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MODENA/Teatro Pavarotti-Freni: AROLDO von Giuseppe Verdi

05.02.2022 | Oper international

MODENA/Teatro Pavarotti-Freni: AROLDO von Giuseppe Verdi am 30.1.2022

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Der Verführer und die Ehegattin. Foto: Teatro Pavarotti – Freni/Modena

Zwischen „Luisa Miller“ und „Rigoletto“ schrieb der 37jährige Verdi seine Oper „Stiffelio“, die von einem protestantischen Priester handelt, der seiner ihn betrogen habenden Ehefrau zuerst die Scheidung anbietet und ihr zuletzt, die Bibel aufschlagend, ganz verzeiht. Eine sehr „moderne“, „gegenwärtige“ Lösung, die aber für die damalige Zeit und die damalige Operndramaturgie, die doch eher auf dramatische und blutige Schlüsse bestand, einen veritablen Skandal darstellte. Dementsprechend, aber natürlich auch, weil die Zensurbehörde auf vielen sinnentstellenden Schnitten bestand, wurde die Premiere 1850 in Trieste nicht ganz unerwarteterweise zum Flop.

Aber Verdi, starrsinnig wie er war, glaubte an den Stoff und seine Partitur, und als er nach seinen Megaerfolgen Rigoletto, La Traviata, Il Trovatore und Simone Boccanegra endlich ein bisschen Zeit hatte, gestaltete er mithilfe seines Textdichters Francesco Maria Piave den verunglückten „Stiffelio“ in den neuen „Aroldo“ um, der dann 1857 zu Eröffnung des Teatro Nuovo in Rimini zur Uraufführung kam.

Dieses Theater wiederum wurde in den letzten Kriegsjahren des 2.Weltkriegs (1943) bombardiert, und stand dann, mitten im Zentrum der Adriastadt, obwohl im Inneren eigentlich ziemlich intakt geblieben (aber dennoch als Sporthalle missbraucht) skandalöserweise 70 Jahre lang als Ruine leer.

Der Initiative des jungen, energetischen „sindaco“ (Bürgermeister) von Rimini, Andrea Gnassi, ist es zu verdanken, dass  diesem zum Himmel schreienden Skandal endlich ein Ende bereitet und das Gebäude im neoklassizistischen Stil des Papst-Architekten Poletti möglichst originalgetreu restauriert wurde.

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Blut und Ehre. Foto: Teatro Pavarotti – Freni/Modena

Nach mehreren semi-konzertanten Soft-Openings (mit Valery Gergiev bzw. Cecilia Bartoli wurde das (mittlerweile nach dem Musicologen mit dem klingenden Namen Amintore Galli benannte) Teatro dann letztes Jahr nicht nur mit großem Pomp, sondern auch intelligenterweise mit Verdis AROLDO wieder-wieder-eröffnet.

Diese Produktion erlebte nach Etappen in Ravenna und Piacenza jetzt in Modena, wo wir das Glück hatten, sie zu sehen, ihre (nur vorläufige, hoffen wir) End-Station. Denn AROLDO ist, man kann es nicht viel bescheidener formulieren, ein frühes Meisterwerk. Der ganze Verdi, so wir ihn kennen und lieben, ist darin schon voll enthalten.

Und Manlio Benzi, als Riminese nicht unbeträchtlich an dieser Werkauswahl beteiligt, tut – gemeinsam mit dem von Maestro Muti trainierten Orchestra Giovanile Luigi Cherubini – alles, um diese unterschätzte und verkannte Partitur zum Funkeln zu bringen. Er hat sich dafür aber auch ein ganz wunderbares Ensemble zusammengesucht (zusammensuchen dürfen) : vom „rising star“ unter den jungen italienischen Sopranistinnen, Roberta Mantegna, die eine ungemein glaubwürdige reumütige Ehebrecherin Mina auf die Bühne stellt, über den erst eifersüchtigen, dann aber alles verzeihenden Tenor Luciano Ganci (Aroldo) bis zum furchterregenden, mörderischen, die Ehre seiner Tochter (und vor allem s e i n e) verteidigen wollenden Egberto (sehr beeindruckend: Vladimir Stoyanov) bis zum verführerischen Hallodri Godvino (Riccardo Rados) – alles Koryphäen ihres Faches, alles Top-Leute, und dazu noch homogen und kollegial aufeinander abgestimmt …

Die Inszenierung von Emilio Sala und Edoardo Sanchi, die in ihrer Urform in Rimini sehr stark auch auf die Geschichte des Teatro Galli bezugnahm, ist in Modena naturgemäss weniger zwingend und verständlich.

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Der alles verzeihende Gatte. Foto: Teatro Pavarotti – Freni/Modena

Aber sei’s drum: dieser AROLDO ist wahrlich eine Entdeckung und wir würden uns freuen, ihm sehr bald irgendwo wiederzubegegnen…

Robert Quitta /Modena

 

 

 

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