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MEININGEN/Staatstheater: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

21.03.2022 | Oper international

MEININGEN: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
20.3. 2022 (Werner Häußner)

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Lena Kutzner als Senta. Foto: Christina Iberl

Kino, das ist Traumwelt, Illusion und Projektion, Flucht und Vision zugleich. In Kay Metzgers Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ am Staatstheater Meiningen ist das Foyer eines Fünfziger-Jahre-Kinos der Fluchtort der jugendlichen Senta. Schon in der Ouvertüre sehen wir sie dort sitzen, während ein Filmplakat den düsteren Helden eines Films überlebensgroß an der Wand erscheinen lässt. Der „Fluch der Meere“ ist wohl der Lieblingsfilm des Mädchens. Sie stürmt die Treppe hinauf dem Kinosaal zu. Drei Mal wiederholt sich diese Szene während der Ouvertüre – es ist wie ein Ritual, das am Ende der Oper in einer überraschenden Lösung mit der inzwischen zur grauhaarigen Großmutter gealterten Senta gipfelt.

Der hohe Raum mit großmustrigen, altmodischen Tapeten bleibt der Schauplatz des Abends. Daland hebt einen an der Bar, schläft an einem der Tische ein, während der Steuermann – hier der Barkeeper – aufräumt. Der Holländer ist ein seltsames Wesen, von Ausstatterin Petra Mollérus in einen langen schwarzen Mantel gehüllt, halb „Fluch der Karibik“, halb Ahasver des 19. Jahrhunderts. Unvermittelt liegt er nach einem der die Szenen trennenden Lichtvorhänge am Boden, unklar, woher er kommt und wer er ist. Die Faszination ist unmittelbar: Die pubertäre Senta entdeckt in dem „fremden Mann“ ihr Idol aus dem Film. Spinnerinnen und Seeleute – also die Chöre und die Statisterie des Meininger Theaters – sind Kostümklone Sentas und des kellnernden Steuermanns, im grünschimmernden Licht nicht mehr als Kopfgeburten, irreale Phantome.

Kay Metzger, der in seiner Detmolder Zeit u.a. einen spannend als Zeitreise konzipierten „Ring“ entworfen hatte, schafft auch in diesem 2017 in Detmold entstandenen und später am Theater Ulm gezeigten „Holländer“ eine bildstarke und erzählgewaltige Inszenierung, konzentriert auf die Figur der Senta. Alle anderen Personen definieren sich aus deren Perspektive von Idealisierung und Illusion. Das Drama der „Treue bis zum Tod“ ist die eigentliche Tragödie: Der Holländer, so lässt sich Metzgers Regie lesen, resigniert nach einem poetischen Tanz inmitten der Seemannschor-Staffage, weil er erkennt, dass er die Seele dieses Teenagers nicht berührt, sondern lediglich eine Ersatzfigur für das projizierte Idol bleibt. Für Erik bleibt nicht einmal diese Rolle übrig; er hat keine Chance, die Innenwelt der Seemannstochter auch nur zu berühren.

So macht Metzger aus dem Kino-Setting für seine „Holländer“-Lesart die Metapher für eine in sich gefangene Liebe, die sich an eine Projektion verströmt. Die Wagner’sche Erlösungsidee bricht sich an einer Tasse Kaffee im Kinofoyer. Die Wellen der Musik dagegen brechen auseinander, weil die Akustik des Hauses nicht mitspielt. GMD Philippe Bach dirigiert einen energischen, hochgespannten Wagner mit schneidende Tremoli, gefährlich rumorenden Bässen, aber auch frischen Kantilenen. Aber der Klang will sich nicht mischen, die Balance im Orchester stellt sich nur selten ein. Im ersten Teil vor der – sonst eher ungewöhnlichen – Pause rumpelt es manchmal erheblich aus dem Graben. Mag sein, dass die Holprigkeiten der kurzfristigen Spielplanänderung geschuldet sind, denn ursprünglich sollte die 1854 in Gotha uraufgeführte und einst sehr erfolgreiche Ausgrabung „Santa Chiara“ aus der Feder des komponierenden Herzogs Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha gezeigt werden.

Mit Lena Kutzner hat Meiningen eine starke Senta im Ensemble – bis auf ein paar gläsern-grenzwertige Töne in der Höhe ist sie den Quart-/Quintsprüngen ihre Ballade ebenso gewachsen wie dem kantablen Piano der Sehnsucht nach dem „bleichen Mann“. Mit dem passend raustimmigeren Shin Taniguchi als Holländer verbindet sie die Lust am differenzierenden Singen: Bei aller Energie der Fortissimo-Momente sind die nachdenklichen, resignativen Momente bei beiden ohne Druck in empfindsamen Piano-Schattierungen ausgeformt.

Tomasz Wija ist als Daland kein kraftstrotzender Seebär, sondern ein vom Alkohol gezeichneter, schon ins Skurrile abgleitender Charakter. Patrick Vogel als Gast aus Leipzig bleibt dünn und blass – aus der spießigen Realität Sentas kommend ist er kein ernsthafter Widerpart des Holländers. Die Gäste I-Chiao Shih (Mary) und Pedro Arroyo (Steuermann) können sich nicht profilieren. Die Wagner-Tradition in Meiningen wird am 22. April fortgesetzt mit „Lohengrin“ in einer Inszenierung des langjährigen Intendanten Ansgar Haag mit Lena Kutzner als Elsa und Sabine Hogrefe als Ortrud; die Titelpartie singt Michael Siemon.

 

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