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Michaela Klingberg: VON DER BARBERINA ZU BARENBOIM

11.02.2013 | buch

 

Michaela Klingberg:
VON DER BARBERINA ZU BARENBOIM
270 Jahre Opernpolitik in Berlin
316 Seiten, Nora Verlag, 2012

Man weiß, dass in Berlin „aufgewühlte“ Opernzeiten herrschen – die Lindenoper wird saniert, das Datum der Wiedereröffnung immer wieder hinausgeschoben, und man kann eigentlich heilfroh sein, dass man das Schillertheater in seiner ursprünglichen Funktion geschlossen hat, denn wo sonst wäre ein Ersatzspielort aufzutreiben gewesen?

Andererseits waren die Stadtväter nach der Wiedervereinigung nicht dazu zu bringen, der Weltstadt Berlin eines ihrer nun drei großen Opernhäuser wegzunehmen, obwohl jeder weiß, dass man sie sich eigentlich nicht leisten kann – aber die neu geschaffene, übergeordnete „Opernstiftung“ soll den gleichzeitigen Betrieb der drei Häuser möglich machen…

Wilde Zeiten, wie gesagt, und da kommt ein Buch ganz recht, das auf 270 Jahre Berliner Operngeschichte zurückblickt, wobei Autorin Michaela Klingberg dies als „Opernpolitik“ bezeichnet. Da merkt man nämlich, dass es immer drunter und drüber gegangen ist (wo immer es um das heikle Thema Oper und die heiklen Opernschaffenden aller Art geht) – eine Erfahrung, die sich allerdings auch für Wien oder München machen lässt, von Mailand und anderen großen Opernstädten ganz zu schweigen.

Das Buch führt zwei griffige Namen im Titel, wobei die Barberina auch noch auf dem Umschlag „tanzen“ darf – mag sein, dass sie vergessen ist, jedenfalls war sie eine damals europaweit berühmte italienische Ballerina, die meinte, König Friedrich II. (der heute wieder „der Große“ genannt werden darf) würde nach ihrer Pfeife tanzen: Er tat es nicht. Als sie ihren Vertrag locker handhaben wollte, ließ der König sie mit Militäreskorte nach Berlin bringen…

Was Daniel Barenboim betrifft, so verbindet man seinen großen Namen zwar mit Berlin, aber übermäßig präsent ist er in dem Buch nicht. Das ja auch keine künstlerischen Wertungen fällt, sondern einfach eine lange und überraschend interessante Geschichte erzählt. Gut lesbar, übersichtlich, mit Blick für das Wesentliche. Und, wie gesagt, Operngeschichte als Opernpolitik.

Mit dem schon erwähnten König Friedrich II. von Preußen begann es, der Musik liebte und viel davon verstand. Auch wollte er sein Berlin, das hinter anderen deutschen Städten kulturell durchaus ein wenig nachhinkte, hier an die vordere Front katapultieren. 1741, Friedrich war gerade ein Jahr König, erfüllte er sich offenbar einen Herzenswunsch und beauftragte Knobelsdorff mit dem Bau einer Königlichen Hofoper (es ist jene „Unter den Linden“, die heute noch steht, wenn auch wacklig). Und er genoss diese seine Institution, die für eine Million Taler errichtet worden war und 1742 mit „Cleopatra e Cesare“ von Graun eröffnet wurde, aus vollem Herzen. Er „spielte“ sich regelrecht damit, bestimmte alles, den Spielplan (wobei er Texte veränderte und Musik dazu komponierte!), die Dekorationen, er engagierte Künstler, er war bei Proben, und er stand oft hinter dem Dirigenten und sah ihm über die Schulter und in die Partitur hinein. Charles Burney, der englische Musikschriftsteller, der zu dieser Zeit  durch Europa reiste, berichtete, Friedrich sei „wirklich ein so guter Generalmusikdirektor hier, als Generalissimus im Felde.“

Natürlich ist der Mann, der alles bezahlt (große Teile der Spesen auch aus der „Privatschatulle“), der absolute Herrscher. Doch wenn er seinen Bediensteten erklärte: „Ihr werdet weit klüger handeln, wenn Ihr dasjenige tut, was ich Euch befehle, und Euch nicht angewöhnt zu räsonieren, denn das leide ich durchaus nicht“ – dann würde man das auch manchem Operndirektor unserer Tage zutrauen (Ioan Holender, seligen Wiener Angedenkens, beispielsweise mit Sicherheit…).

Tragisch war, dass der König nach dem Siebenjährigen Krieg (auch wenn er ihn gewonnen hat), ein gebrochener Mann war, was man nicht deutlicher ermessen konnte als daran, dass er nach 1763 an seiner Oper keine Freude mehr hatte. Auch starb der Komponist Carl Heinrich Graun, der an die 30 Opern für Berlin geschaffen hatte und für die anfängliche Glanzzeit verantwortlich war.

„Von nun an ging’s bergab“, könnte man flapsig sagen, aber in den folgenden Jahrhunderten gab es jede Menge von auf und ab. Und selbst die größten Namen waren nicht davor gefeit, tragische Schicksale zu erleiden wie etwa Komponist Gasparo Spontini, der 1820 als erster Generalmusikdirektor der Welt nach Berlin berufen wurde, sich über kurz oder lang so mit dem Intendanten Graf Brühl zerstritt, dass die Herren nur noch schriftlich verkehrten (auch große Geister können kindisch sein), und schließlich ziemlich unfreundlich entlassen wurde.

Die Autorin erzählt ihre Berliner Operngeschichte chronologisch, wodurch die Geschichte der einzelnen Häuser ineinander greifen (und auch Theater immer wieder einbezogen werden, sei es nur durch Personalunion von Intendanten). Neben den heute noch aktiven drei Opernhäusern gab es noch andere, etwa die einst berühmte Kroll-Oper, die eng mit dem Namen von Otto Klemperer verbunden ist und nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nicht wieder zum Leben erweckt werden konnte.

Die Geschichte der Berliner Opernhäuser ist eine der großen, ganz großen Namen, natürlich wird Walter Felsenstein, dem Wiener, der zum Aushängeschild der DDR wurde, besonderer Raum gegeben – er hat 1947 die Komische Oper gegründet, die ursprünglich ein Haus für Revuen gewesen war. Die DDR leistete sich dieses Prestige-Instiut neben der Deutschen Oper in der Bismarckstraße in Charlottenburg, und alle Häuser hatten ihre glanzvollen und weniger glanzvollen Perioden, wobei die Nationalsozialisten – wie jede Diktatur – die Opernhäuser so gleichschalteten wie das ganze kulturelle Leben, aber auch großen Wert darauf legten.

Wenn die Autorin das Schicksal der nunmehr drei Opernhäuser im wieder vereinten Berlin bis heute heraufgeführt hat, so gibt sie der entscheidenden Frage „Wieviel Oper verträgt die Stadt?“ breiten Raum. Sie kann natürlich keine Antworten geben, breitet aber die Diskussion und die vielfältigen, auch widersprüchlichen Vorschläge auf nahezu den letzten hundert Seiten ausführlich aus.

Von außen betrachtet (etwa von Seiten Wiens, wo wir ja auch unsere drei Opernhäuser „unbedingt“ brauchen), hat das Festhalten Berlins an seinen Häusern ja nachgerade etwas Rührendes: Es bedeutet doch, dass man in Sachen Oper keinen Fußbreit aufgeben möchte. Was Friedrich II. mit solchem Impetus begann, seiner Stadt eine Oper zu geben, und was dann zu einer großen, aufregenden Tradition wuchs, soll nach dem Willen mancher radikal reduziert, nach dem Willen anderer bewahrt werden.

Man wird ja sehen. Berliner Operngeschichte, Opernpolitik, wie man sie hier so schön dargestellt findet, bleibt aufregend.

Renate Wagner

 

 

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