MILANO/ Teatro alla Scala: LA GIOCONDA von Amilcare Ponchielli
am 25.6.2022

credit Brescia/Amisano – Teatro alla Scala
Amilcare (allein schon dieser Vorname !) Ponchielli (1834-1886) hatte im Prinzip nur einen einzigen großen Erfolg: seine Oper „La Gioconda“. Außerhalb Italiens hat sie sich nie durchgesetzt (letzte Produktion an der Wiener Staatsoper:1986). Aber auch im Bel Paese selbst zählt sie nicht zu den populärsten Werken. Es gibt eigentlich kaum eingängige Arien und Duette, und was soll man von einer Oper halten, von der das weltberühmteste Musikstück ein Ballett (Tanz der Stunden, kennt jeder) ist? Immerhin taugte die Gioconda oft als Vehikel für ambitionierte Tenöre und Soprane (Placido Domingo, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Renata Tebaldi etc.)
Jetzt hat sich der Uraufführungsort, die Mailänder Scala, wieder dieses Stiefkinds angenommen – ohne eigentlich solch einen Supercast zur Verfügung zu haben. Und siehe da, das Publikum war mittlerweile so hungrig, dass es selbst bei diesem Nischenprodukt die „Sala Piermarini“ bis auf den letzten Platz füllte.

credit Brescia/Amisano – Teatro alla Scala
Die nicht so extrem hohe Popularität der Giocanda mag auch darin liegen, dass Arrigo Boito (unter dem ziemlich bochenen Pseudonym Tobia Gorrio) eine ungeheure Schauergeschichte und Räuberpistole als Libretto verfasst hat: eine begehrenswerte Strassensängerin, ein intriganter Inquisitor, eine blinde Mutter, ein verbannter Liebhaber, ein eifersüchtiger Doge, ein versuchter Ehebruch, eine Zwangsvergiftung, eine Scheintote, ein Schwur, ein Pakt, ein gebrochener Pakt, eine Aufopferung, ein Selbstmord etc…
Im Prinzip rettet diesen kruden Plot nur die Tatsache, dass die Handlung in Venedig spielt.
Und Davide Livermore (der nach 4 Scala-Eröffnungen hier jetzt seine x-te Inszenierung abliefert) tut alles, um diesen Lokalkolorit in allen seinen Formen zu bedienen: es gibt also Seufzerbrücken, Gondeln, Schiffe, Bootsstege, Markuslöwen, Karnevalsmasken, Commedia dell´Arte-Figuren und und und à go go…aber, wie der Regisseur betont, alles wie als Erinnerung, alles „wie durch die Augen einer Blinden gesehen“…also „ausgebleicht“ und somit strikt in weiss gehalten…
Was immer man von dieser Interpretation halten mag…und wie sehr das auch der normale Zuschauer (ohne die Presseaussendung gelesen zu haben) nachvollziehen kann…hochästhetisch ist es allemal…

credit Brescia/Amisano – Teatro alla Scala
Und Livermore schont ausserdem (um mit Goethe zu sprechen) „Prospekte nicht und nicht Maschinen“, wie es seine Art und sein Stil ist (um das böse Wort Masche nicht zu verwenden): die Drehbühne rotiert nahezu ununterbrochen, Bodennebel wallt in großen Mengen, Massen von Komparsen bevölkern die vielen Treppen, es gibt unzählige, nahezu dreidimensionale Videoprojektionen usw.usf…
Vielen – eigentlich den meisten – ist das alles viel zu viel zu viiiiiel….aber langweilig wird einem nie, das muss man ihm schon zugestehen…
Die italienische Opernkritik reagierte auf die musikalische Seite der Produktion äußerst ungnädig:
„der Franzose“ Frédéric Chaslin würde zu langsame und unverständliche tempi wählen…und die Protagonisten (Irina Churilova als Gioconda, Daniela Barcellona als Luisa und Stefano La Colla als Enzo Grimaldi ) hielten dem Erinnerungsvergleich der vereinten Placido Domingo/Luciano Pavarotti/Maria Callas/Renata Tebaldi Witwer-und-Witwen naturgemäß nicht stand. Nicht, dass ihr Rezensent dem in irgendeiner Weise widersprechen würde, denn natürlich muss – gerade bei so einer Bravur-Oper -bei der Besetzung irgendetwas falsch gelaufen sein (es gab viele Absagen), wenn nur die Darstellerin einer Nebenrolle (die ehrfurchtsgebietende Anna Maria Chiuri als La Cieca) einhellige Zustimmung erhält.

credit Brescia/Amisano – Teatro alla Scala
Als von der Gioconda gänzlich Unbeleckter freut sich der ausländische Gast jedoch, dieses seltene Werk endlich auf der Bühne gesehen zu haben, in einer hochprofessionellen Produktion, noch dazu am Uraufführungsort …und ist (in Maßen) glücklich…
Robert Quitta, Milano

