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MARIA VON INNERÖSTERREICH / FERDINAND III.

11.01.2013 | buch

 

Katrin Keller:
ERZHERZOGIN MARIA VON INNERÖSTERREICH (1551-1608)
Zwischen Habsburg und Wittelsbach
300 Seiten, BöhlauVerlag 2012

Mark Hengerer:
KAISER FERDINAND III. (1608-1657)
Eine Biographie
560 Seiten, Böhlau Verlag 2012

Die Zahl der Habsburger, die einem breiten Publikum bekannt sind, ist gar nicht so groß zwischen Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging, und Kaiser Franz Joseph, mit dessen Tod auch das Reich genau genommen endete. Dazwischen finden einige Beachtung –  Rudolf II., der seltsame Mann auf dem Hradschin, von Grillparzer in die Dichtung gehoben, oder Joseph II., der so viel wollte und so wenig erreichte, vielleicht noch Karl I., der beim Liquidieren der Monarchie seiner Vorfahren wenig mehr retten konnte als die eigene Haut für sich und seine Familie (was immerhin noch mehr war, als im nahen Russland dem Zaren gelungen war). Die Habsburger zwischen den großen Namen fristen hingegen ein unbeachtetes Dasein in der Erinnerung.

Interessanterweise ergibt sich nun das Zusammentreffen von zwei neuen Biographien, die das Schicksal von Großmutter und Enkel innerhalb von drei Habsburgischen Generationen erzählen. Schwerpunktmäßig ist dabei die Rede von dem Katholizismus, der von einzelnen Persönlichkeiten des Hauses mit allem Nachdruck vertreten wurde, sowie von der  Neigung der Familie zur Musik, desgleichen auch von den ständigen Verbindungen des Hauses Habsburg mit den Wittelsbachern in Bayern.

MARIA VON INNERÖSTERREICH

Jene „Maria von Innerösterreich“ (1551-1608), wie ihre Biographin Katrin Keller sie bezeichnet, wurde als Maria Anna von Bayern geboren und war selbst eine halbe Habsburgerin: Ihr Vater, Albrecht V., hatte Anna von Österreich, die Tochter Kaiser Ferdinands I. geheiratet. Maria Anna kam 1551 nach drei Söhnen als erste Tochter des Paares zur Welt. Als sie zwanzigjährig 1571 Erzherzog Karl von Österreich-Steiermark ehelichte, der elf Jahre älter war als sie, heiratete sie ihren leiblichen Onkel, den (um ein Jahr als diese) jüngeren Bruder ihrer Mutter. Solche enge verwandtschaftlichen Bindungen waren zwischen den Fürstenhäusern absolut üblich, die Dispense der Kirche leicht zu erreichen.

Dieser Erzherzog Karl war der dritte von drei Söhnen, die aus der Ehe von Kaiser Ferdinand I. überlebt hatten, Maximilian wurde (als Maximilian II.) Kaiser, sein Bruder Ferdinand regierte in Tirol (und erregte schon die Zeitgenossen durch seine morganatische Ehe mit Philippine Welser), Karl schließlich hielt die Habsburgische Stellung in Graz (die dortigen Gebiete reichten bis Friaul). Hatte sein (später kaiserlicher) Bruder Maximilian in die spanische Verwandtschaft geheiratet, bestimmte man ihm die bayerische Verwandte, nachdem sowohl für ihn (in Richtung England, was den Habsburgern nie gelang) wie für sie von den Familien andere Ehen in Aussicht genommen worden waren.

Karl und seine Nichte Maria heirateten am 26. August 1571 in der Wiener Augustinerkirche, der traditionellen Hochzeitskirche der Habsburger. Sie nahmen ihren Wohnsitz in Graz, auf der Burg, und bis zu Karls Tod am 10. Juli 1590 lebten sie 19 Jahre lang nicht nur in bestem ehelichen Einvernehmen (das die Zeitgenossen einigermaßen erstaunte!), sondern hatten auch 15 gemeinsame Kinder, das letzte posthum geboren. Es überlebten vier Söhne, und fünf  der Töchter konnten verheiratet werden. Erzherzogin Maria war zwar nicht mehr am Leben, als ihr ältester Sohn Ferdinand als Ferdinand II. die Kaiserwürde erhielt, weil die anderen Habsburger kinderlos waren (sie hatte ihn so sorglich erzogen, dass er seines Amtes fähig war), aber sie verheiratete ihre Töchter mit aller Geschicklichkeit in die Königinnenwürde zwischen Spanien und Polen, in die herrschenden Häuser der Toskana und Siebenbürgens.

Dass diese Maria nach dem Tod ihres Gatten absolut nicht bereit war, sich auf ihr Altenteil zurück zu ziehen (tatsächlich blieb sie stur in Graz, obwohl ihr der Kaiser allerlei Verwandte schickte, die offiziell in Innerösterreich schalteten und walteten), hat ihr einen „schillernden“ Ruf eingetragen. Tatsächlich geht Autorin Katrin Keller schon im Vorwort penibel durch die zeitgenössischen Berichte wie durch die Sekundärliteratur über Maria, die eher das negative Bild einer überehrgeizigen Frau zeichnen als das einer Fürstin, die wusste, was sie will, und es vielfach auch durchzusetzen verstand. Nicht allein die Tatsache, dass sie ungewöhnlich viel reiste, statt brav im Kämmerchen zu sitzen, unterschied sie von den Zeitgenossen – sie war viel mit ihrem Gatten unterwegs, sei es zu den Verwandten nach München, sei es nach Prag zum Kaiser, sie begleitete auch die Töchter in ihre neuen Heimaten, ja, bestieg sogar Schiffe, was für Frauen damals gänzlich  ungewöhnlich war…

Das Buch widmet sich lesbar, aber nicht feuilletonistisch, sondern historisch faktenreich den Tatsachen eines fürstlichen Lebens von damals, sowohl „privat“ wie politisch – nicht nur Marias Haushalt und Alltag, Geldfragen und künstlerische Sammelleidenschaft werden behandelt, sondern auch klar gemacht, wie schwierig es damals war, politisch zu agieren (nicht nur, weil es ja noch keinen schnellen Austausch von Nachrichten und Informationen gab): Sich zwischen den Interessen einzelner Fürstenhäuser durchzulavieren, zumal im Zeitalter extremer religiöser Spannungen, erforderte schon besonderes Geschick.

Erzherzogin Maria starb am 29. April 1608 im 58. Lebensjahr. Ihr Enkel Ferdinand wurde als Sohn ihres ältesten Sohnes Ferdinand (später der Zweite in der Abfolge Habsburgischer Kaiser des Heiligen Römischen Reichs) am 13. Juli 1608 auch noch in Graz geboren. Seine Mutter war eine bayerische Prinzessin, die Nichte seiner Großmutter, die seine Geburt nicht mehr erlebt hatte.

Was diese beiden Persönlichkeiten, Großmutter und Enkel, verbindet, sind die Themen der Musikalität und der Religiosität: Maria, die von dem überaus kunstsinnigen Hof in München auf den nicht weniger kunstsinnigen, auf Musik ausgerichteten Hof nach Graz wechselte, tat gemeinsam mit ihrem Gatten so viel für die Musikpflege, dass sie durch die Generationen der Habsburger weitergegeben wurde.

Und im großen Religionskrieg, der 1618 ausbrechen sollte, als der junge Ferdinand (später Ferdinand III.) zehn Jahre alt war und den er später als Kaiser „erbte“ (man nennt ihn aus heutiger Sicht den „Dreißigjährigen Krieg“, was damals noch niemand wissen konnte), war die überkatholische Maria von Innerösterreich, Jesuiten-freundlich, Klöster gründend, eine leidenschaftliche Vertreterin der „alten“ Religion. Die laxe Haltung anderer Habsburger, die sogar bereit schienen, dem Protestantismus Raum zu gönnen (Maximilian II.), wurde von den Nachkommen Marias nicht vertreten…

FERDINAND III.

Wenn ein Historiker kommt und einem der weniger berühmten Habsburger sein ganzes Interesse zuwendet wie Mark Hengerer nun Kaiser Ferdinand III., dann ergibt sich die Möglichkeit, auch eine „Randfigur“ wirklich kennen  zu lernen – und es lohnt sich. Hengerer, der schon seit seiner Dissertation dieser Epoche sein Interesse zuwendet („Kaiserhof und Adel in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Eine Kommunikationsgeschichte der Macht in der Vormoderne“), breitet nun auf 560 Seiten eine Lebensgeschichte aus, die man durchaus als spannend betrachten kann, weil er nicht nur „Politik“ als harte Fakten präsentiert, sondern Lebensumstände ebenso plastisch einbezieht wie die Psychologie der Menschen dieser Zeit.

Wenn ein Fürst als Lebensdaten 1608 bis 1657 aufzuweisen hat und man folglich  weiß, dass Kindheit und Mannesjahre von fortwährendem Krieg gezeichnet waren (und er sich auch noch mit dessen Folgen auseinander zu setzen hatte, denn der Westfälische Friede befriedete keineswegs alles!), dann könnte er einem leid tut. Doch jener Ferdiand, der als „nachgeborener Sohn einer Nebenlinie der Habsburger“ in Graz zur Welt kam (so nennt der Autor sein erstes Kapitel), sah sich zwar in die schwere Stellung im Zentrum gerückt, hat dies aber mit einiger Noblesse bewältigt – und nebenbei auch noch für sein Privatleben und vor allem für seine künstlerischen Interessen Zeit gefunden: Er zählt wie sein Sohn Leopold I. und sein Enkel Joseph I. zu den „komponierenden Habsburgern“, deren Leistungen auch Musikwissenschaftler vollen Respekt zollen…

Vor Ferdinand hatte es schon eine tot geborene Tochter, einen tot geborenen Sohn, aber auch einen lebenden Bruder gegeben: Allerdings starb dieser Johann Karl schon 1619 erst 14jährig in Graz, was diesen Ferdinand dann als Thronfolger in die vordere Reihe rückte. Seine folgenden Schwestern Maria Anna und Cäcilia Renata wurden Kurfürstin von Bayern bzw. Königin von Polen – die alten Verbindungen, von Großmutter Maria von Innerösterreich so sorglich geknüpft, funktionierten über Generationen. Ferdinands jüngerer Bruder Leopold Wilhelm wurde dem geistlichen Stand zugeteilt, legte das fromme Gewand aber ab, um nach seines Vaters Tod in Tirol zu regieren, war später als Statthalter der Niederlande politisch erfolgreich und hat seine außerordentliche Bedeutung für die Republik Österreich als Habsburgischem Nachfolgestaat damit erworben, dass seine sensationelle Gemäldesammlung heute zum Grundstock des Kunsthistorischen Museums zählt. Die Brüder Ferdinand und Leopold Wilhelm korrespondierten übrigens keinesfalls nur politische Fragen, sondern im hohen Ausmaß über Kunstwerke – und über musikalische Stücke, die sie untereinander austauschten und beurteilten…

Noch zu Lebzeiten sorgte Ferdinands kaiserlicher Vater Ferdinand II. dafür, dass sein Sohn erst zum König von Ungarn, dann zum König von Böhmen und auch noch zum Römisch-Deutschen König gewählt wurde, was die Voraussetzung für die Kaiserwürde war. In dieser folgte er seinem 1637 verstorbenen Vater unmittelbar nach. Damals war er schon mit der spanischen Infantin Maria Anna verheiratet, seine leibliche Cousine (sein Vater und ihre Mutter waren Geschwister, beide Kinder von Karl und Maria von Innerösterreich), und beide hatten zu diesem Zeitpunkt selbst schon Kinder (Leopold, der spätere Leopold I., kam allerdings erst 1640).

Mark Hengerer schildert genau, wie sich das Leben eines zehnjährigen Erzherzogs verändert, wenn er in die vorderste Reihe tritt und damit vermutlich einer Familie mit vielhundertjähriger Traditionen, schwersten politischen Unruhen ausgesetzt, vorstehen wird. Reichlich Material aus erster Hand wird herangezogen, um hier Zeit und Umwelt plastisch zu machen. Ferdinand war offenbar ein sehr williger Sohn, der seinem Vater außerordentliche Freude machte. Ausführlich wird die Werbung und das jahrelange Warten auf die gleichaltrige spanische Braut geschildert, mit der er dann sehr glücklich wurde (allerdings nur 15 Jahre lang, dann starb sie bei der Geburt ihres sechsten Kindes in Linz). Dass man Ferdinand mit dieser Heirat in die Interessen der spanischen Politik eingespannt hatte (die wiederum in Richtung Frankreich orientiert war), beschäftigte ihn fast sein Leben lang.

Wie sehr Ferdinand im Dreißigjährigen Krieg am Tode Wallensteins 1634 beteiligt war, konnte die Geschichte noch nicht beantworten, der Biograph versucht es auch nicht. Erst 1635 trat Ferdinand (damals schließlich gerade 27 Jahre alt) in den Krieg ein, wo Frankreich und Schweden ein starkes Bündnis gebildet hatten. 1637 war er des Vaters Universalerbe, was auch den großen Krieg einschloss – und was für den jungen Mann eine schier erdrückende Last schien. (Privat musste er sich mit dem Status der dritten Frau seines Vaters, Eleonora von Gonzaga, auseinandersetzen, die zu aktiv war, um sich nun als Kaiserinwitwe zurückzuziehen und die wichtige politische Fäden zog – wie einst Ferdinands Großmutter Maria von Innerösterreich, nachdem sie Witwe geworden war.)

Genaue Schilderungen von Hof und Kunst, Heer und Krieg, Alltag und Repräsentation, all dies von einem „Apparat“ im Anhang belegt, der gut ein Viertel des Buchs ausmacht, führt durch das Leben von Ferdinand III., in dessen Regierung auch 1648 das Ende des Krieges fiel, wobei der Autor genau die Schwierigkeiten schildert, diesen schwankenden Frieden zu bewahren – ein Problem, das ihn bis zu seinem Tod am 2. April 1657 in Wien begleitete.

An Ferdinands Sohn Leopold wiederholte sich dessen eigenes Schicksal – wieder war da ein älterer Bruder für die Nachfolge vorgesehen, dieser wurde als Ferdinand IV. auch König von Ungarn, Böhmen und Römischer König, starb aber schon 1654 (drei Jahre vor seinem Vater) und stellte Ferdinand III., der 1648 als zweite Gattin eine Tiroler Cousine, 1651 wie sein eigener Vater auch eine Gonzaga-Prinzessin aus Mantua geheiratet hatte, vor die Aufgabe, einen neuen Thronfolger heranzubilden. Er schaffte noch zu Lebzeiten in Eile Leopolds Krönungen in Ungarn und Böhmen, die unangefochtene Kaiserwürde (die er später doch erhielt) konnte er ihm nicht sichern – dass ausgerechnet Leopold Wilhelm seinem Neffen durch Nachfolgeansprüche Schwierigkeiten bereiten sollte, das konnte Ferdinand III. nicht ahnen, als er erst 49jährig starb – und neben seinen vor ihm verstorbenen Gattinnen und Kindern in der Kapuzinergruft beigesetzt wurde.

Es ist ein reiches, dichtes Leben, das in aller Ausführlichkeit geschildert wird, allerdings nie in einer Form, die dem „normalen“ Leser nicht zugänglich wäre (wenn auch Lichtjahre entfernt von den Populär-Werken, die es für die Habsburger im Stil von Zeitungs-Feuilletonismus so reichlich am Markt gibt). Eigene Untersuchungen und eine dem Buch beigefügte CD befassen sich auch noch anschaulich mit der Musik zur Zeit Ferdinands, auch eine vom Kaiser selbst komponierte „Sarabande“ ist dabei.

Renate Wagner

 

 

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