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MANNHEIM/ Rosengarten: VILDE FRANG-SWR SYMPHONIE ORCHESTER-TEODOR CURRENTZIS“-

28.01.2023 | Konzert/Liederabende

Mannheim / Rosengarten: „VILDE FRANG-SWR SYMPHONIE ORCHESTER-TEODOR CURRENTZIS“-27.01.2023

Zur Eröffnung der SWR-Konzertreihe im Rosengarten-Mozartsaal gab sich der Chefdirigent des SWR SO. Teodor Currentzis während einer Tournee (man gastierte noch vor 2 Tagen in Wien) nach langer Abstinenz auch in Mannheim die Ehre.

Der interessante, vorzügliche Konzertabend mit Werken der Spätromantik und Avantgarde wurde mit dem „Violinkonzert“ Dem Andenken eines Engels von Alban Berg eingeleitet.

Das Werk wurde 1935 uraufgeführt unter dem Titel Requiem für Manon. Gemeint ist Manon die Tochter von Alma Mahler-Werfel aus der Ehe mit dem Architekten Walter Gropius. Die Leiden, das Sterben Manons welche mit 18 Jahren an Kinderlähmung verstarb, lösten das ergreifende Geschehen aus, in dem sich Programmatisches mit Absolutem bindet,  in Bergs Vertonung wurde es so zum berührenden musikalischen Denkmal komponiert mit dem Vorsatz Wesenszüge eines jungen Mädchens in musikalische Charaktere umzusetzen.

Das Konzert gliedert sich in vier Sätze von denen je zwei pausenlos ineinander fließen. In analytischer Transparenz umriss die norwegische Ausnahmesolistin Vilde Frang das einleitende Andante in dessen schlichter Kärntner Volksweise auf die Kindheit Manons, gleich einem musikalischen Portrait verweist. Im Allegretto vermittelte Frang die heiteren Wesenszüge des Mädchens mit leichten Wiener Walzeranklängen, wobei ihre Exosphäre der  Violinentöne  in jedem Moment strukturiert ungeheuer komplex im Tonsatz verklang. Zur instrumentalen Untermalung des Leidens, des Sterbens, der finalen Verklärung im Allegro ma sempre – Adagio zeichnete Vilde Frang gleich einer Kadenz sensibel wunderbare elegische Couleurs und Klangschattierungen, führte ihr Spiel zu einer Intensivierung und Beseelung des Ausdrucks in schlanker Bogenführung von feinnerviger Gestaltung.

Derart konstruktive Freisetzung von Zwölftonreihen im Mikrokosmos heftigster Energien fand auch im Musizieren des SWR S.O. eindrucksvollen Widerhall. Großartig animierte  Teodor Currentzis den Klangkörper zu schier pathetischer Emphase, ungemein schlankem Musizieren von spieltechnisch opulenter Perfektion.

Das zunächst bewegte, lange atemlos verharrende Publikum feierte die exzellente Solistin mit großer Begeisterung. Ungewöhnlich nach diesem besinnlichen „Requiem“ gewährte die Gefeierte noch eine Zugabe.

Nach der Pause erklang ein Werk der russischen Avantgarde nämlich die „Achte Symphonie“ von Dmitri Schostakowitsch. Handelt es sich bei dieser 1943 uraufgeführten Symphonie quasi die Fortsetzung der „Leningrader“, doch wie so oft bei einer Kontinuation fallen die Aussagen weniger dichter aus, dennoch ließ die intensive Deutlichkeit dieser Musik keine Wünsche offen (Anm. von Zeitgenossen). Der erste Satz ein Adagio, infolge  seiner Grundform, Länge widerspiegeln sich Trauer-Erregung-Trauer zur unaufhörlich sich ausbreitenden Melodik fast unüberschaubar, wirkte trotz akustischer Schönheiten eventuell in unseren Ohren etwas vorwitzig geschwätzig? Wundervoll metamorphosierten sich die Streicher zum elegischen Wechselspiel, kündeten grotesk zeternde Flöten vom nahen Inferno dessen instrumentale Urgewalt Teodor Currentzis  mit orchestraler Brillanz insbesondere den präzise aufspielenden Bläsersektionen grandios zu Gehör brachte. Dem in absichtlicher Unbeholfenheit komponierte Marsch des zweiten Satzes nahm der erfahrene Dirigent ebenso die surrealistische verstörende Dissonanz. In Folge erklang ein schneidendes, betäubendes,  dennoch alle Nerven erregendes Presto zur Grundstimmung an die Kriegsmusik des Kopfsatzes der „Siebten“ erinnernd. Currentzis nahm auch diesen Momenten mit dem vortrefflich musizierenden SWR S.O. den absolut realistischen Schrecken und versöhnte mit breitgeführten ausdrucksstark gemalten instrumentalen Pinselstrichen.

Im Finalsatz schien selbst Schostakowitsch keinen Ausweg zu wissen? Immer wieder tauchten die Gedanken und Stimmungen des Grundthemas auf, jede nach Eigenleben strebend und der eigentlichen Themenwelt unentrinnbar verhaftet, einer Art Passacaglia von beklemmender Kraft und zerrissener Schönheit. Musikalisch stets den abstrakten Disharmonien, der illustrativen Rhythmik der anspruchsvollen Partitur verpflichtet ließ der exzellente Dirigent gleich einem zarten Aufdämmern, als erlösende Macht über alle Fragen dieses Finale majestätisch in geradezu pathetischer Klangsprache ausklingen.

Nach erneut atemloser Stille erhob sich tosender Applaus und überschäumende Begeisterung.

Im Anschluss einer kurzen Umbaupause gewährten vier vortreffliche Solisten Jing Wen, Michael Dinnebier (Violine) Janis Lielbardis (Viola) sowie Fionn Bockemühl (Cello) eine traumhaft musizierte „Nach(t)musik“ und beglückten das noch verbliebene Publikum mit dem elegischen „Langsamen Satz für Streichquartett“ (Anton Webern). Bravo!

Gerhard Hoffmann

 

 

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