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MARTINA FRANCA/ /Festival della Valle d‘Itria (Palazzo Ducale): LE JOUEUR von Segeij Prokowjev

07.08.2022 | Oper international

MARTINA FRANCA/Festival della Valle d‘Itria (Palazzo Ducale): LE JOUEUR von Segeij Prokowjev

am 6.8.2022

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Copyright: Clarissa Lapolla/ Festival Martina Franca

Manchmal hat man schon ein Pech. Sergej Prokofjew schrieb die erste Fassung seiner (auf ein eigenes Libretto) verfassten Oper IGROK („Der Spieler“ nach Dostojewski)) 1915. Aufgrund der ausgebrochenen Oktoberrevolution kam aber die geplante Uraufführung im Marinskij-Theater in Sankt Petersburg nicht zustande. Prokofiew emigrierte in die USA, und als er nach 15 Jahren in die nunmehrige Sowjetunion ins nunmehrige Leningrad zurückkam, war die avantgardistische Phase der Revolution bereits vorbei und sein Werk stand unter akutem „Modernismus“- und „Formalismus“-Verdacht, was ihm somit locker einen unbegrenzten Gulag-Aufenthalt eingetragen hätte (wenn nicht Schlimmeres).

Also brachte er den „Spieler“ unter dem Titel „ Le joueur“ 1929 in einer überarbeiteten Fassung auf französisch im Brüsseler „Théâtre de la Monnaie“ – mit großem Erfolg ! – heraus.

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Copyright: Clarissa Lapolla/ Festival Martina Franca

Diese – sehr spezielle – Version hat Sebastian F. Schwarz, der neue künstlerische Leiter des Festivals della Valle d‘Itria, für seine zweite Produktion im heurigen Sommer ausgewählt. Die Einheimischen murrten am Anfang ein wenig: eine russische Avantgarde-Oper (noch dazu auf französisch!) bei einem apulischen Festival, das zwar auf Raritäten spezialisiert ist, aber doch eher  auf solche aus der Barockzeit von italienischen Komponisten – muss das sein ?

Das Resultat jedoch überzeugte alle – einschließlich ihren Rezensenten (der gestehen muss, diese Skepsis sehr wohl verstanden zu haben).

Zu verdanken ist diese zuerst einmal Sir David Pountney, der das Regieführen wahrlich nicht verlernt hat, und dem es gelang, auf die nicht gerade ideale provisorische Bühne im Innenhof des Palazzo Ducale (mit einem Bruchteil der Mittel, die ihm in Bregenz zur Verfügung standen) eine intelligente, packende und bis ins kleinste Detail der Personenführung liebevoll ausgearbeitete Inszenierung hinzuzaubern.

Auf der musikalischen Seite wird diese Perfektion gespiegelt von Jan Latham Koenig (langjähriger Gastdirigent während der Ära Holender an der Wiener Staatsoper, nunmehr künstlerischer Leiter des legendären Teatro Colon in Buenos Aires). Wie er mit dem (an ein ganz anderes Repertoire gewöhnten) Orchestra del Teatro Petruzzelli aus Bari die hochkomplexen rhythmischen und melodischen Strukturen dieser Partitur herausarbeit, ist einfach sensationell und riss daher völlig zu recht die Zuschauer beim Schlussapplaus förmlich von den Sitzen.

Hinzukommt das großartige Bühnenbild und die genialen (im futuristischen Geist der Entstehungszeit gehaltenen) Kostüme von Leila Fteita. Und ja, natürlich auch das wunderbare Ensemble. Talent-Scout Schwarz hat junge Sängerinnen und Sänger aus der ganzen Welt (Russland, Ukraine, Aserbeidschan, Griechenland, Grossbritannien, Brasilien, Island, Italien etc.) in Martina Franca versammelt, und wie sehr sie trotz dieser weitgefächerten Herkunft als homogene Gruppe rüberkommen, ist schon beachtenswert.

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Copyright: Clarissa Lapolla/ Festival Martina Franca

Von den über 30 Darstellerinnen seien zumindest erwähnt: Sergej Radchenko (Alexis), Andrew Greenan (Le Général), Paul Curievici (Le Marquis), Maritina Tampakopoulos (Pauline), Ksenia Chubunova (Blanche) und Silvia Beltrami (als furchterregende Grand-Mère).

Jeder Figur hat Pountney eine eigene Mimik, eigene Gesten und eigene Gänge zugedacht, und man hat nicht nur in jeder Sekunde den Eindruck, dass alle Darstellerinnen wissen, was sie tun, sondern dass sie es auch mit vollster Überzeugung und vollem Enthusiasmus tun.

Einwände keine? Doch: das sprachlich Idiomatische lässt deutlich zu wünschen übrig. Ob das Französisch oder Esperanto oder irgendein Fantasiekonstrukt sein soll, was hier gesungen wird, lässt sich nicht eindeutig ausmachen. Aber vielleicht fällt das ja bei so einer avantgardistisch-futuristischen, nahezu schon dadaistisch zu nennenden Oper nicht soo negativ ins Gewicht wie etwa bei Meyerbeer, Gounod oder Massenet…

Wie dem auch sei: wenn es in der Opernwelt auch nur halbwegs mit rechten Dingen zu ginge

 (was es natürlich nicht tut), müsste diese nahezu perfekte, intensive, aufwühlende und zum Schluss auch herzzerreißende Produktion ab Herbst in vielen, vielen Opernhäusern (was technisch sehr einfach wäre) übernommen werden…

Faites vos jeux !

Robert Quitta, Martina Franca

 

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