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MARIA BY CALLAS

06.06.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 8. Juni 2018
MARIA BY CALLAS
Dokumentarfilm / Frankreich / 2017
Regie: Tom Volf
Wenn wir „die Netrebko“ haben, kann man es vergleichen? Ist ein Superstar im Medienzeitalter das, was Maria Callas in einer analogen Welt gelang – der Inbegriff der Operndiva schlechthin zu sein? Durch Leistung. Durch Persönlichkeit. Durch ein Schicksal, das wie aus einem Trivialroman entsprungen scheint. Und doch – die Größte. Ungeschmälert durch andere, die nie dieselbe Faszination ausstrahlen konnten.

Maria Callas (1923-1977). Im Vorjahr hat sich bereits ihr 40. Todestag gejährt, ohne dass sie auch nur das Geringste von ihrem Nimbus eingebüßt hätte. Und das Interesse an ihr scheint nicht zu versiegen. Es gibt neben ihren Platten noch zahlreiche Bücher über sie, auch Dokumentationen, und dennoch ist der Film, den der Filmemacher Tom Volf (zwischen Oper und Mode unterwegs) über sie zusammen gestellt hat, etwas Besonderes.

Der Titel schon zeigt, worum es geht: die ganze Callas. „Die Callas“, die Sängerin, und Maria, die Frau. Beide werden vorgestellt, sie gehören zusammen. Die zahllosen Interviews, die Volf aufgestöbert hat, fragten nach der Künstlerin Callas  – und erzählen immer etwas auch von ihr als dem Menschen Maria. Es ist übrigens Material, das man teilweise noch nicht gesehen hat – die Callas hat offenbar in englischer und französischer Sprache (die „Griechin“ war geborene Amerikanerin, zuletzt lebte sie lange in Paris) eine Unzahl von auch ganz ehrlichen Interviews gegeben.

Die berühmteste Sängerin der Opernwelt glänzte nur bis Mitte der sechziger Jahre auf den Bühnen (mit einer Tosca verabschiedete sie sich 1965 in London vom aktiven Opernleben, ging dann nur noch auf Tournee). Tom Volf ist eindeutig kein Opernfachmann, die Details der Karriere bleiben ausgespart (Zusammenarbeit mit Karajan, Bernstein, großen Partnern), auch über ihr Fach (Norma, Lucia, Amina, Tosca und Violetta, ihre Versuche als Carmen und Isolde) wird man wenig erfahren. Viel hingegen über den „Skandal“ der Skandale, über ihre „Katastrophen-Vorstellung“ als Norma in Rom, wo sie nach dem ersten Akt nicht weitersang. Was man ihr damals an Beschimpfungen angetan hat, muss in seiner Verständnislosigkeit für die Situationen unerträglich gewesen sein. Und da war es dann, das mangelnde Selbstvertrauen, das Ersticken in Angst, die unbeschreibliche Erschöpfung… „Die Seele verzehrt sich“, sagte sie einmal.

Die Callas weiß sehr viel darüber, was es in einem Frauenleben menschlich kostet, ein Superstar zu sein. Andererseits sieht man auch, wie das Publikum jubelte, als sie nach siebenjähriger Abwesenheit an die Met zurück kehrte… Auch diese Bewunderung muss man erleben.

Aber es gibt auch die andere Seite der Callas, die Maria, die sich immer der Künstlerin untergeordnet hat. Diese hat mit grausamer Ausschließlichkeit ihr Leben beherrscht, bis sie in Aristoteles Onassis ihre große Liebe fand. Und diese Erfüllung als Frau war ihr plötzlich wichtiger als der Ruhm als Opernsängerin. All die Leidenschaft, die sie bisher für die Bühne aufbewahrt hatte, brachte sie nun in diese Beziehung ein. Und vielleicht hatte es auch nach all den Jahren eiserner Disziplin seinen Reiz, an der Seite des Jet-Set-Millionärs in das verpflichtungslose Luxusleben der Superreichen zu gleiten…

Ihr Auftreten in den Klatschspalten der Welt verdoppelte den Ruhm des unerreichten Opernstars Callas bis heute, jedermann hat in Erinnerung, wie Onassis sie behandelte, als er nicht sie (die wohl seine große Liebe war), sondern aus Geltungsbedürfnis Jacqueline Kennedy heiratete – was die Callas übrigens aus der Zeitung erfuhr, er war zu feig, es ihr selbst zu sagen … Sie hatte am Ende die menschliche Größe, sich mit dem schwer kranken Mann zu versöhnen, dessen Frau sich nicht um ihn kümmerte.

Erstaunlich, wie offen sie in vielen Interviews auch über ihr Privatleben spricht, das sie letztendlich weniger gut gemeistert hat als ihre Karriere. „Musik ist die einzige Sprache, die ich wirklich beherrsche“, sagt sie einmal. Und immer wieder hört man ihre Stimme und weiß, was man immer wusste, warum man sie für die Ausdruckskraft und Sauberkeit ihres Gesanges so sehr bewundert…

Renate Wagner

 

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