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MOSKAU/ Dresden UFA Filmpalast: Live aus dem Bolschoi-Theater: GISELLE

12.10.2015 | Ballett/Tanz

Live aus dem „Bolschoi“, Moskau im UFA Kristallpalast Dresden: “GISELLE“ – 11.10.2015

Unter der Leitung von Pavel Klinichev begab sich das Orchester des Moskauer Bolschoi Theaters schon mit den ersten Takten der Musik von Adolph Adam in jene musikalischen Gefilde voller Beschwingtheit, die den tänzerischen Charakter des klassisch-romantischen Ballettes vorausnehmen und die Erwartung steigern. Das Orchester untermalte die Handlung mit der gleichen schwungvollen Leichtigkeit, mit der die Tänzerin der Giselle und der Tänzer des Albrecht die mit ungewöhnlichen Schwierigkeiten gespickte Choreografie von Juri Grigorovich in ausdrucksvolle Tanzbewegungen umsetzten.

Im Verlauf der Handlung entsprach das Orchester dann auch den ernst und ausdrucksvoll, sich dramatisch zuspitzenden Szenen und unterstrich im 2. Akt mit sehr einfühlsamen Streichern und schöner Solovioline und Soloviola den innigen Ausdruck der Tanzszene. Die Tanzenden ließen sich von der Musik leiten und wurden in ihren Bewegungen eins mit dem Orchester. Sie ließen sich von der Musik inspirieren und versuchten ihre Sprünge und Pirouetten immer mit der Musik punktgenau abzuschließen.

Svetlana Zakharova und Sergei Polunin, das bis über den Tod hinaus treue Liebespaar, Giselle und Albrecht, setzten taktgenau und in frappierender Schnelligkeit ihre Füße, was bei dem offenbar sachkundigen Publikum im Moskauer Boschoi-Theater zu recht Begeisterungsstürme auslöste. Beide Tänzer schienen selbst für einen Pragmatiker stellenweise tatsächlich über dem Erdboden zu schweben. Diese frappierenden Tanzschritte in extrem schneller Abfolge können nur auf perfekte Sprungtechnik, ungewöhnliche Kondition und außergewöhnliche Schnelligkeit zurückzuführen sein und konnten sogar einen Kritiker verblüffen. Bei beiden schien stellenweise tatsächlich die Schwerkraft aufgehoben zu sein.

Svetlana Zakharova schwebte „wie eine Feder“ in den Hebefiguren mit und über ihrem Partner und bei all ihren Auftritten über die Bretter, die die Welt bedeuten. Sie konnte mühelos lange, sehr lange auf Spitze stehen und tanzen, auch völlig solo auf nur einer Spitze (Schmetterling), was viele Tänzerinnen immer wieder versuchen, aber nur wenige schaffen. Sie begeisterte immer wieder mit sehr schnellen, kleinen, perfekten Schritten, der außergewöhnlichen Leichtigkeit ihres scheinbar schwerelos „dahinfliegenden“ graziösen Körpers und ihrer ungewöhnlichen Körperbeherrschung. Bei ihr schien die Erdanziehungskraft aufgehoben zu sein. Sie war oft auf der Bühne präsent. Jeder ihrer Auftritte hatte etwas Grandioses. Mit ungeheurer Kondition bot sie sehr viele Schwierigkeiten in Folge, da fiel ein kleiner Ausrutscher nicht ins Gewicht. Jede ihrer Figuren und Bewegungen war etwas Besonderes, oft schwierig und in dieser Ausführung neu.

Sergei Polunin begeisterte als Albrecht mit sehr vielen, sehr schönen, ästhetischen Pirouetten in großer Anzahl über die normale Kondition hinaus. Auch er schien kurzzeitig über dem Bühnenboden zu schweben, als er ungewöhnlich lange im Wechsel der Füße seine Sprungkraft steigerte.

Ergänzt wurde dieses Paar im 1. Akt von einem schönen Pas de deux, ausgeführt von Daria Khokhlova / Igor Tsvirko, die teils gemeinsam, teils solistisch ihr beachtliches Können zeigten.

Ekaterina Shipulina tanzte eine sehr elegante Myrtha, die Königin der Wilis, und spielte die unerbittlich Böse, was sie auch in ihrer Mimik erkennen ließ. Die Wilis, die Geister toter Frauen, die vor der Hochzeit sterben, wegen betrügerischer Liebe Rache geschworen haben und die Männer, die nach Mitternacht vorbeikommen, so lange zwingen zu tanzen, bis sie vor Erschöpfung tot umfallen, boten sehr schöne, ästhetisch ausgewogene Bilder in präzise ausgeführten Formationen. Ihr erstes Opfer ist Hans (Hilarion), sehr gut getanzt von Denis Savin. Sein Rivale Albrecht wird durch Giselles Liebe geschützt.

Grigorowitsch setzt in seiner Choreografie die ursprüngliche Handlung mit ihren lyrischen und dramatischen Szenen sehr ästhetisch in schönen, ausgewogenen Bildern um. Er führt eine gute Tradition weiter und frischt sie sinnvoll auf. Nichts wirkt verstaubt oder antiquiert. Er setzt die Handlung so um, wie sie von den Librettisten T. Gautier und J.‑H. Saint-Georges verfasst wurde, leicht verständlich und so, dass es keine Zweifel gibt. Die mit wenig Mitteln hergestellten, vorwiegend mit leichter Hand gemalten Bühnenbilder, hier und da ein Stück Pappe für einen Hausgiebel angesetzt, im 1. Akt in Herbstfarben, im 2. Akt schwarz-weiß, denn es ist Nacht, erfassen die Romantik aus heutiger Sicht und erwecken mit wenig Mitteln eine perfekte Illusion.

ngrid Gerk

 

 

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