Hamlet – Marburg 09.05.2025 Premiere:
„… und dann ist da noch die Musik von Ambroise Thomas…“
Charles Rice, Valentina Čuden. Copyright: Oper Maribor
„Es gibt zwei Arten von Musik, gute und schlechte. Und dann ist da noch die Musik von Ambroise Thomas.“ Mit seinem Bonmot skizzierte der Komponistenkollegen Emmanuel Chabrier, diese Oper: Wohlklingend und opulent, aber nicht gefällig und so gar nicht zum Nachsingen. Thomas ist ein Komponist des großen Klangbildes – und ein Meister in der Kunst der Eintrübung, vor allem durch abrupte Wechsel der Tonarten und damit einhergehend, immer wieder des leicht Verstörenden. Kaum fühlt man sich in einer Klangwolke beheimatet, fährt das Kontrafagott mit einer wahrlich schneidenden Dissonanz dazwischen. Die Klarinette zaubert ein Traumbild, bei der sie sich von zwei Celli begleiten lässt – eigentlich wäre alles gut. Dagegen spricht dann scharf das Bühnengeschehen, hier herrscht die Niedertracht.
Die Regie lag in den Händen des Vlamen Frank van Laecke, der in düsteren Bildern die Tragödie inszenierte. Leicht aktualisiert und gekürzt, konzentrierte er sich auf die Titelfigur und den Konflikt mit Mutter und Ophelia. Die Kostüme wurden modernisiert und zum Schluss richtete sich Hamlet durch Selbstmord. Dem Regisseur gelingt eine packende Personenregie für die Titelfiguren zu formen. Leider fördert das Bühnenbild, ein Raum im hinteren Bereich für Chor bzw. öffentliche Szenen nicht immer das Hörerlebnis.
Die Musik dieser Grand Opera ist schwer nachzusingen, man behält kaum eine Melodie im Kopf. Sie ist aber überwältigend, offenbart und begleitet extreme Gefühle – hat aber auch ihre weniger inspirierte Momente. Dass die starken Momente die schwachen in Vergessenheit geraten lassen, liegt an der sängerischen & musikalischen Qualität am Premierenabend in Marburg. Bis auf den Sänger der Titelrolle, ist dieses kleinere Opernhaus noch dazu in der Lage, alles aus dem Ensemble zu besetzen.
Charles Rice als Hamlet bändigt seine gewaltigen Ausbrüche binnen Sekunden zu gefährlichen, trotzigen oder auch zaghaften Piani – ein Feuerwerk an affektgeladenen Kabinettstückchen und nie ermüdender Bühnenpräsenz. Zu Recht gefeiert vom Publikum.
Die Mezzosopranistin Irena Petkova ist eine strenge, schwer leidende und vor allem sich selbst bemitleidende Königin. Ihren Gemahl hat sie von ihrem Schwager umbringen lassen und dessen arg weinerlich komponierte Gewissenserforschung am Schluss ist vor allem erträglich, weil der furios gestaltende Bass Luka Ortar die Rolle von jeglicher Larmoyanz befreit.
Handverlesen sind auch die kleineren Partien bis hinunter zu den beiden Totengräbern. Der kraftvolle Tenor von Martin Susnik als Laertes blieb dabei markant in Erinnerung.
Und eine überragte wohl alle: die Sopranistin Valentina Čuden als Ophelia. Sie strahlte über Orchester wie Ensembles mit ihrem glitzernden, wohlklingenden Sopran, den sie mit beeindruckender Perfektion in die höchsten Höhen führt.
Wahrlich überraschend war für mich das Dirigat der 32-jährigen Mojca Lavrencic, klare Schlagtechnik und akkurate Vorgaben führten zu einem großen beeindruckenden Ergebnis. Das Orchester des Hauses folgte motiviert und diszipliniert. Sie reduzierte sängerfreundlich die opulente Klangbögen, aber dennoch zelebrierte sie die großen Momente in den letzten Akten.
Der Chor des Hauses meistert seine Aufgabe überzeugend, wenn er auch überwiegend in einem Raum in der Bühne zu singen hat– geklungen hat’s fabelhaft. Weich und rund, mal zauberisch zart, mal durchschlagskräftig. Jubel & Stehende Ovationen vom gesamten Publikum für Chor, Sänger und Dirigentin, freundlicher Beifall für Regie Team. Ambroise Thomas „Hamlet“-Oper ist wahrlich kein Kassenmagnet, offensichtlich auch nicht in Marburg. Erfreulicherweise kam sie in den letzten Jahren trotzdem immer wieder auf unsere Bühnen, unter anderem triumphal in Salzburg.
An der Staatsoper Wien fand die letzte Aufführung 1901 statt. Marburg war auch meine erste szenisch musikalische Begegnung mit dieser Grand Opera. Wenn „Hamlet“ von Ambroise Thomas, dann gerne nochmals in dieser Besetzung – leider nur bis 16.Mai.
Rudolf Smolej