehnsuchtsvoll musizieren die Holzbläser eine zarte Weise. Der poltrige Rhythmus des dritten Scherzo-Satzes wird von Zubin Mehta nicht übermäßig betont. Im Dialog von Geigen und Celli zeigen sich auch Grazie und Esprit. Die Empfindungen scheinen dabei aus einem reinen Naturgefühl geboren zu sein. Draufgängerisch wirkt zuletzt das rasant musizierte Finale, dessen Ausgelassenheit die Zuhörer mitreisst. Schärfere thematische Konturen blitzen bei den Holzbläsern hervor. Das zweite Thema wird von einem Hornton in geheimnisvoller Art herbeigelockt. Die federnden Triolen der Geigen klingen hier fast gemächlich. Der Durchführungsteil mündet in eine „himmlisch“ ausgeweitete Coda, deren Glanz bei dieser Wiedergabe voll ausgekostet wird. So werden auch die geheimsten Winkel der Melodien beleuchtet. Diese letzte Symphonie Schuberts wurde übrigens erst nach seinem Tode gefunden. Robert Schumann entdeckte die Niederschrift zwischen verschiedenen Kompositionen im Nachlass. 

Alexander Walther

 

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