Staatstheater Meiningen: FLAVIO,RE DE‘ LANGOBARDI von G.F.Händel, 23.10. Premiere

Copyright: Staatstheater Meiningen
Dies ist eine frühe Händeloper, relativ unbekannt, die er in seiner Londoner Zeit 1723 auf ein Libretto vo Nicolo Francesco Haym komponierte, der ihm auch die Texte zu den berühmten Opern C.G.Cesare, Tamerlano und Rodelinda lieferte. FLAVIO wurde 2023 sehr erfolgreich bei den Bayreuther Barockfestspielen in der Regie von Max Emanuel Cencic gespielt, und diese eigentliche Opera seria entpuppt sich als sehr ironische von Händel-Haym konzipierte Hofoper, die Liebesintrigen nach Lust und Laune des Königs und der Höflinge in Szene setzt, dabei aber auch ein tödlich endendes Duell in Kauf nimmt. Diese Erfolgs-Coproduktion wurde jetzt am Theater Meiningen wieder aufgenommen und da weitgehend mit Kräften dieses Hauses gespielt.
Also wer dachte, hier käme eine Oper aus dem frühen Mittelalter mit möglichen Grausamkeiten aus dem Langobardenreich in Italien zur Aufführung, befand sich auf dem Holzweg. Es ist eine im 17./18.Jahrhundert spielende auf englische Herrschaftsverhältnisse mit Torys und Whigs sich beziehende Oper, schon der Rückgriff auf die Langobarden ist ironisch zu bewerten. Es handelt sich um einen Hof mit absolutem „Sonnenkönig“, der total in der Öffentlichkeit am Hof agiert, und es geht nur um Liebesintrigen. Emilia, die Tochter des einen Ratgeber des Königs, Lotario, ist in den Sohn des anderen Ratgebers Ugone, verliebt.Das 2. Liebespaar besteht aus Teodata, Ugones Tochter, und Vitige, Adjutant des Königs. Als der Gouverneur der Provinz England (weitere Ironie!) verstirbt, entscheidet sich König Flavio, der sich in Teodata verliebt hat, für deren Vater Ugone als Nachfolger, damit er bei Teodata möglichst ‚freie Bahn‘ bekommt. Lotario fühlt sich bei der Postenbesetzung übergangen, gerät mit Ugone in Streit und ohrfeigt ihn. Als Lotario von Emilia verlangt, mit Guido zu brechen, will dieser Lotario zum Duell herausfordern. Vitige soll Teodata Flavio zuführen und hofft, dass sie ihm treu bleibt. Guido tötet Lotario im Duell. Teodata spielt Flavio ihre Liebe zwar nur vor, aber die Situation ist völlig verfahren. Emilia kann Guido nicht töten, was er von ihr erwartet. Den vor Eifersucht rasenden Vitige kann Teodata wieder einfangen. Der König gibt seine Ansprüche auf sie auf. Ugone nimmt die Schuld an Lotarios Tod auf sich. Flavio lässt Emilia kommen und behauptet, den Tod Guidos befohlen zu haben. Ohne ihren Geliebten will auch Emilia nicht mehr leben. Da gibt sich Guido zu erkennen ,und sie fallen sich in.die Arme. Plötzlich gibt es keinerlei Probleme mehr…

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Max Emanuel Cencic inszeniert auf sehr witzige, fast ironisch überdrehte Weise. Gleich zu Beginn wird,wenn die anderen Hofdamen verschwinden ein schnelles Techtelmechtel zwischen der angekommenen Teodata und dem als Hosenrolle agierenden Vitige gezeigt. Das lebhafte Hin und Her mit Billiard spielenden blökenden Pagen und koketten Hofdamen findet immer vor wechselnder Kulisse der verschieden klappbaren, bemalten Palastwände mit Fenstern und Türen statt, die von Helmut Stürmer entworfen wurden. Die Königin ist eine Statistin (Elke Müller),namenlos und relativ traurig, die aber einen kleinwüchsigen Höfling mit sich führt (Mick Morris Mehnert), der auch mal einer Hofdame an die Wäsche geht und verscheucht wird. Der Zeremonienmeister Jan Berner, auch mit Riesenperücke wie alle anderen Höflinge, leitet fast jede Szene mit dreimaligem Aufklopfen seines Stabes ein. Im 2.Teil steht das rotsamtige Himmelbett im Mittelpunkt. Wenn Vitige seine Teodata dem König zukomplimentiert hat, werden dazu dann noch andere Hofdamen im Kleider-, Reifrockpomp und erlesen köstlich phantasievollen Kopfbedeckungen von schriller Glocke dazugerufen und bereits barbusig bevölkern sie das Himmelbett, das alsbald ordentlich bebt. Eindringlich, wie Max Emanuel Cencic die Arien des Guido mit seinem vollströmenden satten Countertenor intoniert, wenn er nicht mehr ohne Emilia leben kann und will.- Die Barockkostüme sind in ihrer Vielfalt und ihrem Fantasiereichtum eine ganz große Nummer von Corina Grämosteanu.
Musikalisch kommen die sich jagenden (Kurz)rezitative und Arien sehr gewitzt über den hochgefahrenen Graben, gespielt von der Continuo-Gruppe mit Theorbe/Barockgitarre, Violoncello, zwei Fagotten und zwei Cembali, sowie der sehr klangkompakt agierenden Meininger Hofkapelle. Die Einstudierung und das Dirigat übernahm mit eher straffen Tempi und viel schillernden Agogik Camille Delaforge.
Die z.T.herausragenden SolistInnen sind: Flavio, der unter allseitiger Beobachtung stehend, zuletzt nur noch im Nachthemd agiert ist Remy Bres-Feuillet, ein Countertenor bester Klasse und mit bestem witzig-wendigem Spiel .Sein Timbre ist eher luftig weich, und er kann die Herrscherrolle wie nebensächlich sehr natürlich zelebrieren. So einem bestechend eleganten Counter hört man äußerst gerne zu.
Die Ratgeber werden bassbaritonal von Keith Klein (Lotario) und tenoral von Tobias Glagau (Ugone) rollentypisch und z.T.auch deutlich ironisch gezeichnet.
Die Emilia wird von Lubov Karetnikova gegeben.Sie singt einen Koloratursopran erster Güte. Ohne dass es der Qualität ihrer Stimme schadet, bricht sie, auch während ihrer Arien in lautes Wehmutgeschrei aus und japst dabei hörbar nach Luft.
Danach perlt der erlesen timbrierte Sopran wie zuvor!
Die Teodata wird vom Mezzosopran Julianna Smith gegeben. Da mit Sara-Maria Saalmann auch ein hoher agiler Mezzo die Hosenrolle des Vitige singt, kommt es hier zu einer interessanten Paarung zweier Mezzosoprane. Gleich ihr erstes Duett während ihres Beischlafs, erst „er“ oben, später dann unten, auf dem Boden der von den beiden noch anwesenden Hofdamen verlassenen ‚Kemanate‘, singen sie sozusagen im wonnigen hellen Rhythmus ihres Liebesakts phänomenal.
Friedeon Rosen

