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Mercury Classics/Deutsche Grammophon: Andreas Ottensamer: Brahms The Hungarian Connection

12.04.2015 | cd

CD-Empfehlung: Mercury Classics/Deutsche Grammophon: Andreas Ottensamer: Brahms The Hungarian Connection

Etwas unausgewogene zweite „Solo-CD“ des unglaublich begabten Ausnahmemusikers

Viermal hintereinander habe ich mir die neue Andreas Ottensamer-CD angehört, um ja der Sache auf den Grund zu gehen. Immerhin handelt es sich ja nicht um irgendeine Neuerscheinung von irgend jemandem, sondern um ein wichtiges Tondokument des jüngsten, gerade einmal 26-jährigen Sprosses einer der bedeutendsten österreichischen Musikerfamilien überhaupt. Die Klarinetten-Dynastie Ottensamer hat innerhalb von nur zwei Generationen drei Weltklasseinstrumentalisten vorzuweisen. Mit Vater Ernst und dem älteren Bruder Daniel gibt es sogar ein Karinettentrio „The Clarinotts“, das auch schon eine CD eingespielt hat. Bruder Daniel hat soeben bei Sony sein erstes Solo-Recital „Mein Wien“ mit dem Mozarteum Orchester Salzburg unter Paul Goodwin herausgebracht. Andreas Ottensamer, der den ersten Vertrag eines Klarinettisten überhaupt mit der Deutschen Grammophon geschlossen hat, ist Soloklarinettist bei den Berliner Philharmonikern, sein Vater und Bruder sind nicht zuletzt und zu Recht Stars der Wiener Philharmoniker.

Die soeben erschienene CD mit dem neumodisch unsinnigen Titel „The Hungarian Connection“ beginnt mit dem Brahms‘schen Klarinettenquintett Op. 115, um über kleine Kostbarkeiten wie die zwei Walzer in a-Dur und Bearbeitungen der Ungarischen Tänze Nr. 1 und 7 mit Leo Weiners großartigen Titeln „Der traurige Hirt“ und „Székler Tanz“ sowie als Krönung der CD mit frei improvisierten Tänzen aus Transsylvanien zu schließen. Alle Werke außer dem Quintett wurden von Stephan Koncz gekonnt arrangiert, der auch den Cellopart übernommen hat. Als Partner von Andreas Ottensamer fungieren der ungestüme Leonidas Kavakos und Christoph Koncz (Violinen I und II), Antoine Tamestit (Viola), der bereits erwähnte grandiose Stephan Koncz und Ödön Rácz (Kontrabass). Später stossen Oszkár Ökrös auf dem Zimbal und Predrag Tomic (Akkordeon) dazu.

Vergleicht man die neue Aufnahme des Brahms‘schen Spätwerkes mit meiner bis dato Lieblingsaufnahme mit dem Amadeus Quartett und Karl Leister als Soloklarinettisten, so fällt sofort auf, dass die Streicher-Freunde Ottensamers die Sache sehr resolut und entschlossen angehen. So sehr, dass die Klarinette oftmals von der Streicherwucht überdeckt wird und beinahe zur Hintergrundbegleitung degradiert wird. Liegt es an der die Streicher bevorzugenden Tontechnik oder den ungleichen Temperamenten, die sich nicht recht mischen wollen? Die für das melancholisch, spätsommerlich verträumte Klarinettenquintett so wichtige „Sangeslinie“ klingt durch überakzentuiertes Geigenspiel weniger geschmeidig als beim Amadeus Quartett. Andreas Ottensamer selbst zaubert einen runden vollen Ton aus seinem Instrument. Ein Klang wie nach reifen weißen Pfirsichen an einem Spätsommertag. Wundervoll für Brahms. Nur leider ergeben die fünf jeder für sich großartigen Musiker kein homogenes Ganzes, manchmal klingt das Quintett eher wie ein Quartett mit Karinettenbegleitung als ein miteinander konzertierendes Ensemble, das schlafwandlerisch aufeinander hört. Die Tontechnik tut das ihre, um das Gegenteil von einem natürlichem Hörerlebnis zu liefern. Die Klarinette klingt manchmal wie in Watte gehüllt und mit Weichspüler behandelt.

Erfreulicherweise wird der Ton lockerer und harmonischer, je weiter die CD voranschreitet. Auf einmal riecht es nach ungarischem Paprika, der auf Ziegelsteinen trocknet, man möchte vom Stuhl springen und mittanzen. Die Klarinette emanzipiert sich nach und nach von den Streichern und zeigt, wer den Ton angibt. Mein Lieblingsstück ist das „Traditional“, eine Art Medley von Tanzliedern, der die CD abschließt. Wie Kenneth Chalmers im von elf Fotos des Solisten gespickten Begleitheft (ja er sieht tatsächlich aus wie eine Mischung aus jungem Marlon Brando und Paul Newman mit einem Schuss Montgomery Clift, was aber nichts zur Sache tut) trefflich bemerkt: „Wenn Ottensamer und seine Freunde hier rumänische Folklore mit originalem Brahms und sogar, in altehrwürdiger Tradition, einigen Wagner Anklängen mischen, folgen sie dem Weg des Komponisten, der keine Hemmungen hatte, Volksgut mit Hochkunst zu verquicken, und sicherlich hätte Brahms ihnen dafür seinen Segen erteilt.“

Ich werde mir schon daher diese CD sicherlich noch ein paar Mal anhören…. Trotz allem eine Kaufempfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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