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MANNHEIM/ Schildkrötenfabrik: „JONATHAN STOUGHTON“  Liederabend

17.04.2023 | Konzert/Liederabende

Mannheim / Schildkrötfabrik: „JONATHAN STOUGHTON“  Liederabend 16.04.2023

Einen Liederabend der besonderen Art bot das Nationaltheater Mannheim in einem seiner Sanierungs-Ausweich-Quartiere in der restaurierten bildschönen Halle der ehemaligen Schildkrötfabrik, Werkstätte der einst weltberühmten Celluloid-Puppen. Ein vortreffliches Ambiente aus der Gründerzeit mit deckenhohen Fenstern, breiter Spielfläche, Amphitheater ähnlichen 6-8 Sitzreihen und guter Akustik erwies sich dafür als idealer Rahmen.

Der gefeierte NTM-Heldentenor Jonathan Stoughton gab sich die Ehre, eröffnete sein interessantes Recital mit dem Liederzyklus „Winter Words op. 52“ seines Landmanns Benjamin Britten. Den Titel dieser acht Vertonungen fand der Komponist in der umfangreichen Gedichte-Sammlung von Thomas Hardy, gleichwohl einer Anspielung auf Franz Schuberts „Winterreise“. Jedoch finden sich in den  Britten-Vertonungen eher pessimistische, winterliche Sichtweisen auf das Leben, gewürzt mit satirischem Humor und lyrisch-philosophischen Betrachtungen. Plastisch, höchst individuell, intensiv gestaltete Jonathan Stoughton in persönlicher Emotionalität diese Songs. In jedem Moment wurde die Verbundenheit des Sängers zum Sentiment von Musik und Text, die ausdrucksstarke Auslotung der jeweiligen Gefühlsschwankungen, die Artikulation in Verbindung dezenter Mimik zur mustergültigen Interpretation gewahr.

Sinngemäße, verwandte Texturen in fünf Vertonungen von Franz Liszt schlossen sich an. Flexibel, subtil erklangen Vergiftet sind meine Lieder, von fast ariosem Zuschnitt erklang Die Loreley, eine Gelegenheit für Stoughton, Legato-Kunst sowie die Fähigkeit  changierende Töne zu demonstrieren, aber auch Entwicklungen aufzubauen. Hell strahlend erklang die Stimme zu gleichwohl dunklen Klang-Färbungen, man gewahr regelrecht, als die Wellen den Schiffer verschlangen. In feinen tenoralen Nuancen erklang Freudvoll und leidvoll. Von ganz besonderem Reiz in einer Synthese aus klarem, leuchtenden Timbre und vortrefflicher Musikalität gestaltete der Tenor bewegend Ich liebe dich sowie Es muss ein Wunderbares sein.

Sensibel, nie vordergründig begleitete Naomi Schmidt am Flügel. Wie glitzernde Kaskaden erschienen die variierten Ornamente ihrer feinnervigen pianistischen Begleitung und bildeten eine exemplarische Einheit mit dem Vokalsolisten.

Wie bereits zuvor bei Liszt folgten abschließend fünf Preziosen aus der Feder von Richard Strauss in vorbildlicher, akzentfreier Artikulation. Zu ausgereifter Vokalise voll kernigem Klang und herrlich weichen Passagen vernahm man Traum durch die Dämmerung – Nachtgesang, in tenoralem Farbwechsel schenkte Stoughton Heimliche Aufforderung – Morgen feine belkanteske, melodische Nuancen und ließ zum krönenden Abschluß hymnisch-strahlend Zueignung erklingen.

Das Publikum feierte Pianistin und Sänger mit herzlicher Zustimmung und wurde mit der für Britten ungewöhnlich melodischen Zugabe The Ploughboy einem traditionellen Volkslied-Arrangements belohnt.

Gerhard Hoffmann

 

 

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