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MARIA HOFSTÄTTER: Ich bin nicht zuständig für leichte Unterhaltung

06.01.2013 | INTERVIEWS, Schauspieler

  

Die Hauptdarstellerin von Ulrich Seidls Film „Paradies: Glaube“

MARIA HOFSTÄTTER:

Ich bin nicht zuständig für leichte Unterhaltung

 Von Renate Wagner

 Es ist nicht das erste Mal, dass ein Film von Ulrich Seidl hohe Wellen schlägt. Eben war dies bei „Paradies: Liebe“ der Fall, aber es scheint, als ginge „Paradies: Glaube“ noch aggressiver unter die Haut. Die 47jährige, aus Linz stammende Hauptdarstellerin Maria Hofstätter hat mit der Rolle der Anna Maria gekämpft, um ein Stück Wahrheit auf die Leinwand zu bringen.

Frau Hofstätter, haben Sie persönlich je eine derartige mediale Resonanz auf eine Ihrer Arbeiten erlebt wie jetzt nach „Paradies: Glaube“, wenn man bedenkt, wie viele Interviews Sie dazu schon gegeben haben?

Nach „Hundstage“ von Ulrich Seidl vor zehn Jahren war die Aufregung auch groß, aber da hatte ich nur eine Episodenrolle, diesmal ist es die totale Hauptrolle, bei der alles zusammen läuft. Und Österreich ist eben ein katholisches Land: Da trifft die Problematik die Kinozuschauer – der Film läuft ja erst an! – sicher direkter als in „Paradies: Liebe“ das Problem einer quasi kolonialen Sexualität, von der viele ja vermutlich nicht einmal etwas gewusst haben. Ich denke auch, dass die Medien die Anzeige durch die katholische Organisation „NO 194“ in Italien sehr groß gespielt haben.

Was ist eigentlich daraus geworden?

Das war im September, seither haben wir noch nichts gehört. Anzeigen kann ja jeder, ob der Staatsanwalt einen Prozess daraus macht, steht auf einem anderen Blatt. Blasphemie ist in Italien strafbar, es könnte eine Geldstrafe ergeben, aber wir glauben halt, dass eine fundamentalistische katholische Gruppe hier eine Möglichkeit gesehen hat, Beachtung zu finden.

Das ist Ihr dritter Film mit Ulrich Seidl nach „Hundstage“ 2001 und Import Export“ 2007: Was interessiert oder auch fasziniert Sie eigentlich an der Arbeit mit ihm? 

Es ist seine besondere Qualität, dass er Themen ganz genau voraus recherchiert, dass man sich als Darsteller sehr lange vorbereitet, am Set aber, bei den Dreharbeiten, dann die größtmögliche Freiheit genießt, indem man sich improvisierend mit der Situation auseinander setzt. Das ist eine ganz ungewöhnliche Art zu arbeiten, aber auch eine unglaublich spannende. Ich kenne sonst keinen Regisseur, der das tut, der die intensive Beschäftigung mit dem Thema voraussetzt. Man muss sich darauf natürlich einlassen wollen, es hat mit der eigenen Begabung zu tun und auch mit Geduld. Es gibt bei Seidl keine Zeitpläne am Set, und sich Zeit zu nehmen, ist heutzutage ja vielleicht der größte Luxus.

Der Film „Paradies: Glaube“ zeichnet eine so extreme Frau wie Anna Maria, die erstens ihre Leidenschaft für Jesus im stillen Kämmerlein bis zur Geißelung und Selbstbefriedigung treibt, die zweitens „hinaus“ geht, um sich da in fürchterlichen Situationen wieder zu finden – etwa in der letzten dieser Szenen, wo Anna Maria von einer Migrantin körperlich regelrecht attackiert wird -, und die drittens mit einem behinderten Moslem verheiratet ist und es zu ausgesprochen grausamen „Szenen einer Ehe“ kommt, wo sie dann ihre körperliche Überlegenheit ausnützt. Was ist damit bezweckt?

 

Wir wollen diese Frau nicht bloßstellen, sondern in ihrem religiösen Fanatismus verständlich machen und zeigen, dass sie sich auf einem Irrweg befindet. Für mich als Schauspielerin war das gar nicht leicht, ich spiele zwar gerne problematische Figuren, aber normalerweise habe ich sie dann gerne. Gott sei Dank ist bei Seidl die Vorbereitungsarbeit sehr lange, aber ich habe die Aufgabe wirklich unterschätzt. Ich bin ja selbst katholisch aufgewachsen und geprägt, ich dachte, ich wüsste ohnedies, worum es geht – und hatte dann keine Ahnung, wie schwierig die Figur zu bewältigen war. Das Thema der Fanatisierung, der totalen Hingabe an Gott, hat mich interessiert, es war eine schauspielerische Aufgabe, das zu knacken, aber es war wirklich nicht leicht.

Was Katholiken vermutlich am meisten verletzt, ist jene Szene, in der Ihre Figur, diese Anna Maria, mit dem Kruzifix onaniert.

Ja, das ist interessant, dass sich die Erregung offenbar nur an dieser Masturbationsszene aufhängt. Ich finde es beispielsweise viel schlimmer, wie Anna Maria auf das Kreuz mit Jesus einschlägt. Nun habe ich mich ja mit dem Thema von religiösem Fanatismus, um das es geht, wirklich beschäftigt, und es gibt Frauen, die sich in Jesus regelrecht „verlieben“, so dass das körperliche Bedürfnisse nach sich zieht. Es schreiben Frauen regelrecht Liebesbriefe an Jesus… da verschwimmen einfach die Grenzen in der „Liebe“. Ist das Blasphemie? Ich sehe das nicht so. Aber ich möchte wirklich, dass man den ganzen Film im Kontext sieht und nicht einzelne Szenen herausnimmt.

Aber angesichts dessen, was der Film alles zeigt –  Sie wissen schon, dass Sie und Seidl und die anderen Beteiligten vermutlich tot wären, wenn Sie einen solchen Film über den Islam gedreht hätten?

Wahrscheinlich, aber das wollen wir nicht hoffen, das wäre ja keine wünschenswerte Reaktion. Ulrich Seidl und ich haben ja für diesen Film vielfach in katholischen Kreisen recherchiert, und da gab es durchaus erzkatholische Gruppierungen, die es absolut gut fanden, wie streng der Islam den eigenen Glauben verteidigen darf. Die finden viel zu lax, wie mit Seidl und mir umgegangen wird. Da wird einerseits von der Liebe Gottes gesprochen, andererseits würde man uns am liebsten einsperren.

Sie sind für die zitierten Recherchen wirklich in die Häuser gegangen und haben vorgegeben, hier missionieren zu wollen. Ist das eigentlich den Mitmenschen gegenüber anständig, die Realität zu gebrauchen, um etwas auszutesten?

Das war ja nicht bösartig gemeint, und wir haben im nachhinein immer gesagt, worum es gegangen ist. Hätten wir das voraus klar gemacht, hätte es ja eigentlich keinen Sinn gemacht. Aber man muss bedenken, dass man in 95 Prozent der Fälle ohnedies entweder gar nicht bei der Tür hineinkommt oder aggressiv abgewiesen und beschimpft wird. Und in den restlichen Fällen ist mir klar geworden, wie extrem gut man vorbereitet sein muss, um mit Leuten zu diskutieren, die dann sehr viel über das Thema wissen. Dazu habe ich regelrecht Bibelstudien betrieben. Und es ist wirklich keine angenehme Situation zu missionieren, ich habe das absolut unterschätzt.

Und wie stehen Sie zu dem Endergebnis, dem Film als Ganzes?

Ich war sehr ängstlich, als ich mir den Film erstmals angesehen habe, ich wollte ihn da auch allein sehen. Er hat mich sehr viele Nerven gekostet, wobei ich nicht nur von der Geißelungsszene spreche, das ist ein körperlicher Schmerz, der geht vorbei. Es war das innere Gefühl der Qual, das ich hatte, als ich in diese Frau geschlüpft bin. Zwischendurch habe ich mich immer wieder gefragt, warum tue ich mir das an – und lasse ich es nicht lieber bleiben? Lange Zeit ging Anna Maria mir mit ihrem Fanatismus schlicht und ergreifend auf die Nerven, aber wenn ich mir den Film jetzt  ansehe, empfinde ich nicht nur Verständnis, sondern beinahe Sympathie für sie. Ja, ich mag die Figur sehr, gerade weil sie mir so schwer geworden ist – am Ende ist man ja über schwierige Kinder besonders froh.

Was sollte dieser Film nach Ihrem Wunsch bestenfalls beim Zuschauer erreichen?

Schauen wir uns die Welt an, wie wir sie allein durch die Zeitungslektüre erleben: Man ahnt ja oft nicht, was sich hinter den Mauern abspielt, was zum Vorschein kommt, wenn man genauer hinsieht – und das ist ja Seidls Spezialität: Er ist zu diesem genauen Hinschauen bereit. Wir sollten uns da selber gar nicht ausnehmen, was für Ängste, Sorgen, Abgründe in jedem einzelnen wohnen, wie oft wir uns falsch verhalten, wenn man sich das ernsthaft ins eigene Leben hinein fragt – na hallelujah! Vielleicht kann der Film Erkenntnisse wecken. Seidl verurteilt ja nicht, sagt ja nicht: Das ist gut, das ist böse. So einfach ist das Leben nicht. Es ist viel komplexer.

Aber jetzt einmal ehrlich und ungeachtet der ewigen Versicherungen, Seidl schiele nicht auf den Skandal, wolle gewissermaßen ganz unschuldig in Tabuzonen hineinsehen  und meine es ganz aufrichtig: Glauben Sie nicht, dass dieser Film Menschen verletzten kann, die ihren Katholizismus ganz ehrlich und ohne perverse Untiefen leben?

Ich weiß es nicht, ich hoffe es nicht. Ich erinnere mich an meine Mutter, die inzwischen tot ist, die eine einfache Frau war, aber sehr gut verstanden hat, worum es ging, wenn ich mit ihr über Seidls Filme gesprochen habe. Es hat doch keinen Sinn, vorgefaßte, dogmatische Meinungen im Kopf zu haben, statt die Dinge einmal anders und vielleicht genauer zu betrachten. Außerdem kann man sich als Künstler nicht fragen, wer wird was denken? Wer ist „das Publikum“? Da könnte man gar nichts mehr machen. Außerdem würde ich nie die Reaktion eines Publikums voraussehen wollen, denn da kann man seine blauen Wunder erleben – über Verständnis ebenso wie über Unverständnis. Man täuscht sich da oft. Meine Verantwortung ist es, Geschichten zu erzählen, die mir persönlich wichtig sind. Man gibt sich selbst als Projektionsfläche her. Die einen werden lästern und schimpfen, die anderen dankbar sein. Ich akzeptiere alles, bis zur totalen Ablehnung. Ich kann nur versuchen, etwas zu erklären. Ich traue jedem Menschen eine eigene Meinung zu – und halte es mit Ingeborg Bachmann: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.

Der dritte Film der „Paradies“-Serie dreht sich um „Hoffnung“: Wird er das Publikum auch so erregen?

Es sollte ja bekanntlich ein einziger Film sein über drei Frauen, zwei Schwestern in den Fünfzigern, die Tochter der einen, die 13 Jahre alt ist, und in allen wohnen unheimliche Sehnsüchte. Es ist dann zu viel Material geworden, und Seidl hat drei Filme daraus gemacht, wobei jedes Mal gezeigt wird, wie jede der drei Frauen drei Wochen Ferien verbringt – in Kenia, beim Missionieren oder, wie das junge, übergewichtige Mädchen, im Diät-Camp. Sie will schlank werden, natürlich um geliebt zu werden, sie verliebt sich in den Arzt, was nicht klappt, aber der Titel „Hoffnung“ stimmt am allermeisten, weil es eben um ein junges Geschöpf geht, wo noch so viel Veränderung möglich ist. Die zwei älteren Frauen sind geprägter, also wird „Hoffnung“ vermutlich der leichteste der drei Filme.

In den Filmen, die Sie machen, und vor allem in Ihrer Theaterarbeit verweigern Sie sich konsequent dem Mainstream: Hatten Sie nie den Schauspieler-Wunsch „Ich möchte einmal am Burgtheater spielen“?

Solche Bedürfnisse habe ich nicht, ich könnte auch nie als Ensemblemitglied in einem Theater sein. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch und liebe infolgedessen die freie Theaterarbeit. Ich habe zusammen mit Dietmar Nigsch das Projekttheater Vorarlberg in Feldkirch gegründet, dort machen wir unsere Produktionen, mit denen wir dann in ganz Österreich gastieren. Und das sind dann durchaus schwierige Stücke von Schwab, Brasch, Bernhard, Jelinek, und wenn da Widerstand kommt, lebe ich sehr gut damit. Und ich möchte das auch weitermachen, weil es in Vorarlberg eine vernünftige Förderung für freie Theaterarbeit gibt, die es uns die Arbeit in unserem Sinne ermöglicht. Und im übrigen: Ungeachtet dessen, dass ich in „Braunschlag“ mitgemacht habe, was einmal ein großer Spaß war, bin ich nicht zuständig für leichte Unterhaltung. Und wenn man mich wirklich fragt, warum Seidl, dann sage ich, dass ich den Beruf nur so machen kann. Womit lebe ich lieber, mit Seidl im Film, mit der Jelinek im Theater – oder mit dem „Traumschiff“? Da würde ich mich fragen: Was mache ich da?

 

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