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MONDSEE/ Musiktage: „Komponieren in der Diktatur“. Nicht alle „Tage“ kann Musik so tief berühren

31.08.2026 | Konzert/Liederabende

Musiktage Mondsee: Nicht alle „Tage“ kann Musik so tief berühren

Bei den Musiktagen Mondsee gelang dies in einem wunderbaren Kontext von damals und heute

Der Festspielsommer verabschiedet sich langsam, aber bei den „Musiktagen Mondsee“ hat wie jährlich das große Kammermusikfestival begonnen. Ab dem 28. August bis 5. September reiht sich dort ein Erfolg auf den anderen und erinnert immer wieder daran, dass im Jahre 1989 der ehrenwerte András Schiff eine besondere Konzertreihe mit Zukunft  gegründet hat. Eine Reihe, in der spezielle Programme mit auf zeitlich abgestimmte Themen gespielt werden und zwar von Spitzenmusikern, die mitunter noch am Beginn ihrer internationalen Karriere stehen. Ich hörte das vierte Konzert der heurigen Saison, das unter dem Titel „Komponieren in der Diktatur“ stand und insgesamt zu einem tief bewegenden Ereignis geriet. Dann stand noch der Hinweis „In Memory of a Friend“ über der Vortragsfolge als ein fordernder Zugriff auf die Seele der Zuhörer. Je ein Streichquartett zu Beginn und am Ende der Geschwister Fanny Hensel und Felix Mendelssohn-Bartholdy machte mit dem unvergleichlichen Ensemble „Javus“ bekannt, das so jung – wie es ist – sich durchaus mit seinen berühmten Vorbildern messen kann. Zwei Damen und zwei Herren, seit ihrer Studienzeit miteinander bekannt, die sich mit ihrer Leidenschaft dem anspruchsvollen Streicherspiel zu viert verschrieben haben, scheinen füreinander geboren zu sein. Die Perfektion, das gemeinsam erarbeitete Klangbild, die Farbnuancen der Dynamik, das technische Know-how, das kaum wahrnehmbar, weil selbstverständlich ist, führten zu dieser einzigartigen Wiedergabe der Werke. Jährlich winkten Preise in den letzten Jahren für das Javus Quartett: Marie-Therese Schwöllinger, Alexandra Moser (Geigen), Marvin Stark (Bratsche) und Oscar Hagen (Cello). Gespannt war auch zu verfolgen, wie Fanny und Felix die Angleichung zu entdecken bestrebt waren. Wie die formalen Zusammenhänge gelöst waren, vor dem traurigen Hintergrund, dass Fanny früher als Felix starb, so dass das f-moll Opus 80 aus dem Jahre 1847 wie ein Requiem auf ihren Tod klang, mit dem ersten Furioso-Thema und weiter auch im synkopierten Scherzo eine Starre der Empfindung ausgelöst hat. Kurzum, vielleicht mit Absicht wie ein biografisches Bild aus dem Sterbejahr von Felix, gebändigt formal wie emotional. Elisabeth Leonskaja bewältigte die Klaviersonate Nr. 2 h-moll op. 61 von Dmitri Schostakowitsch ohne Notenhilfe. Die Grand Dame der Klaviatur saß am Fazioli-Flügel, erst vor wenigen Tagen frisch geehrt in Salzburg mit der Festspielnadel mit Rubinen, sorgte für eine singuläre Sternstunde und zeugte von der geistigen wie physischen Kraft ihrer Persönlichkeit. Ihr Spiel ist durchdrungen von einem fest gemauerten Anschlag, gelassen, ganz vertieft in das Notenbild, um dann leicht wie eine belanglose Übung die unruhig-zerrissenen Staccatoläufe kettengleich auf perlenden Tasten von der Tonleiterzerlegung zu lösen. Solche Kunst kann nur mit einem tiefen Kniefall bedankt werden.

Nicht ohne eine Überraschung verging der Mondseer Musiktag. Diese lieferte der 80jährige, bei uns wenig bekannte lettische Komponist Peteris Vasks, Sohn eines baptistischen Pastors, der die Realität der sowjetischen Diktatur schmerzlich erleben musste. Sein frühes Bläserquintett Nr. 2 von 1982, dem Andenken eines Freundes gewidmet, beschäftigt sich intensiv mit Fragen der Freiheit, Unterdrückung und Humanität und wirkt wie ein Chorlied auf das Leid von Menschen, die von der Fremdbesatzung ins Straflager versetzt wurden. Die Musik Vasks vertritt die Zeit der polnischen Avantgarde-Komponisten wie etwa um Lutoslawski und Penderecki und verweist auf Passagen aus der Aleatorik, also metrisch-nicht festlegbaren Klängen. Ein spitzfindiges, scharfzügiges Werk, das die Bläser Lilja Steininger (Flöte), Céline Moinet (Oboe), Julian Bliss (Klarinette), Amy Harman (Fagott) und Swantje Vesper (Horn), düstere Gedanken aussparend, mit emotionaler Hingabe gestalteten.

Zugaben hatten keinen Platz an dem denkwürdigen berührenden Abend. Die Musiktage Mondsee mit ihrem künstlerischen Leiter Matthias Lingenfelder schmieden schon an dem Programm für 2027. Viel Glück!

Georgina Szelles

Kulturjournalistin

 

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