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MONTEPULCIANO: CANTIERE INTERNAZIONALE D’ARTE 17.7. -2.8.26, Oper DON CHISCIOTTE DE LA MANCHA, nach Giovanni Paisiello

03.08.2026 | Oper international

Montepulciano: CANTIERE INTERNAZIONALE D’ARTE 17.7. -2.8.26

Beim diesjährigen von Hans Werner Henze gegründete 51.Cantiere d’arte (‚Kunstbaustelle‘) stand der 100.Geburtstag des Komponisten im Vordergrund, und es gab einen zweitägigen Konvent im Palazzo Ricci, seit 25 Jahren Sitz der europäischen Akademie der Künste, sowie im Ratssaal des Palazzo Comunale von Montepulciano. Henze wurde auch im Eröffnungskonzert im außerhalb des Städtchen liegenden Tempio San Biagio gefeiert, wo seine auf Texte von Ingeborg Bachmann komponierten Nachtstücke und Arien gespielt wurden, die bei der UA bei den Donaueschinger Musiktagen 1957 einen Skandal ausgelöst hatten,da sie sich nach Ansicht von Boulez und Stockhausen vom Dogma der 12-Ton- und seriellen Musik viel zu weit entfernt hatten. Hier wurden sie in einer Version für Sopran und kleines Orchester von Detlev Glanert gegeben, da die Version mit großem Orchester sich nur schwer durchsetzen konnte. Aber auch mit dem Orchestra Sinfonica delle Alpi aus Rovereto/Trient unter der engagierten Leitung von Marcus Stenz kann in der architektonisch außergewöhnlichen Kathedrale S.Biagio ein guter Orchestersound creiert werden, der der Solistin Marily Santoro einen brillanten   Klangteppich bereitete. Etwas in  der Manier von Gustav Mahler 7.Syphonie umschließen drei orchestrale Nachstücke zwei Arien: „Wohin wir uns wenden in Gewitter und Rosen“ und „Mit schlaftrunkenen Vögeln“. Diese Interpretation mutet insgesamt äußerst dramatisch und völlig romantisch an, als Wegbegleiter von Bachmann und Henze und inspiriert durch  Süditalien.- Den 2 Teil des Konzerts bildete die 3.Syphonie ‚Eroica‘ von Beethoven, im Gegensatz zu ‚Nachtstücke und Arien‘ in der Originalfassung, die hier in der Stenz- Interpretation manchmal Längen zeigte.

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Copyrighz: Montepulciano

Oper DON CHISCIOTTE DE LA MANCHA, nach Giovanni Paisiello

Auch in diesem Cantiere kam keine Originaloper von Henze in Neuproduktion heraus, aber dafür ein phantastisches ‚Remake‘ vom Remake.- Es ist bekannt, dass Henze in seinem äußerst creativen Opernschaffen, das sicher an die 20 Werke umfasst, auch einige Neubearbeitungen historischer Opern wie „ll Ritorno d’Ulisse in Patria‘ von Monteverdi, und dass er sich sogar an Wagner-Neufassungen gewagt hat, zwar nicht an Opern, aber an frühe Klavierlieder, die Wesendoncklieder mit einer kammermusikalischen Orchesterbesetzung, und mit einer Tristan-Musik für Klaviersolo, elektronische Toncollagen und großes Orchester. Offensichtlich hat ihn die Musik dazu gereizt. In einigen anderen Fällen  ging es ihm ja darum, Werke aus vergangenen Jahrhunderten, die in den Archiven schlummerten oder auch in historisch informierter Einbalsamierung ihr Leben fristeten, neu zu beleben, aufzufrischen  und auf ihre heutige Tauglichkeit abzuklopfen.

Giovanni Paisiellos ‚Don Chisciotte‘ war eine seinerzeit  eine äußerst beliebte Opera buffa, und dem Neapolitaner Komponisten gelang auch  mit „Nina, ossia la pazza per amore“ eine äußerst empfindsam anrührende Oper, in der die Protagonistin dem zeitweisen Wahnsinn verfällt wie in der Romantik ca 1830 Lucia in ‚Lucia di Lammermoor‘ von Donizetti.Und dann hat er ja auch noch einen  später völlig verdrängten ‚Barbiere di Siviglia‘ komponiert, der frühromantische ‚Verdränger‘ in diesem Fall: G.Rossini.

Also war es sicherlich der Melodienreichtum Paisiellos, aber auch die vorkonstruierten Formschemata mit Rezitativ Arie, Cabaletta, Ensemble, was Henze im Spätbarock und im sentimentalischen Zeitalter anzog, wobei er aber nicht anstand, seine eigenen modernen Ideen, kompositorisch wie instrumentationsmßsig kess einzubringen und zu verwirklichen.

In Montepulciano ging es 1976 nicht um ein Festival mit einer Starbesetzung, sondern um die Einbeziehung der Bevölkerung auch bei künstlerischen Belangen, deshalb eben auch bei einer Opernaufführung. 

Vor 50 Jahren konnte Henze dies eine Remake von Don Chisciotte auf der Piazza Grande inszenieren. Diesmal findet sie im renovierten Teatro Poliziano, einem kleinen Juwel des Ortes, statt.Fiktionen von originalen Ruinen des 17.Jahrhunderts scheinen im Bühnenhintergrund verborgen. Die Doppelung der Hauptdarstellerinnen und -Sänger wird im Orchester reflektiert, das aus zwei sich gegenübersitzenden Gruppen besteht. Auf der einen Seite befindet sich die Banda von Montepulciano, die die Akt-Ouvertüren,die von vorne und hinten gelesen/gepielt werden können, spielt; dann überascht diese Banda immer wieder mit Einwürfen, nicht aber um die Gesangsstimmen zu konterkarieren. Auf der anderen Seite des hier nicht tiefgelegenen Grabens ist das Ensemble strumentale dell‘ Ateneo Renano plaziert,das die Rezitative und die geschlossenen Nummern erhält,teils original- Paisiello oder neu erfunden in einem  äußerst erstaunlichen, quasi  unfassbaren Affekte-Stil.- Henze spezifiziert, dass die Banda wirklich unrein spielen kann, insofern sie als dilettierendes Element Teil einer Ästhetik ist und  die Musik Paisiellos unterbricht, indem sie sie wahnhaft verstört, ja unwirklich, unmöglich erscheinen lässt.

 Die Handlung wurde von Henze und seinem italienischen Librettisten G.Di Leva höchstens modifiziert bzw ins Zeitlose gestellt. Chisciotte und Sancho Pansa, die Schauspieler Alessandro Zazzaretta und Anelio Salvadori treten nach einem typischen Streitdisput  bei dem Wirtshaus  von Cardolella ein. Hier erscheinen die Contessa, Carolina, die englische Fürstin, Don Calafrone und Don Platone, die in unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen, die im weiteren Verlauf aber ordentlich durchgeschüttelt werden. Chisciotte und Pansa mit ihren ‚verschrobenen‘ Ansichten werden von ihnen immer wieder durch den Kakao gezogen. Am Ende „stürmen“ die Banda- Mitglieder quasi die Bühne, und das artig unten weiter spielende Kammerorchester wird dadurch in Bedrängnis gebracht. Dadurch macht sich die Illusion zur Realität, dass Chisciotte, gewissermaßen auch als Vertreter des Volkes den Sieg über die unselige Adelstaumelei und -träumerei davonträgt.

Marco Angius wirkt als Dirigent und Maestro Concertatore,hält mit erlesenem musikalischen Gespür,sicherlich den Intentionen H.W.Henzes gerecht werdend, die Spannung bei dem aussergewöhnlichen Abend hoch.

Als sehr bemüht ist die Regieleistung  seitens Michael Dissmeiers auszumachen, der ein lebhaft choreographiertes Bewegungsroulette aufkommen und abbrennen lässt.

Die Bühne und die zum Teil barocken phantastisch farbigen Kostüme wurden von einer Gruppe von Studierenden der Hochschule für Musik und Tanz Köln unter der Leitung von Lena Newton, Ruth Gross und Hans Diernberger imaginiert. Zwei Lightning Designer gab es auch,A.Montino und C.Zucaro. Maestro alle Luci: Elisabeth Paolini.

Die frische Banda Poliziana mit Alt- und Sopransaxophonen leitete Giacomo Valentini. Beim Ensemble  Strumentale Ateneo Renano spielen alle Instrumente in Einfachbesetzung, zusätzlich mit Gitarre, Mandoline, Klavier.

Von den Solostimmen mit glänzenden  Koloraturen bei den Damen und launischen Gegengesängen der Männer gibt es nur positives festzuhalten. La Contessa ist Sujin Kim (Double Emelina M.Martinez),die Carmosina gibt Stefanie Fischer/ Double Yewon Lee. Die englische Fürstin ist Boyoung Lee/ Double Luzia Ostermann.Die Cardolella ist Seoyoung Jang/ D. Louka Despina.Die Sänger von Chiciotte und Sancho Pansa sind Nicola Di Filippo/Geonmuk Lim und Biran Özgür Sariyer/Jaeyoung Lim. Den Don Calafrone singt Paolo Mascari/Hyun Jun Yang, den Don Platone Lee Kihyun/Jongdoo Back.

In Deutschland gibt es 2 Wiederholungen im Herbst. 1.11.Theater Gütersloh,und an der Musikhocschhule Köln.

Friedeon Rosen 

 

 

 

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