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MONTEPULCIANO: 50.Cantiere Internazionale d’arte, 11.-27.7.  Ein sehr interessantes Jubiläum

01.08.2025 | Konzert/Liederabende

Montepulciano: 50.Cantiere Internazionale d’arte, 11.-27.7.  Ein sehr interessantes Jubiläum

 

Der diesjährige Cantiere Internazionale d’arte (‚Kunstbaustelle‘) war die 50.Ausgabe des 1975 vom deutschen Komponisten Hans Werner Henze gegründeten Festivals.Natürlich konnte der namhafte Komponist,der nächstes Jahr 100 geworden wäre, das Festival in der Toscana auch deshalb gründen,da er seit den 50er Jahren In Italien lebte, zu dem Land eine grosse Affinität hatte und auch selbst poltisch links engagiert war.Weiters ist sein Engagement in der musikalischen Kinder- und Jugendarbeit zu betonen,die in Montepulciano einen fruchtbaren Boden fand.So war die Gründung des Cantieres auch mit dem Aufbau eines Musikinstituts in Montepulciano,Provinz Siena,

verbunden,das bis heute Nachwuchs für die musikalische Aufführungen in Chören und Nachwuchsorchestern generiert. Das Festival hatte immer den Anspruch,musikalische Basisarbeit zu leisten und die Bevölkerung des Städtchens mit einzubeziehen, und nicht wie viele andere Festivals, ‚aufgesetzt‘ nur die musikalischen Eliten anzuziehen.Übrigens realisierte Henze später in Deutschlandsberg/Österreich ein ähnliches Projekt,über dessen Fortbestehen ich aber  nicht unterichtet bin. Für Montepulciano schrieb Henze auch die Kinderoper POLLICINO (‚Däumling‘) die vielleicht zu seinem 100.Geburtstag hier wieder neu aufgeführt wird.

Mariangela Vacatello, Pianistin und künstlerische Leiterin des Cantiere seit letztem Jahr, schreibt im Vorwort ’50 Jahre Vision, Klang und Zukunft‘ im Programmheft: „Indem wir dieses wichtige Jubiläum feiern, bestätigt sich Montepulciano wieder einmal als Ort lebendiger Kultur, wo das Erbe zu Energie wird, und die Kunst zu einer Erfahrung, die das gesamte Gemeinwesen umfasst. Der 50. Cantiere ist eine Gelegenheit,in Dankbarkeit zurückzuschauen,und nach vorne mit grossen Wünschen, und das,was wir gemacht haben,zu schützen, und uns für die vielfältigen Möglichkeiten der Zukunft zu  öffnen.Willkommen im Cantiere, ein Werk,das sich weiter fortschreiben wird.“

In Grußworten kommen auch Michele Angiolini, Bürgermeister von Montepulciano, Sonja Mazzini,Präsidentin der Fondazione Cantiere ,sowie Riccardo Chailly, Generalmusikdirektor der Scala von Mailand, der 1976 beim 1.Cantiere IL TURCO IN ITALIA von Rossini dirigiert hat, zu Wort.

Der diesjährige Cantiere hatte kein übergreifenden Motto, wie sonst häufig. Es gab neben einer Ausstellung und Dokumentation samt Konferenzen wie immer ein breitgestreutes Programm, das das fast alle musikalischen Genres bedienen konnte.

 

OPIFICIO SONORO CIRCUS SHOW – Fortezza/Festung, Sala Bonelli  18.7.

Bei diesem experimentell-szenischen Konzert, bei dem sechs Stücke der klassischen und zeitgenössischen Moderne zur Aufführung kamen, traten Mitglieder des italienischen ‚Opificio Sonoro‘ solistisch und als Ensemble auf. In dem abgedunkelten Saal der Fortezza,die heute das Gymnasium von Montepulciano beherbergt, beginnt mit einem Stück von K.H.Stockhausen ,Der kleine Harlekin‘ für Klarinette.Ein tolles lebendiges 5 Minuten-Stück,das von der Performerin Raffaella Palumbo mit langem Atem,weissgeschminkt und emphatisch auf dem Podium exekutiert wird,wobei sich die Klarinettistin auch in extremen Verrenkungen gerierte.Als nächstes Stück eine vom 50.Cantiere in Auftrag gegebene Uraufführung „Nothing Really Rhymes“ von Maurizio Tedde (1996) für elektrische und elektronische Gitarre.Es wurde von dem auch als Performer auftretenden Francesco Palmieri aus der Taufe gehoben und konnte in selbem Masse überzeugen.Das nächste Stück bot „Zungenspitzentanz“ für Piccoloflöte, nochmal aus der Feder Stockhausens, das Alice Morosi super virtuos in Szene setzte. Danach eine weitere Uraufführung von Mirco Ballabene/1981 „Meccanica di un rito“(Das Mechanische eines Ritus‘) für Soloflöte, performt und geflötet von Andrea Biagini,tatsächlich mit der im Titel intendierten ironischen Wirkung.- Nach der Pause vereinten sich die Solistinnen/Performerinnen als Opificio Sonoro/Klangwerkstätte zu einem ganz ’schrägen‘ Ensemble „L’Opera (forse)“/Die Oper (vielleicht), 8 Sketche in einem Akt für sechs Ausführende und Erzähler. Dazu wechselte die OS Circus Show auf die andere Seite des Saals, wo auf einem langen ‚Altar‘ alle möglichen Geräuscherzeuger, Raspeln, Reibeblöcke etc bereitlagen, die zu einer köstlichen Geschichte von Francesco Filidei (1973),vorgetragen von Federico Maria Sardelli, von den Spielern in virtuoser Manier bedient wurden. Es handelte sich bei ‚L’opera (forse)‘ wohl um eine surrealistische Posse, und war gefolgt von wärmstem Applaus für die OS Circus Show seitens des enthuasmierten Publikums.

 

DANCE CONCERT Ravel – Carmen, Piazza Grande 19.7.

Ein gute Tradition haben auch die grossen Tanz- bzw Ballett-Aufführungen auf der Piazza Grande.Diesmal lag aber schon mit der Bezeichnung  ‚Dance Concert‘ der Akzent mehr auf der Musik,wo in der Tat ‚Ravel – Themes and Variations‘ und ‚Carmen – Instinkt und Freiheit‘ (eingedenk auch deren Jubiläen), mit verschiedenen Ensembles als „Neukompositionen“ bespielt, fast mehr Aufmerksamkeit als ihre tänzerische Umsetzung/Performance auf sich zog.

Bei Ravels Themen -Variationen tanzte zu Musiken von Dowland, Bizet & Ravel das Ensemble Palazzo Ricci in der Choreographie von Stephan Brinkmann, und Ariadne Daskalakis dirigierte Merle Bonrath/Stimme, Giulia Barbero und Ji Seon Seo/Violine, Emma Campas Salas/Gitarre sowie Yulia Mikhailova und Federica Stevanato,Klavier. Hier soll die Pavane,wohl nach Dowland, die Grundstimmung für einen Gesang ohne Worte bilden in einer Musik,die metaphorisch Leben und Tod, Liebe und Trauer hervorruft, und die dementsprechend zu vertanzen versucht wurde.- In dem 2.Carmen-Teil wird nun leidenschaftlicher und virtuos zur Sache gegangen (Choreographie Giovanni Napoli, Compagnie Cantiere Danza, 7 TänzerInnen),was besonders mit der erstklassigen Transposition der Carmensuite für Klavier zu vier Händen von Elia und Betsabea Faccini zu tun hat.

Die Idee zu diesem leicht abendfüllenden Tanzkonzert und dessen Koordinierung stammt von Azzurra Di Meco, und Gianni Giaccio Tabalzini war für Bühne und farbiges Licht zuständig.

 

Konzert DUO PiCello Bros, Salone di Palazzo Ricci  22.7.

Auch hier fand ein ganz besonderes Konzert statt,dagegen konnte das Teatro Poliziano heuer wegen Renovierungen nicht bespielt werden.

Bestritten wurde es vom Duo der Brüder Francesco/Cello und Angelo Pepicelli/Klavier. Sie brachten ausnahmslos polnische Stücke von Chopin, Miecyzslaw Weinberg und Krysztof Penderecky zu Gehör.Das Kernstück war dabei die Sonate op.62,2 von Weinberg,der für seine Kammermusik ja hierzulande noch relativ unbekannt ist, und seine Sonate erklang in italienischer EA. Der ältere der Brüder Angelo übernahm auch die Moderation des Abends. Zuerst eine Introduzione und Polacca brillante C-Dur von Chopin, von den Brüdern quasi zum Warmwerden entsprechend aufgespielt.Man merkte im folgenden sogleich,wie traumhaft die Brüder aufeinander eingespielt sind.Anschließend der zentrale Weinberg,dreisätzig und gewichtig,wie alles,was aus seiner Hand stammt. Dabei hat das Klavier oft mehr die Begleitung inne, während das Cello gleich in pizzicato- und Doppelgriffpassagen vorangeht.Die Anfangssätze Moderato und Andante tendieren zu lugubrem Charakter,erst das Allegro vivace hellt sich auf.Hier sind auch marschmässige Züge interpoliert. Das gesamte Stück kann  einen signifikanten Blick auf das Leben M.Weinbergs werfen, der, erst auf der Flucht aus seiner Heimat vor den Nazis, dann in der Sowjetunion zwar mit der Freundschaft Schostakowics,aber unter der Knute Stalins lebt. Nach und nach kommen viele seiner Kompositionen in diversen Genres zutage.Bei dieser bemerkenswerten Cellosonate warfen sich die Duopartner tiefsinnig aber auch elegant die Bälle zu, und mit meiner fast romantischen Wehmut im Spiel wurde der Duktus des Stücks über weite Strecken offengelegt.

Als weiteres Stück firmiert die kürzer gehaltene Sonate n.1,eine vom Komponisten Penderecky anerkannte Transposition für Cello und Klavier. 

Dieser wurde erst Avantgarde- dann ‚postserieller‘ Komponist bezeichnet,und so könnte die Sonate einer gemäßigten Moderne zugeordnet werden,wofür auch ihre Dreisätzigkeit und kurzgehaltene Motivik spricht.  Hier konnten die Brüder mit ihrem sensitiv zupackenden Spiel diese gewisse Sprödigkeit bestens beglaubigen.

Als grandiosen Schlusspunkt setzte das Duo PiCello die Sonate g-moll op.65 von Frederyk Chopin,die viersätzig mit Scherzo und Largo ausgesprochen lang ist. Aber mit was für einer Verve wird hier ein Feuerwerk abgefackelt! Besonders der phänomenale Cellist wirft alles in die Waagschale.Obwohl g- moll gemeinhin als eine gemässigt verwendete Tonart gelten kann, generiert Chopin in ihr Passionen und Modulationen in wahrem Schaffensrausch. Und das liegt dem Duo,es ist in seinem ureigenen Element. Ein stimulierender Abend.

 

Friedeon Rosen

 

 

 

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