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MICHAEL SCHOTTENBERG: Ein völlig neues Leben

02.11.2019 | INTERVIEWS, Schauspieler


Foto: Amalthea Verlag

MICHAEL SCHOTTENBERG

Ein völlig neues Leben

45 Jahre lang war Michael Schottenberg als Schauspieler und Regisseur eine fixe Größe im Wiener Theaterleben, zuletzt zehn Jahre lang als Direktor des Volkstheaters. Dann drehte er (mit Ausnahme eines kleinen Rückfalls) dem Theater völlig den Rücken. Begann zu reisen. Begann zu schreiben. Ja, war sogar bereit, sich als „Dancing Star“ zu versuchen. Heute führt er ein völlig anderes Leben als früher. Und ist sehr froh darüber.

Mit Michael Schottenberg sprach Renate Wagner

Herr Schottenberg, Sie waren stets voll von Überraschungen. Dennoch hätte man nicht erwartet, in Ihnen einem Kinderbuch-Autor zu begegnen. Wie kam es zu „Schottis schönste Tiergeschichten“, die eben im Echomedia Verlag erschienen sind?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Meine Lebenspartnerin ist Lehrerin in der größten Privatvolksschule Österreichs, dem Josefinum in Breitensee, und da hatte ich schon vor Jahren die Idee, dass ich einmal in der Woche in die Schule gehe und mit jeweils einer Gruppe von größeren Kinder – von 8 bis 10 Jahren, wo sie selbst schon gut lesen können – als „Lese Partner“ fungiere. Das ist eine Aktion, bei der auch viele Omas und andere Freiwillige mitmachen und wo es darum geht, die Kinder mit Literatur vertraut machen, mehr noch: Ihnen zu zeigen, was Literatur vermag, wie sie die Phantasie anregt, wie sie auch Lebenshilfe bietet.

Und von da war es nur ein Schritt, selbst ein Kinderbuch zu schreiben?

Seit ich mich von meinem Theater-Beruf zurückgezogen habe, ist das Schreiben neben dem Reisen eine meiner Hauptbeschäftigung, sozusagen der nunmehrige Mittelpunkt meiner Existenz. Und ich wollte „schöne“ Vorlesegeschichten schreiben, in schöner Sprache, als Gegenpol zur Kürzelwelt der Handysimplifizierung, und Tiergeschichten, weil man weiß, dass Kinder sich von Tieren angesprochen fühlen und sich dann identifizieren können, wenn man ihnen im „Tiergewand“ einige ihrer Probleme vorstellt. Je mehr Kinder lernen, mit Phantasie umzugehen, umso reicher wird ihr Leben. Ja, und mich macht es auch glücklich, wenn ich Bäume sprechen lassen kann und Kinder fliegen… als Autor kennt man keine Grenzen, alles ist möglich.

Das heißt, sie „inszenieren“ mit Sprache. Und sonst nicht mehr? Dass Sie sich nach Ihrer zehnjährigen Volkstheater-Direktion so gänzlich von dem Theaterleben zurück gezogen haben, konnte ja keiner glauben?

Ja, ich bin nur einmal rückfällig geworden und habe es sehr bedauert. Herbert Föttinger hatte mir Inszenierungen an der Josefstadt angeboten, ich habe das „Mädl aus der Vorstadt“ gemacht – und auf einmal gemerkt, dass ich es wirklich nicht mehr will, dass diese Phase meines Lebens vorbei ist. Da habe ich die zweite Inszenierung abgesagt, und ich bin sicher – man soll nie nie sagen, aber ich tue es -, dass ich weder als Schauspieler noch als Regisseur arbeiten will. Ich habe so viel anderes zu tun.

„Dancing Stars“ zum Beispiel?

Ja, warum nicht? Warum soll man mit Mitte 60 nicht etwas ganz Neues versuchen, zumal, wenn es – auch körperlich – so eine Herausforderung ist? Ich war in meinem Leben nie ein Tänzer, absolut null, also habe ich gedacht, da jeder das weiß, kann ich mich nicht einmal blamieren. Aber ich war einmal Schauspieler, und im Glitzergewand über eine Treppe schweben… das habe ich als Regisseur den anderen vorgegeben, und jetzt habe ich es selbst gemacht, es war eine Riesenhetz. Und dann landen meine Partnerin und ich noch am zweiten Platz!

Aber die wesentlichste Veränderung Ihres Lebens haben wohl die Reisen mit sich gebracht?

Nach meinem letzten Tag als Volkstheater-Direktor, im August 2015, habe ich mich ins Flugzeug gesetzt und bin nach Hanoi geflogen, weil ich immer schon nach Vietnam wollte. Ich bin auch früher gern und oft gereist, aber nun hatte ich die Muße, mich mit einem Rucksack aufzumachen und durch ein Land treiben zu lassen, der Kultur zu begegnen – fremde Kulturen faszinieren mich -, den Menschen, dem Essen… In billigen Hotels, mit den Verkehrsmitteln der Einheimischen. Und ich habe, mit der Hand geschrieben, einfach ein Tagebuch geführt, um es zuhause meiner Freundin vorzulesen.

Und da sind mittlerweile schon drei Reisebücher daraus geworden?

Ich habe Brgitte Sinhuber vom Amalthea Verlag getroffen, die gerne meine Memoiren wollte, also genau das, was ich nicht schreiben will. Eigentlich machen wir keine Reisebücher, meinte sie – aber warum nicht einmal? Das einzige Zugeständnis war der der Titel des ersten Buches, „Von der Bühne in die Welt“, damit wenigstens ein bisschen von dem bekannten Schottenberg dabei ist… Mittlerweile gibt es nach Vietnam zwei weitere Bücher, eines über Burma und eines über meine Zeit auf einem Frachtschiff in der Nord- und Ostsee. Das Buch über Indien schreibe ich gerade…

 

Wohin geht die nächste Reise?

Im Moment bin ich so beschäftigt, alles zu erledigen, was vor mir liegt, ich habe dauernd Lesungen und Vorträge, vor Kindern und vor Erwachsenen, und ich werde ab 7. Jänner in einer neuen Reisesendung in ORF II einmal pro Woche einen siebenminütigen Beitrag über meine Reisen gestalten. Außerdem habe ich Pläne für andere Bücher – nein, kein Roman, keine Memoiren, man wird es ja sehen.

Das ist ein ganz neues Leben, das Sie führen. Kaum jemand wäre imstande gewesen, in einem Alter, das heutzutage ja noch nicht als „alt“ gilt, alles hinter sich zu lassen?

Es waren 45 anstrengende Jahre, vor allem die letzten zehn am Volkstheater, die haben mich aufgerieben. Direktor zu sein, ist nicht einfach, wie sich ja auch nach mir gezeigt hat. Wenn Kollegen meinen, sie müssen auf der Bühne sterben, sollen sie das tun, mir persönlich kommt es ein bisschen würdelos vor. Ich war am Ende meines Weges und habe ihn ganz ohne Wehmut zurück gelassen. In meinem neuen Leben bin ich wirklich glücklich.

Vielleicht noch ein Wort zum Volkstheater, das in Ihren zehn Jahren zwar Krisen hatte, aber letztlich wirklich erfolgreich war. Das ist Ihrer Nachfolgerin nicht gelungen. Was ist da Ihrer Meinung nach schief gegangen?

Meine Nachfolgerin hat in ihrem ersten Interview über mein Haus gesagt, es sei künstlerisch am Ende. Ich habe mir dann ein paar Vorstellungen in der ersten Saison angesehen, und das war so was von nicht meines. Seither kann ich nichts mehr dazu sagen.

Dafür haben Sie uns viel anderes zu erzählen. Ich denke, Ihre Fans sind neugierig darauf. Vielen Dank für das Gespräch.

 

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