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MÜNCHEN/ Ballettfestwoche 2019: DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG von John Cranko

15.04.2019 | Ballett/Tanz

München: Ballettfestwoche 2019: DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG, 14.4.2019

Das Konzept von Staatsballettdirektor Igor Zelensky für die diesjährige Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts (11.-18.4.2019) bietet eine Übersicht über das vorwiegend klassische und neoklassische Repertoire, das seit dem Amtsantritt Zelenskys vor zwei Jahren hier gepflegt wird, und gibt einen Einblick in den hohen künstlerischen Standard der Compagnie. Darüber hinaus wird durch die Verpflichtung internationaler Ballettstars den Festspielaufführungen zusätzlicher Glanz verliehen. So tanzten an den ersten Abenden zum Beispiel Edvin Revazov und Anna Laudere in „Kameliendame“ und David Hallberg und Natalia Osipova in „Onegin“. Alina Somova und Vladimir Shklyarov waren das Solopaar im dritten Teil „Diamonds“ von George Balanchines „Jewels“.

Für die Vorstellung von John Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“ war Ivan Vasiliev, Principal Dancer beim Mikhailovsky Ballett St. Petersburg, engagiert. Leider hatte sich Vasiliev kurzfristig verletzt und konnte nicht auftreten. Für ihn sprang „Hausbesetzung“ Yonah Acosta ein und erreichte zusammen mit seiner Partnerin Laurretta Summerscales und dem gesamten Ensemble einen großen Triumph. Der Petrucchio von Yonah Acosta nahm das Publikum sofort für sich ein. Obwohl er natürlich ein Hallodri ist und sich äußerst rüpelhaft aufführt, spürt man, dass er seine Katharina bald liebgewinnt und seine „Erziehungsmaßnahmen“nicht bösartig sind, sondern von Humor, Charme und (noch) verdeckter Zuneigung getragen werden. Tänzerisch beeindruckte Acosta durch seine leichten hohen Sprünge, sein Tempo und seine Partnerarbeit in den bekannt schweren Pas de deux von John Cranko.Laurretta Summerscales als Katharina und Acosta bildeten ein sehr homogenes Paar. Denn auch sie war in ihrer Kratzbürstigkeit und Wildheit immer von einem Hauch von Charme umweht und hatte so das Publikum gleich auf ihrer Seite. Tänzerisch beeindruckt sie in hohem Maße durch ihre sichere Technik und ihr darstellerisches Temperament. Die liebliche Bianca, Katharinas Schwester, die gleich von drei Verehrern umworben wird und auf die auch Petrucchio als erstes zugehen will, ist Kristina Lind.Sie verkörpert ihre Rolle mit Mädchenhaftigkeit und graziösem Tanz, kann aber zum Ende des Stückes auch deutlich machen, dass die sanfte Bianca durchaus noch eine andere Charakterseite hat. Ihr erfolgreicher Bewerber, der edle Lucentio, ist Jonah Cook. Er liefert einen aetherischen, etwas selbstverliebten Liebhaber ab, dem sein feiner klassischer Tanz fast wichtiger zu sein scheint als seine Liebe zu Bianca. Die beiden anderen bei Bianca erfolglosen Liebhaber sind köstliche, eigenwillige Typen: der umständliche Gremio mit seinem Vogelpfeif-Gesang (Javier Amo) und der selbstbewusste Hortensio (Ariel Merkuri).Beide werden noch ihr blaues Wunder erleben mit ihren couragierten Ehefrauen, denschrillen, durchtriebenen Freudenmädchen (Séverine Ferrolier und Elisa Mestres), mit denen sie sich auf einem Maskenball verloben –jeder von beiden in der Annahme, er bekomme Bianca. Die groteske Dienerschaft auf Petrucchios Landgut hatte natürlich die Lacher auf ihrer Seite: Dukin Seo, Dustin Klein, Konstantin Ivkin und Stefano Maggiolo.Die perfekt dargestellten Charaktere von Vater Baptista (Krysztof Zawadzki) und des Wirtes (Zoltan Mano Beke) sowie der skurrile Priester (Vladislav Dolgikh) und die Damen und Herren des formvollendet getanzten Pas de six rundeten das Bild dieser begeisternden Vorstellung ab.

 Das ganze farbenfrohe (Bühne und Kostüme: Jürgen Rose), quirlige, aber in den späten Pas de deux  vonPetrucchio und Katharina auch innige und romantische Ballett macht so viel Spaß und Freude, dass der Zuschauer leicht vergessen kann, wie schwer die Choreographien von John Cranko zu tanzen sind. Aber die Mitglieder des Bayerischen Staatsballetts, Solisten wie Ensemble, „haben es drauf“ und so ist es nur folgerichtig, dass diese Vorstellung vom Publikum, in dem auch viele Kinder und Jugendliche waren, lautstark und ausdauernd gefeiert wurde. Dieses jugendliche Publikum bezog den Dirigenten des Abends Myron Romanul und das  Bayerischen Staatsorchester ebenso in seinen begeisterten Applaus ein wieSolisten und Ensemble des Bayerischen Staatsballetts.

Mein Sitznachbar, ein etwa 70 Jahre alter Herr, amüsierte sich köstlich über die Vorstellung und lachte oft laut auf. Er war noch nie in einem Ballett gewesen und nahm sich nun vor, Versäumtes nachzuholen und öfter zu gehen. (Hoffentlich bekommt er Karten!)

Helga Schmöger

 

 

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