Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MANNHEIM/ Rosengarten: NELSON FREIRE-BRÜSSELER PHILHARMONIKER-M. TABACHNIK“

12.11.2015 | Konzert/Liederabende

Mannheim: „NELSON FREIRE-BRÜSSELER PHILHARMONIKER-M. TABACHNIK“

                     Konzert im Rosengarten 11.11.2015

Den heutigen Solisten beim Pro Arte – Konzert im Rosengarten erlebte ich erstmals während meiner Eleven-Konzertbesuche. Mit bewundernswertem Elan begegnete Nelson Freire dem „Klavierkonzert Nr. 2“ von Johannes Brahms. Stimmungsvoll begann der erste Satz mit den romantischen Charakterzügen, getragen von der Hornmelodie. Das Klavier träumt den Gedanken nach, Streicher und Holzbläser gesellen sich dazu, bis das Klaviersolo in kraftvoller Kadenz den vollen Orchestereinsatz auslöst. Nelson Freire glänzt in pianistischer Souveränität, meißelt Architekturen von klarer Konsistenz.

Im Allegro appassionato entpuppte sich der brasilianische Pianist als Klangmystiker seines Instruments. Kongeniales Formgefühl in rigoroser Detailgenauigkeit legt Freire einen Reichtum an Empfindungen und Farben frei. Die schlichte Melodie, das emotionelle Hauptthema des Andante wird vom Bariton der Streichinstrumente, dem sonoren Cello vorgetragen. Herrlich passt sich Freire in eindrucksvollen Figuren begleitend an, sein Spiel eine gelungene Synthese aus Klarheit, Schmelz, Wärme und Poesie, wirkt stets integriert im melodischen Fluss.

Musikalisch bis in die Fingerspitzen trägt der Altmeister des Piano das grandiose Hauptthema des vierten Satzes vor. Dynamisch wirken die Klavierkonturen im Wechselspiel mit den Holzbläsern, den für Brahms so typisch „ungarisch“ eingefärbten Terzen- und Sextgängen.

Bezwingend  großformatig untermalend im satten Klangbild bewährten sich die Brüsseler Philharmoniker  unter der Stabführung von Michel Tabachnik im präsenten Zusammenspiel mit dem Solisten, jedoch erst ab dem dritten Satz. Davor hatte ich den Eindruck Tabachnik zerbröselte die Partitur, verlor sich vehement in orchestralen Überproportionen.

Mit herzlicher Zustimmung belohnte das Publikum die ungewöhnliche Interpretation des Solisten, für welche sich Nelson Freire mit der Bearbeitung „Tanz der seligen Geister“ (Gluck), innig und wunderschön interpretiert bedankte.

Als Finalpunkt des Abends setzten die belgischen Gäste die „Orgel-Symphonie“ von Camille Saint-Saens, in welcher sich der Komponist auf sehr interessante Weise, von seiner sonst gewohnten, symphonischen Form absetzte, in dem er jeweils zwei der vier Sätze durch Überleitungen miteinander verband. Hinzu kommt noch das schmachtende Grundieren der Orgel mit tiefsten Tönen im zweiten Satz, haftet ihr demnach die duldende  Aura des Erhabenen an. Ihr Fortissimo im Finalsatz hingegen gilt vielen Opponenten als purer Effekt.

Nun bewies Tabachnik mit dem gut disponierten Orchester äußerst lautstark, was in diesem Werk steckt. Förderte aber auch Stimmungen, impressionistische Couleurs im instrumentalen Wechselspiel zutage, wählte straffe Tempi und verlieh dieser Symphonie etwas Drängendes. Doch wie bereits vor der Pause wurde das Werk orchestral zerpflückt, wirkte dadurch trocken im Klang, diese derart herunter buchstabierte Lesart mit ihren harten Kanten der zwar akkuraten Blechformationen, nahmen dieser süffisanten Musik jegliche Nonchalance, die würdige Noblesse. Traumhaft geriet indessen das sinnliche Adagio mit den satten, weichen Streichfraktionen. In scharfem Kontrast setzte der Dirigent die Fortissimo-Gefühls- und Klangentladungen der Orgel  (Paul De Maeyer) und ließ es orchestral nochmals gewaltig krachen.

Das Publikum geizte nicht mit Beifall, doch so mancher Zuhörer dürfte taub aus dem Saal geschieden sein und die Belgier bedankten sich mit dem schwungvollen „Ungar. Tanz Nr. 17“ (Brahms).

Gerhard Hoffmann

 

 

Diese Seite drucken