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Mark Abel: 4.4.2 Weltpremieren in konzentrierter Kammermusik (Delos, DE3626)

13.02.2026 | cd

Mark Abel: 4.4.2 Weltpremieren in konzentrierter Kammermusik (Delos, DE3626)

abel

Mit seinem siebten Album für das Label Delos bleibt der amerikanische Komponist Mark Abel (*1948) seinem kompositorischen Credo treu: zeitgenössische Musik zu schreiben, die emotional unmittelbar anspricht, ohne dabei an kompositorischer Substanz oder Originalität einzubüßen. Der nüchtern-sachliche Titel 4.4.2 verrät bereits das formale Prinzip der Aufnahme: vier Werke, jeweils für zwei Musiker geschrieben. Diese konsequente Beschränkung auf das Duo-Format erzeugt eine außergewöhnliche Dichte und Intimität – wie vier kammerspielartige Szenen, in denen jede Note und jede Geste zählt.

Das Programm vereint Vokalmusik und reine Instrumentalmusik und präsentiert vier Uraufführungen in exzellenten Interpretationen eines international besetzten Ensembles.

Den Auftakt bildet der Liederzyklus As The World Turns für Mezzosopran und Klavier. Die schweizerisch-kanadische Mezzosopranistin Simone McIntosh, hier in ihrem CD-Debüt zu erleben, gestaltet die vier eigenständigen, doch dramaturgisch verbundenen Szenen mit einem vollen, samtig-warmen Stimmklang und vorbildlicher Textverständlichkeit. Michael McMahon am Klavier begleitet sie mit feinfühliger Anpassungsfähigkeit und großer dynamischer Bandbreite.

Der Zyklus zeigt Abel von seiner lyrisch-melodiereichen Seite: Rising High entfaltet leidenschaftliche, ja hymnische Energie, Might Makes Right besticht durch nuancierten Umgang mit Vibrato und Dynamik, Oh, What a Glorious Thing schenkt eine stille, reflektierende Atempause, bevor Counting the Years mit wissender Dringlichkeit vorwärtsdrängt. Insgesamt ein eindrucksvolles Plädoyer dafür, dass zeitgenössische Liedkunst nach wie vor emotionale Wirkung entfalten kann.

Es folgen die Samantha Sketches für Flöte (auch Piccolo) und Klavier, interpretiert von der brillanten Flötistin Alice K. Dade und der Pianistin Ieva Jokubaviciute. Das Werk, inspiriert von Erwin Schulhoffs Concertino, entfaltet sich als episodische, nach innen gerichtete Reise. Best of Intentions zeigt sich verspielt und leicht, Skyward erzeugt fragende, improvisatorisch wirkende Klangräume, ehe An Urgent Matter mit plötzlicher Dringlichkeit die Spannungsschraube anzieht. Dades warmer, virtuoser Flötenton und Jokubaviciutes kontrastreiche Klavierführung machen diese Skizzen zu einem kleinen, intensiven Hörerlebnis.

Das dritte Stück, Symbiotica für Violine und Orgel, bringt eine besondere Klangfarbe ins Spiel. Jennifer Choi an der Violine und der Komponist selbst an der Orgel gestalten ein zweiteiliges Werk, das deutlich von Frank Martins Sonata da Chiesa inspiriert ist. Der erste Satz ist kontemplativ und fragend, die Violine schwebt über weichen Orgelakkorden; im zweiten Satz setzen sich kantable Linien gegen tupfende, dissonant gefärbte Orgelklänge. Die Kombination aus Violine und Orgel erweitert den expressiven Radius des Streichinstruments auf faszinierende Weise und verleiht dem Album eine spirituelle Dimension.

Den Abschluss bildet A Door Opens für Violoncello und Klavier mit Jonah Kim und Keisuke Nakagoshi. Hier entsteht eine regelrechte dramatische Spannung zwischen den beiden Instrumenten: wellenartige Klavierflächen im ersten Satz, denen das Cello zunächst zögernd folgt; im zweiten Satz übernimmt das Klavier eine intensive, richtungsweisende Rolle, auf die das Cello mit Widerstand und schließlich mit einer Art gemeinsamer Katharsis antwortet. Die intensive Sonorität und der kämpferische Gestus machen dieses Duo zum dramaturgischen Höhepunkt der Platte.

4.4.2 zeigt Mark Abel auf der Höhe seines Schaffens: die Werke sind melodisch großzügig und emotional direkt, ohne je ins Banale oder ins Epigonenhafte abzugleiten. Die konsequente Duo-Besetzung sorgt für maximale Transparenz und zwingt die Interpreten zu höchster kommunikativer Präsenz – eine Qualität, die alle hier versammelten Künstlerinnen und Künstler eindrucksvoll einlösen.

Wer zeitgenössische Musik schätzt, die weder steril-minimalistisch noch neo-romantisch überladen daherkommt, wird in dieser Veröffentlichung Anlass zur Freude finden.

Dirk Schauß, im Februar 2026

 

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