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MASHA DIMITRIEVAS Einspielung des Klavierwerks von GORDON SHERWOOD

Gordon Sherwood - Eine Entdeckung mit beschränkter Haftung

08.01.2021 | cd
Sherwood

Gordon Sherwood und die Pianistin Masha Dimitrieva. Foto: gordonsherwood.de

Masha Dimitrievas Einspielung von Gordon Sherwoods Piano Works

Volumes I und II

Von Manfred A. Schmid

Biographische Anmerkungen zum „bekanntesten der unbekannten Komponisten“

Klavierwerke eines Komponisten namens Gordon Sherwood? Nie davon gehört. Sollte man aber, meint die in Deutschland lebende Pianistin Masha Dimitrieva, die auf dem von ihr gegründeten Label Sonus Eterna Ende des vergangenen Jahres bereits die zweite CD mit Klavierwerken des Künstlers herausgebracht hat, Teil I erschien 2017: „Gordon Sherwood war ein umtriebiger und kompromissloser Freigeist, dem nur die Verwirklichung seiner musikalischen Ideen am Herzen lag, alles andere darunter stellte, leider auch zu seinem eigenen Nachteil. Er kombinierte in seiner Musik Stile und Ausprägungsformen der Entwicklungsgeschichte klassischer Musik mit musikalischen Erfahrungen und Eindrücken, die er während seiner jahrelangen Wanderreisen quer durch die Welt sammelte. Das Ergebnis ist außergewöhnliche und ehrliche Musik.“  Die vorliegende Einspielung liefert Belege dafür.

Für die Musikwelt entdeckt wurde der 1929 in den USA geborene „bekannteste der unbekannten Komponisten“ (Eigendefinition Gordon Sherwood) von der aus Russland gebürtigen Pianistin Masha Dimitrieva, die man in Österreich vor allem wegen ihrer mustergültigen Einspielung der Klavierwerke von Ignaz Josef Pleyel (Gramola 2008; ARS 2009) kennt. Auf Sherwood aufmerksam gemacht wurde sie durch einen 1995 gedrehten deutschen Film über einen rastlosen Wanderer zwischen den Welten. Im Fernsehfilm Der Bettler von Paris– auf youtube abrufbar – porträtieren Erdmann Wingert und Heiner Silvester einen alten, vereinsamten, leicht verwahrlost wirkenden Mann, der in den Straßen von Paris bettelt, dabei aber die Passanten stets selbstbewusst und nicht ohne Stolz wissen lässt, dass er Komponist sei und das Geld erbettle, um seine Stücke schreiben und aufführen zu können. Damit war das Interesse von Dimitrieva am Schicksal und am künstlerischen Schaffen dieses rätselhaften Mannes geweckt. Sie nahm Kontakt zu ihm auf, besuchte ihn in Costa Rica, wo er sich vorübergehend aufhielt, spielte ihm stundenlang auf dem Klavier vor und gewann so sein Vertrauen. Schließlich kam er nach Bayern, wo er in ihrem Haus seinen Plan verwirklichte, ein Klavierkonzert für sie zu schreiben, das von Masha im August 2000 zur Uraufführung gebracht wurde. Als die Einspielung davon 2004 erschien, war das die erste kommerzielle Produktion eines seiner Werke seit – vor fast einem halben Jahrhundert – zwei Sätze seiner mit dem Gershwin Memorial Award ausgezeichneten Ersten Symphonie 1957 von den New Yorker Philharmonikern – unter der Leitung von niemand Geringerem als Dimitri Mitropoulos – uraufgeführt worden waren. Dimitrieva verhalf dem in der Vergangenheit immer wieder Obdachlosen und oft genug des Landes Verwiesenen schließlich zu einem Wohnsitz in einer diakonischen Einrichtung in Oberbayern. Damit ermöglichte sie es ihm, in seinen letzten Lebensjahren zahlreiche, oft schon vor langer Zeit begonnenen Werke abzuschließen. Als er am 2. Mai 2013 mit knapp 84 Jahren starb, hinterließ er einen Werkkatalog von insgesamt 143 Opusnummern. Im Mittelpunkt stehen Kompositionen für Klavier, dazu kommen Orgelstücke, Lieder und Kammermusik sowie zwei weitere Symphonien. Zu den herausragenden Werken gehört Memories of Waters, ein „Cross-over-Oratorium“ über die Donau, das Gordon Sherwood gemeinsam mit der Weltmusikgruppe Dissidenten geschrieben hat.

Wie kam es dazu, dass dieser Musikerin der Musikwelt über Jahrzehnte so gut wie verschollen galt? Sherwood, nach abgeschlossenem Kompositionsstudium, u.a. bei Aaron Copeland, mehrfach preisgekrönter Stipendiat mit längeren Studienaufenthalten in Hamburg (bei Philipp Jarnach) und Rom (bei Goffredo Petrassi), stand eine glänzende Zukunft bevor. Doch der junge Mann verweigerte kompromisslos sich am Musikgeschäft zu beteiligen und entzog sich damit auf Dauer den Regeln des internationalen Musikbetriebs. Freiheit und Eigenständigkeit als Künstler waren ihm ebenso heilig wie seine radikal pazifistische Einstellung. Das führte dazu, dass ihm ein Leben in seinem Geburtsland USA unmöglich wurde. Ein nicht sehr robustes Nervenkostüm trug sicher weiter dazu bei, dass für ihn ein Arrangement mit den Praktiken des modernen Musikbusiness nicht in Frage kam. Sherwood zog es vor, fremde Länder zu bereisen, insgesamt waren es mehr als 30 in fünf Kontinenten, wo er u.a. als Bar- und Hotelpianist in Kenia sowie als Filmkomponist in Kairo tätig war. Und er nutzte jede Gelegenheit, die jeweiligen Musiktraditionen kennenzulernen und Elemente daraus in seinen musikalischen Kosmos zu integrieren. Entstanden ist daraus Worldmusic ganz eigener Prägung.

Ob als Bettelmönch in Asien oder als Bettler in den Straßen von Paris, ob in Lateinamerika oder in Afrika, immer blieb er in seinem Selbstverständnis in erster Linie ein Komponist. Durch Bettelei sicherte er sich die Möglichkeit, unabhängig von Vorgaben und Erwartungen des Marktes kompositorisch tätig zu sein. In diesem Bewusstsein hat er seine Bettlertätigkeit auch selbstbewusst als „selfsponsoring“ bezeichnete: Der unabhängige Komponist als Sponsor seiner selbst – ein Gegenentwurf zum von ihm sehr geschätzten Beethoven, der zeitlebens dagegen rebellierte, von adeligen Auftrags- und Widmungsträgern abhängig zu sein. Dazu kamen für Sherwood gelegentlich auch Zuwendungen von Freunden, wie etwa von seinem Studienkollegen George Crumb. Gönner, die ihm neben finanziellen Mitteln oft für längere Zeit auch eine Wohnung überließen, wo er an seinen Kompositionen arbeiten konnte. Da war er voll des Schaffensdrangs, in einem steten Flow, und vergaß seine Existenzsorgen. Immer wieder gab es zwischen längere Krisen, in denen es nur ums Überleben ging. Aber er haderte, wie es scheint, nicht mit seinem selbstgewählten – gänzlich unamerican – Way of Life. Gewiss war Sherwood, als sich Gebrechen und Einschränkungen einstellten, dankbar für die Geborgenheit, die er in den letzten Lebensjahren auf Betreiben von Masha Dimitrieva in Oberbayern erfahren durfte. Dort erlebte Sherwood auch noch einige Uraufführungen. Sein autobiographisch inspiriertes Ballett Der Bettler von Paris wurde allerdings erst 2015, also zwei Jahre nach seinem Tod, erstaufgeführt.

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Gordon Sherwood Piano Works, Volume I

2017 startete Masha Dimitrieva ihre auf drei CDs verteilte Gesamtaufnahme des Klavierwerks von Gordon Sherwood. Bereits die Einspielungen auf der ersten CD offenbaren Sherwoods breites musikalisches Ausdrucksspektrum: Ganz wichtig war ihm ein Leben lang die Auseinandersetzung mit der Klassik und ihrem Formenkatalog. So spürt er etwa in der Dance Suite op. 67 den ethnographischen Wurzeln von Tanzstücken europäischer Provenienz nach, transzendiert sie aber und erhebt sie so in den Rang von Weltmusik. Beim Anhören vermeint man förmlich mitzuverfolgen, wie er in einem der großen Hotels Klavier am Klavier sitzt und die internationalen Gäste mit diesen fein geschliffenen Stücken überrascht. Und man nimmt dabei auch eine weitere wichtige Komponente seines kompositorischen Schaffens wahr: die Anreicherung klassischer Formen und Stile durch moderne Akzentuierungen, wie er sie in seiner Studienzeit in den 50er und frühen 60er Jahren kennengelernt hat. Das einleitende „Prelude“ etwa erinnert an Chopin, der hier mit einer würzigen Prise Bartok versehen ist, die „Polka“ mit ihrem ungestümen Vorwärtsdrang gemahnt an Schostakowitsch, die „Mazurka“ an Eric Satie, freilich ohne dessen aphoristischer Reduktionslust. Der „Waltz“ ist eine Hommage an den Wiener Walzer, der hier aber rasant vorantreibt und sich bald als von Stravinsky beeinflusste Karussellmusik entpuppt. Der „Csardas“ erklingt in bester Salonmusik-Manier, auch die abschließende, längere „Polonaise“ geht gefällig ins Ohr. Sherwood ist als Musiker stets tonal geblieben. Er setzt die Dissonanzen so, dass sie die Zuhörerschaft nie erschrecken oder heillos überfordern. Lustvoll und mit geistreichem Witz spielt er mit überkommenen Formen, biegt und verfremdet sie, und nimmt sie dennoch immer ernst. Er ist ein eklektischer Geist, der sich als unbedingte Freigeist keiner Schule oder Kompositionstechnik anschließt, sondern – ausgehend von einer profunden Basis, nämlich einer genauen Kenntnis der Klassik – Anregungen durch zeitgenössische Kollegen und deren Stile sowie aus anderen Kulturkreisen und Traditionen amalgamierend aufnimmt und in einen ausgeprägten Personalstil umformt. Seine Interpretin Misha Dimitrieva, die mit Sherwoods Anforderungen aus vielen persönlichen Begegnungen bestens vertraut ist, erweist sich als ideale Interpretin seiner Stücke.

Kein Wunder, das auch die für seinen zweisätzig angelegten Four Sonatinas op. 27 gewählten Bezeichnungen „Sonatina alla Francese“, „Sonatina alla spagniola“, „Sonatina nello stilo medio oriente, 1001 nights“ und „Sonatina nello stilo indiano“ auf spezifische musikalische Traditionen verweisen, auf die Sherwood zurückgreift und über die er durch seine Aufenthalte in den betroffenen Ländern und Regionen bestens Bescheid weiß. Die französisierende Sonate erweist sich als neoklassizistisch im besten Sinn des Wortes und kann eine gewissen Verwandtschaft mit Prokofieff nicht verleugnen. Die spanische Variante nimmt die vertrauten Klänge der hispanisch-maurischen Folklore ins Visier und scheut sich nicht vor einem spätromantischen, exotisierenden Zugang. In der darauffolgenden Sonatine, die der Welt aus 1001 Nacht gewidmete ist, vollzieht sich eine Beschwörung der arabischen Musik. Vieles deutet darauf hin, dass hier der tonmalerische Filmkomponist Gordon Sherwood – in Kairo war er einst tatsächlich im Filmgeschäft tätig – in zu Wort kommt. Dabei fällt auf, dass seine Musik „nello stilo medio oriente“ frappant dem schwelgerischen Hauptmotiv von Maurice Jarres Filmmusik zu Lawrence of Arabia gleicht, wenn auch schnörkelloser, weniger monumental, dafür aber chromatisch äußerst anspruchsvoll. Es hat zuweilen den Anschein, als ob Sherwood hier allen Ernstes versuchen würde, dem Klavier die in der orientalischen Musik wichtige Vierteltönigkeit zu entlocken. Der Film erschien 1962. Sherwoods vier Sonatinen erklangen erstmals 1968 in Kairo. Asketischer geht es in der abschließenden Sonate im indischen Stil zu. Im Mittelpunkt stehen nicht so sehr die Reize fremder Landschaften und Emotionen, sondern der meditative Blick ins Innere. Sherwood war lange Zeit Buddhist. Die unterschiedlichen Stimmungen der Stücke werden vom Dimitrieva farbig und plastisch zum Leben erweckt.

Von klassischen Formen inspiriert sind auch die beiden Sonaten, die um die Mitte 80er Jahre, also während Sherwoods Pariser Bettlerzeit, entstanden sind. Von einer psychischen Belastung angesichts der prekären Lebensumstände ist darin nichts zu vernehmen, was wohl mit seinem unerschütterlichen Selbstbild als Sponsor seiner selbst zusammenhängt. Vielmehr begegnet man einer heiteren Gelassenheit. Die dreisätzige Sonata quasi una fantasia op. 78 ist – schon ihrem Namen nach – eine Verbeugung vor Ludwig van Beethoven. Jeden Satz hat er einer bestimmten Frau gewidmet. Man darf annehmen, dass ihr Schöpfer darin das Wesen jeder dieser Frauen charakterisierend einfängt. Tatsächlich könnten sie unterschiedlicher nicht sein: „Sophie“ verstrahlt Lebensfreude und ist schillernd wie ein Regenbogen. „Laura Belle“ wirkt etwas introvertiert und von Gefühlsschwankungen geprägt, was sich etwa dadurch äußert, dass die linke Hand in den tiefen Tönen wühlt, während die rechte Hand in der Höhe fein ziselierte Melodienbögen zeichnet. Auch das auf ihren Namen anspielende silberne Glockengeläut fehlt nicht und ist nicht zu überhören. „Audrey Lois“ tritt unbeschwert bluesig in Erscheinung und ist in stetiger Bewegung.

Die Sonata for Arina op. 77, auch dreisätzig angelegt, ist, wie der Titel sagt, ebenfalls einer Frau zugeeignet. Der erste Satz „Allegretto“ besticht durch seine Ausgewogenheit und ruft Assoziationen zu Schubert hervor. „Andante semplice e grazioso“, der zweite Satz, bezeugt – wie zuvor bereits in „Audrey Lois“ zu konstatieren war – ein weiteres konstituierendes Element in Sherwoods Kompositionen, nämlich seine Vorliebe für die frühe Jazzmusik, hier in Form eines seelenvoll swingenden Blues. Der dritten Satz „Molto vivace“ sorgt für ein furioses Ende, bei dem Masha Dimitrieva ihre virtuose Meisterschaft ausspielen kann. Dazu gibt es in Sherwoods Stücken selten Gelegenheit, denn für Effekthascherei zeigte er, selbst ein formidabler Pianist und Interpret seiner Werke, wenig Interesse. Das ist wohl das, was Dimitrieva unter „ehrlicher Musik“ versteht, die sie ihm zuschreibt und die ihn – und ihren Einsatz für ihn – so sympathisch macht.

Der bereits 1957 mit dem Gershwin Memorial Award ausgezeichnete Sherwood huldigt in seinem 1974 in Nairobi von ihm uraufgeführten Boogie Canonicus ausgiebig seiner lebenslangen Leidenschaft für den Jazz. Die von Masha Dimitrieva ausgewählten fünf Stücke, mit denen sie die erste CD der Gesamtaufnahme seines Klavierwerks beschließt, zeigen, dass es ihm gelungen ist, eine nach ihrer Blütezeit in den 50er und frühen 60er Jahren schon zur überstrapazierten Schablone gewordene Form wiederzubeleben, sie mit neuen Inhalten zu füllen. Masha Dimitrieva bringt beste Voraussetzung für diese Herausforderung mit, veröffentlichte sie doch bereits 2003 die CD Tänzerische Rhythmen mit Werken u.a. von George Gerswhin, Scott Joplin und Ernesto Nazareth. Sherwoods elegant swingenden Boogies, ausgestattet mit einem an Bachs Interventionen erinnernden Flow, haben – in der mitreißenden Interpretation von Masha Dimitrieva – das Zeug, den Zuhörer süchtig zu machen. Und man bedauert, dass von den insgesamt neun Boogies – von Unisono bis zur None – nur fünf auf dieser CD vertreten sind.

Mit anderen Worten und resümierend gesagt: Diese CD macht neugierig auf das, was noch kommt. Masha Dimitrieva hat ihr erstes Ziel erreicht, Gordon Sherwood wieder ein Entree in die Musikwelt zu verschaffen. Ob das von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten. Er ist sicher nicht die alles bisherige umwerfende Entdeckung, auf die die Welt gewartet hat. Aber Sherwood ist eine Bereicherung, ein erfreulicher, sich deutlich abzeichnender Farbtupfer auf der großen Palette des Musikangebots. Der unermüdliche musikalische Wanderer zwischen den Welten hat auf seinem globalen Roadtrip früh eine Brücke zwischen der E- und U-Musik gespannt, eine Unterscheidung, die in der Worldmusic ohnehin längst obsolet geworden ist. „Easy listening“, gewiss, zu einem gewissen Teil wenigstens. Aber auf einem anspruchsvollen Niveau. Seine Musik wirkt jedenfalls anregend, bekömmlich und fördert das Wohlbefinden – weil sie spannend und entspannend zugleich ist. Oder, in den Worten von Masha Dimitrieva: „außergewöhnlich und ehrlich.“ Und das ist nicht wenig!

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Gordon Sherwood Piano Works, Volume II

Die zweite CD zum Klavierschaffens von Gordon Sherwood erschien im Spätherbst 2020 und spannt einen Bogen von 1958 bis 2003. Eröffnet wird mit der „Air from seven descriptive Piano Pieces op. 6“. Typisch für Sherwood ist die Verneigung vor einer bewährten musikalischen Gattung, feierte die Air doch ihre Hochzeit im Barock. Sherwood greift hier erneut eine so gut wie ausgestorbene musikalische Form auf und füllt sie mit einem neuen, zeitgemäßen Inhalt, wobei er sich vorwiegend an Bartok orientiert, dessen Andenken die insgesamt sieben Airs auch gewidmet sind. Gespielt wird nur ein einziges Stück daraus. Sowohl hinsichtlich des musikalischen Ausgangsmaterials wie auch in der Ausarbeitung, vor allen aber in der ryhthmischen Gestaltung – jede Taktart wechselt nach spätestens drei Takten – ist diese Komposition ganz dem Schaffen Bartoks verpflichtet. Eine anmutige, nachdenklich-wehmütige Melodie zieht sich über fast drei Minuten hindurch und zieht den Zuhörer von Anfang an in ihren Bann. Keine Schülerarbeit – Sherwood war damals Stipendiat in Hamburg – sondern ein Dialog auf Augenhöhe mit einem verehrten, längst verstorbenen, großen Kollegen. Von Masha Dimitrieva, trotz der – besser: grade wegen der – feinen Abstufungen vom einfachen bis zum dreifachen Piano, mit expressiver Kraft dargeboten. Ernst und erhaben. Wie ein Epitaph.

Die Two Viennese Rondos in Classical Style op. 4 stammen aus Sherwoods Studienzeit in Ann Arbor und entstanden 1956, nachdem bereits zwei Sätze aus seiner Ersten Symphonie op. 3 glanzvoll von den New Yorker Philharmonikern unter Dimitri Mitropoulos aufgeführt worden waren, was als selbstbewusstes Statement eines eigenständigen Komponisten einzuschätzen ist. Sherwood versenkt sich hier ganz in den Stil der Musik um 1800. Im C-Dur Rondo bewegt er sich auf den Fußspuren von Joseph Haydn, das Rondo in D-Dur ist eine hinreißende Nachempfindung von Schuberts Klaviermusik. Staunenswert, wie souverän und authentisch beide Kompositionen klingen, wie virtuos sie angelegt sind. Auch hier keinesfalls eine Kopistenarbeit, sondern eine kreative Auseinandersetzung mit großen Vorbildern. Demutsvoll und selbstbewusst zugleich. Wie umwerfend der hohe Grad dieser Annäherung an zwei Genies ist, zeigt die kraftvolle Gestaltung durch Masha Dimitrieva, die bereits mit ihrer Einspielung der Klavierwerke von Ignaz Josef Pleyel ihre Nähe zur Wiener Klassik unter Beweis gestellt hat.

Die 1967 in Rom enstandenen Three Pieces op. 22 verdanken sich zum Teil seinem damaligen Lehrer Goffredo Petrassi, der ein glühender Bewunderer Paul Hindemiths war. Die nach dem traditionellen Schema schnell – langsam – schnell zusammengefassten Stück stehen ganz unter dem Eindruck der Komponierweise Hindemiths. Rastlos, hämmernd, vorwärtspreschend verweisen sie unwillkürlich auf Sherwoods zukünftigen Lebensweg als Fahrender Gesell in Sachen Musik. Nicht einmal der Mittelteil findet zu echter Ruhe, denn ständige Taktwechsel sorgen für Aufbruchstimmung, sogar in der Nacht, wie das abschließende „Al Notturno“ nahelegt. Auch motivisch ist Hindemith tonangebend. Quartintervalle prägen Melodik und Akkorde. Das Leben als Marsch. Wuchtig, energisch und entschlossen vorgetragen von der Pianistin.

Die Sonata per Pianoforte Solo op. 122 stammt aus der späten Schaffensperiode des Künstlers und zählt zu seinen Hauptwerken. Das 2003 in Costa Rica entstandene Werk wurde von Sherwood fertiggestellt, nachdem ihn die Pianistin dort besucht und dazu nachhaltig dazu ermuntert hatte, weshalb sie auch als Widmungsträgerin aufscheint: „Der wundervollen, in Russland geborenen Klaviervirtuosin Masha Dimitrieva, die durch ihren Glauben an meine Fähigkeiten meine Motivation hinreichend genährt hat, so dass ich nicht nur das Klavierkonzert schrieb, dem sie zu einer großartigen Uraufführung verholfen hat, sondern auch dieses Werk.“ Weitere Widmungsträger sind zwei seiner frühen Klavierlehrer sowie die „Mitglieder des Hausmeisterpersonals im Musikschulgebäude der Universität von Costa Rica für ihre Höflichkeit, Freundlichkeit, Zusammenarbeit und Geduld“, weil sie ihm den Zugang zu den Übungsräumen ermöglich hatten, obwohl er dort weder Lehrer noch eingeschriebener Schüler war. Der eigentliche Widmungsträger der Sonate ist allerdings Ludwig van Beethoven bzw. dessen Klaviersonate op 111, was dazu geführt hat, dass Sherwood – als Referenz wie auch als Zeichner höchster Reverenz – eine zweite Bezeichnung für das Werkverzeichnis verfügt hat:  Opus 111+11! Sherwood übernimmt von Beethovens Sonate die tonale Zentrierung auf C und weitere wesentliche Gestaltungsmerkmale bis hin zur Satztechnik. Und dennoch ist das, was hier zu hören ist, 100 Prozent Sherwood. Nicht – wie bei den historisierenden Wiener Rondos – gefällige Klaviermusik, sondern eine kühne, zeitgenössisch eingebettete Herausforderung.  Der mit einer langsamen Einleitung versehene Allegrosatz beginnt expressiv, mit energischen Ton- und Akkordwiederholungen, die von Dimitrieva wie kraftvollen Hammerschläge ausgeführt werden. Allmählich entspannt sich das aufgeladene Geschehen. Leisere, fragend sich vorantastende Töne tauchen auf, was ganz den Intentionen des Komponisten entspricht, der diesem Satz unter dem Titel „Sotapanna“ ein buddhistisch konnotiertes „Programm“ unterlegt hat. Als „Vorbereitendes Stadium des buddhistischen Heilsweges“ konzipiert, soll sich hier die Überwindung von Wut, Zorn, Bitterkeit, und Selbstsucht vollziehen. Was noch nicht gelöst ist, sind Ärger und Angst, die erst im zweiten Satz geschieht, der den Titel „Arahat“ („Endgültiges Stadium des buddhistischen Heilsweges“) trägt und wie bei Beethoven als auslandender Variationssatz angelegt ist. Hier herrschen „tiefer innerer Frieden, Gelassenheit und Behagen“. Doch wie Sherwood dieses Stadium höchster Seligkeit schildert, ist bei diesem ewigen Wanderer erwartungsgemäß nicht die unendliche Ruhe, sondern alles befindet sich weiterhin in steter Bewegung. Mit aufsteigenden Tonkaskaden, die aber niemals gehetzt wirken, sondern Gelassenheit und Lockerheit ausstrahlen. In späteren Variationen kommen jazzige, an Boogiefiguren erinnernde Läufe hinzu. Das Leben als Super-Flow. Nicht die ewige Wiederkehr des Gleichen ist hier die Botschaft, sondern dessen stete Variation. Und diese Phase dauert gute sieben Minuten länger als die Vorstufe und mündet in einem beschwingten 11/32-Takt: The best is yet to come. Vielleicht eine Vorahnung seiner letzten glücklichen, stressbefreiten Jahre in Oberbayern. Differenzierend, hellwach auf die stetig wechselnden Nuancen hörend, gestaltet Masha Dimitrieva diesen langen Satz. Sie weiß, worum es hier geht und bringt Sherwoods Vision zum Klingen und Singen.

Zeit seines Lebens hat sich Sherwood mit Jazz befasst. Wie schon bei der ersten CD, die mit einem frohgestimmten Boogie-Reigen endet, stellt auch diesmal Masha Dimitrieva Jazziges aus der Feder des vielseitigen Komponisten an den Schluss: Twelve Variations on a Blues Theme op. 33. – Bluesige Variationen über ein Thema des afroamerikanischen Ragtime-Musikers Peter Heaton aus den frühen Tagen des 20. Jahrhunderts, in denen Sherwood die ganze Palette der melodiösen, rhythmischen und harmonischen Möglichkeiten des Blues mit sichtbarer Freude und großer Kenntnis auskostet. Es gibt nicht viele Kolleginnen und Kollegen, die im klassischen Metier und im Crossover-Bereich wie dem Jazz so sattelfest sind wie Masha Dimitrieva. Die Lockerheit des Swing, die Farbigkeit des Blues, die elektrisierende Rhythmik des Boogie scheinen ihr einfach im Blut zu liegen. Sie bewegt sich auch hier wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Was sie aber nicht daran hindert, sich dann ebenso überzeugend Werken von Chopin, Liszt oder Brahms zuzuwenden, wovon ihre Veröffentlichungsliste beredt Zeugnis ablegt. Diese Fähigkeit mag mit ein Grund für ihre intensive Beschäftigung mit Gordon Sherwoods musikalischem Erbe sein. Denn bei ihm findet sie all das in der Person eines einzigen, einzigartigen Komponisten vereint. Dieser Mann hat nicht nur in seinem Leben ständig Grenzen überschritten, sondern auch in seiner Musik. Er war nirgends und überall daheim. Ein Komponist, der sich nicht festlegen, nicht so einfach begreifen lässt. Aber der es verdient, gespielt zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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