Milano: „DER RING DES NIBELUNGEN“ – Serie im Teatro alla Scala Milano, 01. – 07. 03.2026
Opernzyklus in einem Vorabend und drei Hauptabenden von Richard Wagner

Vor „Rheingold“. Foto: Petra und Helmut Huber
Es sollte eine Produktion mit Christian Thielemann werden, aber eine orthopädische Operation kam dazwischen … somit griff man zur Rettung des Projektes (die Liste der in Mailand abgesagten Ring-Inszenierungen ist lang) in Hinblick auf schon fixierte anderwärtige Verpflichtungen auf ein musikalisches Leitungspaar zurück: Simone Young und deren seinerzeitigem Assistenten in Hamburg, Alexander Soddy. Der gebürtige Brite, „eines der eminentesten Dirigiertalente in der Oper der letzten Jahre“ (Salzburger Nachrichten), hat vor allem in deutschen Opernhäusern einige Wagner-Produktionen, auch einen „Ring“ (Mannheim) verantwortet, und ist in seiner aktuellen Heimat Österreich spätestens seit seiner Chefposition in Klagenfurt (2013 – 2016, die er also mit 31 Jahren angetreten hat) gut bekannt. Die beiden Komplettringe im heurigen März werden von jeweils einem der Premierenleiter dirigiert – wir sahen die Serie unter Soddy, die zweite wird Simone Young anführen.
Der Schotte David McVicar, der vor rund 15 Jahren schon einen Ring in Straßburg inszenierte, schuf (mit Hannah Postlethwaite) eine spannende und emotionell tiefschürfende Produktion, mit auch witzigen Details, die aber nie die Logik des Werkes verlassen, und die sich wirklich eng an Wagners Text und Regieanmerkungen hält: keine Angst vor Raben oder den heiligen Ziegenböcken der Fricka – wobei es dem Gestaltungsteam gelingt, das alles mit „schlimmstenfalls“ zart-heiterem Spott, aber niemals Denunziation oder gar Lächerlichkeit zu servieren. Und man muß auch immer wieder sagen: Wagners Geschichte, Psychologie und innere Logik der menschlichen Gier sind nun einmal so stark, daß sie vom Regisseur „nur“ nüchtern und trocken ergründet und dargelegt werden müssen, um dramatisch erfolgreich zu sein. Denn im Grunde läßt jede Veränderung und Überbauung das Werk an Stringenz verlieren. Großartige Lichtführung und Videodetails (David Finn, Kathy Tucker), z. B. auch am jeweils anders, inhaltsbezogen, gestalteten Abendvorhang, tragen zum zwingenden Gesamtbild bei.
Mit ihren Kostümen bewegt sich Emma Kingsbury in einem zwar an sich unverbindlichen Bereich zwischen romantischen Ritterwelten und Fantasy-codes, schafft aber damit doch schon vom Erscheinungsbild her starke Charaktere, die durch die allererstklassigen Sängerinnen und Sänger mit intensivem Schauspiel noch weiter ausdifferenziert und intensiviert werden.
Für uns (aber nicht für alle) eine gelungene Idee: die Walkürenpferde werden durch Statisten bzw. Ballettänzer mit sogen. Sprungstelzen (Choreographie Gareth Mole, Circus & Martial Arts David Greeves) mit großer Körperbeherrschung dargestellt – und Loge erhält durch ebensolche Nebendarsteller für seine Umtriebigkeit die verwirrende Armvielfalt der indischen Göttin Kali. Eindrucksvoll auch die Körperbeherrschung der Rheingold-Riesen auf ihren 40 oder 50 cm hohen Kothurnen.
Die Aufführungen beginnen mit geschlossenem Vorhang; die Ouvertüre wird kaum bespielt, die Versenkung in die klangliche Stückcharakterisierung wunderbar angeleitet.
Das RHEINGOLD am 1. März begann zwar mit einigen Ansatzschwierigkeiten unter den Holzbläsern, war aber dann musikalisch geradezu aufregend perfekt – insbesondere die Steigerung von den dahinsiechenden goldapfellosen Göttern zum Aufbruch nach Nibelheim war atemberaubend, eine Flammenwand (keine Lavawalze!) sozusagen – weil auch Soddy und das mit komplettem Wagnerschen Luxus besetzte Scala-Orchester bei aller Wucht und Lautstärke nie auf Transparenz und Eleganz vergaßen. Auch die dramatischen Aspekte wurden, zusammen mit der heuer teils auch in Bayreuth geplanten Besetzung Michael Volle (Wotan), Okka von der Damerau (Fricka), Norbert Ernst (Loge), Andrè Schuen (Donner), Siyabonga Maqungo (Froh), Christa Mayer (Erda) und Olga Bezsmertna (Freya), feinst und fürs Publikum überzeugend ausgeleuchtet. Jongming Park und Ain Anger waren ein perfektes, profundes Riesenpaar, Òlafur Sigurdarson ein eindrucksvoll hartnäckiger Alberich, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke dessen gequälter Bruder. Perlende Rheintöchter: Polina Pastirchak, Svetlana Stoyanova und Virginie Verrez. Tosende Begeisterung, kein „Buh“ – sind wir wirklich in der Scala?? 😉

Die Walküre/ Schlussapplaus
Am 3. 3. WALKÜRE: Hundings Hütte zeigt sich als eine bedrohliche, festungsartig-steinerne Angelegenheit mit Fallgitter als Türe, natürlich einer (schon etwas hinfälligen) Esche und einem wärmenden Feuer. David Butt Philip ist ein kraftvoller, heldentenoraler Siegmund, Günther Groisböck eine Urgewalt von Hunding und die Einspringerin Vida Miknevičiūtė (Sieglinde, statt Elza van den Heever) eine stimmlich atemberaubende Offenbarung. Überragend intensiv dargestellt auch der Streit Wotan-Fricka und dann kommt natürlich auch noch die ideale Brünnhilde von Camilla Nylund ins rückhaltlose und spannende Spiel – vielleicht unter all „unseren“ Ringen der bislang aufregendste 2. Walküren-Akt? Auch Brünnhildes Schwestern, eine punkige Wilde-Weiber GmbH, erfüllen, mit ihren equinen Kampfgenossinnen und -genossen Wagners Text und Musik mit überzeugend dramatischem Leben: Caroline Wenborne, Olga Bezsmertna, Catherine Carby, Freya Apffelstaedt, Kathleen O’Mara, Virginie Verrez, Nadine Weissmann und Eva Vogel. Wotans Abschied wird von Herrn Volle und Frau Nylund ebenso wortdeutlich, edel wie erschütternd gestaltet, mit der kongenialen Begleitung aus dem Graben. 15 Minuten Begeisterung, wenn auch diesmal nicht ganz ohne Buhrufe. Das Orchester ist erneut strahlend und hochemotionell eingestimmt; vereinzelt kommt es heute aber zu Patzern im Blech (Trompeten). Bei den Streichern gibt es, wohldosiert und historisch korrekt, auch ein paar Glissandi zu hören. Man fragt sich aber auch, ob man nördlich der Alpen bei Wagner je solchen Jubel, solche Spielfreude aus dem Orchestergraben vernehmen kann – wohlgemerkt im korrekten Kontrast zu den „schweren“/düsteren Stellen.

Vor „Siegfried“. Foto: Petra und Helmut Huber
Der 5. März ist SIEGFRIED gewidmet. Die Mime-Höhle ist realistisch steinern, kurz nach dem Vorhang werden auch einige Steinblöcke hochgezogen. Hm – warum? Der Bär tapst, angetrieben durch das schon bekannte Bewegungsensemble, herein, begleitet von Klaus Florian Vogt, dessen bekanntlich eher lyrisch-schlank wirkender Siegfried trotzdem wunderschön über das machtvolle Orchester drüberkommt. Mit Herrn Ablinger-Sperrhacke („Vater und Mutter zugleich“, was sich auch im Kostüm manifestiert) liefert er sich einen facettenreichen Streit, wobei die beiden Stimmen im Timbre gut zu unterscheiden sind; kraftmäßig schenken sich die beiden nichts, und mit dem im ersten Akt dirigierten sehr hohen Tempo (deutlich kürzer als die veranschlagten 80 Minuten) kommen sie auch in ihrer Diktion zurecht. Der Wanderer Volle steht in allen drei Akten stimmlich kraftvoll wie ein Baum, Alberich Sigurdarson läßt sich von ihm aber nicht die Schneid abkaufen – wie alle Streitpaarungen des 2. und 3. Aktes exzellent dramatisch ausgewogen imponieren! Der Drache beeindruckt als mächtiges und schauerliches Menschen-Echsen-Skelett, bewegt von ca. 10 „Bewegungsbeauftragten“, Siegfrieds Kampf gerät dementsprechend aufregend. Choregraphisch/pantomimisch sowie stimmlich entzückend das Waldvögelein von Francesca Aspromonte. Auf der dunklen Seite des Stimmspektrums bewähren sich erneut Herr Anger und Frau Mayer. Die Brünnhildenerweckung ist gut und durchaus spannungsschaffend inszeniert, was aber über die doch etwas umwegige Strukturierung durch Wagner nicht hinweghilft. Jedenfalls wieder riesiger, 15 Minuten langer Schlußapplaus, schon zum Ende des 2. Aktes heftiger Beifall für die „Ausgeschiedenen“ und den Solohornisten. Ein paar wenige Buhrufe auch heute, vor allem in den Jubel für Dirigent und Orchester gemischt.

Schlussapplaus „Siegfried“: Vogt, Nylund, Soddy, Mayer, Volle. Foto: Petra und Helmut Huber

Vor „Götterdämmrung“. Foto: Petra und Hemut Huber
Die Rätselmotive zu Beginn der GÖTTERDÄMMERUNG am 7. März klingen ätherisch aus dem Graben, bevor die Nornen ihr rotes, dann ins Graue changierende Seil flechten: Christa Mayer, Silvia Vörös und Olga Bezsmertna. Frau Mayer hat (anstatt Nina Stemme) dann noch als Waltraute einen unglaublich intensiven weiteren Auftritt – auch mit Hilfe eines „sweet spot“ der recht ungleichmäßigen Bühnenakustik der Scala. Die Gibichungenhalle ist, Wagners Anweisung entsprechend, mit Masken der aus dem Rheingold bekannten Götter dekoriert. Sie scheint aber akustisch nicht optimal zu sein: der als einziger Nennenswertes aus dem Hintergrund singende Gunther (Russell Braun) ist stimmlich sicherlich adäquat, wird an dieser Stelle aber ziemlich geschluckt. Die Gibichungen werden samt ihrer Miliz (Herrenchor und „Waffenballett“) durch Uniformen im Stil des frühen 19. Jahrhunderts, mit keltisch-römisch anmutendem Ornat gekennzeichnet.
Schon vor der Ankuft Siegfrieds im 2. Akt erscheint im Hintergrund wieder der schon bekannte riesige goldene Totenschädel, wohl als Sinnbild des Nibelungenschatzes – und Alberich (diesmal Johannes Martin Kränzle) trifft auf Hagen zuerst in einer Art Zwangsjacke, aus der er sich dann aber löst: soweit die weniger verständlichen Regieeinfälle. Zu den plausiblen gehört ein kurzer, trauriger Besuch des Wanderers an Siegfrieds Bahre. Frau Bezsmertna glänzt ein weiteres Mal an dem Abend als Guthrune, Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund halten ihren schon davor demonstrierten tollen Standard. Günther Groisböck darf als Hagen gestalterisch viel weiter ausgreifen als bei seinem Walküren-Bösewicht und nutzt das weidlich und zur Begeisterung des Publikums aus. Auch die Rheintöchter (Lea-Ann Dunbar statt Frau Pastirchak) sind erneut vorzüglich – egal ob als Verlockerinnen oder als Racheengel. Das finale Inferno zeigt auch, wie von Wagner gewollt, Einblick ins untergehende Walhall.

Schlussapplaus „Götterdämmerung“. Foto: Petra und Helmut Huber
An die 20 Minuten tosender Applaus, sehr deutlich auch für das tolle, tempomäßig und hinsichtlich Dynamik wie Transparenz perfekte Dirigat von Alexander Soddy – und nicht einmal ein einziger Buhruf zu guter Letzt!
Insgesamt also ein äußerst befriedigendes Ereignis – für uns zusammen mit Brisbane 2023 und New York 2019 (übrigens Herrn Volles „Komplett-Wotan“-Debut!) das Spitzentrio an „Ringen“. Auch viele Details hat die Scala großartig gestaltet, von einem kompletten Textbuch samt Wagners Regieanweisungen und synchron dazu geführter Leitmotivtabelle, bis zur (je nach Platzkategorie) inbegriffenen, teils recht umfänglichen kulinarische Versorgung; letztere ging sich trotz der mit 30 Minuten für Wagner kurzen Pausen aus.
Petra und Helmut Huber

