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MANNHEIM/ Rosengarten: DER RING AN EINEM ABEND

17.11.2022 | Oper international

Mannheim / Rosengarten: „DER RING AN EINEM ABEND“ – 15.11.2022

Auf Initiative des einstigen NTM-Intendanten Klaus Schultz und des ihm befreundeten Victor von Bülow entstand beider Idee zur Kreation zum „Ring an einem Abend“ also Richard Wagners Tetralogie um (leider) 12 Stunden gekürzt zur konzertanten Aufführung. Als „Loriot-Ring“ ging diese Version seit ihrer Mannheimer Premiere am 28. Oktober 1992 in die Musik-Geschichte ein. Während der Sanierungsphase des Nationaltheaters 1992/94 war der Rosengarten Austragungsort wie auch heute nur zu Beginn der erneuten Sanierung der nächsten vier (?) Jahre, besuchte ich bereits dutzendfach das Spektakel und so auch heuer privat die letzte 41. Aufführung im Musensaal.

Unzählige bemerkenswerte Künstler*innen erlebte nun dieser beim breiten Publikum sehr beliebte „kurze“ Ring, diverse Rezitatoren sprachen dazu die ironisch-humoristischen Loriot-Texturen, in der diesjährigen Aufführungs-Serie entzückte Thomas Maria Peters mit trockenem Humor die Zuhörer des vollbesetzten Musensaals. Nach der kompletten Ring-Premiere fiel zur „Götterdämmerung“ am 30. Juli endgültig der Vorhang und läutete die General-Sanierung ein und ergaben sich insbesondere positive Neubesetzungen.

Jedoch möchte ich zunächst der Reihe nach  mit dem „Rheingold“ beginnen und wie die Textur vermerkte zu jener Zeit als man noch im Rhein baden konnte. In prächtiger Disposition umwob das Nationaltheater Orchester unter Leitung von Jänis Liepins die wogenden Einleitungsklänge. Vortrefflich im Spiel wie alle Sänger*innen des Abends trieben die törichten Rheintöchter Amelia Scicolone, Rebecca Blanz, Maria Polanska stimmschön ausgewogen ihr frivoles Spiel mit Alberich bzw. Joachim Goltz mit markantem vortrefflichem Bariton bestens intoniert, sein Fluch ging unter die Haut. Zu den Worten Wotan Gemahl, erwache nahm das Ehedrama seinen verhängnisvollen Verlauf. Wären die Rheintöchter Alberich etwas entgegenkommender gewesen, hätte man sich drei weitere zeitraubende Opern ersparen könne – so das Loriot-Zitat, ein schrecklicher Gedanke für uns Wagnerianer! Zu verführerischen Mezzotönen und attraktiver Optik umgarnte Jelena Kordic den Göttergatten Thomas Jesatko welcher Wotan mit reifer erfahrener Bassbariton-Würde umflorte. Zynische Zwischentöne vernahm man von Uwe Eikötters Loge, sodann zogen die Götter von prächtig imposanter Instrumentation geleitet gen Walhall.

Jahre über Jahre vergingen Wotans legendäre potente Aera trug Früchte und erlebte in „Die Walküre“ eine der schönsten melodischen Wagner-Momente, wie die Textur kündete Dank Sieglindes höherer Dosis von Hundigs Schlaftrunk, verschlief dieser eines der schönsten Duette der Musik-Literatur. Wahrlich als optisches Traumpaar erschienen Sieglinde/Siegmund in heller wunderschöner Robe und im Frack, sangen zudem die Sterne vom Himmel. Astrid Kessler verlieh der Sieglinde nicht nur den strahlend jungendlich-dramatischen Silberglanz ihres herrlichen Sopran-Timbres sondern unterstrich auch mit weichen fraulichen Tönen in großartiger Steigerung alle Vorzüge dieser Partie. O süßeste Wonne! Seligstes Weib! Sang Siegmund fürwahr! Und er ein fesches großes Mannsbild sichtlich liebevoll um seine bräutliche Schwester bemüht, wie bereits im Juli im szenischen Ring jedoch wie mir schien viel intensiver sang Jonathan Stoughton einen Siegmund allererster Güte. Wunderschön timbriert, herrlich strahlend, mit männlich dunklen Couleurs versehen brachte der sehr engagierte Tenor sein vokales Edelmetall zum Erblühen, Wagner-Herz was begehrst du mehr?

Sodann kam auch die Bayreuth-Erfahrene Brünnhilde ins Spiel: Daniela Köhler sang die Todverkündigung geradezu sphärisch nicht mehr von dieser Welt im dualen Einklang mit Siegmund rührte, auch Dank des intensiven Spiels der beiden großartigen Künstler, zu Tränen. So viel darstellerisch-menschliche Wärme lassen die heutigen Banausen des Regietheaters nicht zu.

Auf den Boden der Realität zurück brachte der Auftritt des hartherzigen Weibergezücht´s, vokal sehr ausgewogen und melodisch brachten sich die acht Walküren Frédérique Friess, Rebecca Blanz, Marie-Belle Sandis, Julia Faylenbogen, Estelle Kruger, Shachar Lavi, Maria Polanska, Jelena Kordic mit ein. Zu Der Augen leuchtendes Paar, das oft ich lächelnd gekost` schied Wotan-Jesatko von der Tochter und leitete zum orchestral hinreißend musizierten Feuerzauber über und entließ das Publikum in die Pause.

Mit vergeblicher Liebesmüh´ versuchte sich Mime-Eikötter um das Wohlwollen Siegfrieds. Zur Szene mit dem Wanderer verspielte der Zwerg sein Haupt und verlor es an den Wälsungen-Spross. In kerniger Tongebung versah Jonathan Stoughton den jungen Helden, gab somit sein Siegfried-Debüt, sinnierte in wunderschönen Piani unter der Linde, hob „Opa“ Wotan endgültig vom göttlichen Sockel um sodann der strahlend hellen Sopranstimme von Daniela Köhler ebenso glänzend in herrlicher tenoraler Manier Paroli zu bieten. Zu Loriots Anmerkungen ein gesunder Eros brach sich seine Bahn, das junge Paar verlor sich im Überschwang der Gefühle, im Kosmos der alles überstrahlenden Töne vollends und brachte das Publikum ebenso in Begeisterung zum Jubeln.

Das für mich musikalisch schönste Intermezzo des Rings die Morgendämmerung wurde vom NT-Orchester unter Jänis Liepins sensibler Stabführung so wunderschön gespielt und leitete ins eigentliche Drama des Untergangs über. Der grimmig darein blickende Hagen gab den Gibichungen-Geschwistern Gutrune/Gunter intrigante Ratschläge, Astrid Kessler war für Gutrune eine Luxus-Besetzung, Thomas Berau verkörperte mit schönem Bariton den Gunter. Mit mächtigem kernigem Basspotenzial sang ganz vortrefflich Patrick Zielke Hagens Wacht.

Vergeblich bemühte sich Waltraute (Marie-Belle Sandis) um die Rückgabe des unheilvollen Nibelungen-Rings und vermochte Brünnhilde zu eigenem Sinnieren Welch banger Träume Mären, meldest du Traurige mir nicht umzustimmen. Herzzerreißend, bewegend, mit überirdisch schönklingendem Tenor gestaltete Jonathan Stoughton Siegfrieds Tod Brünnhilde! Heilige Braut! Grandios, bombastisch, instrumental sehr nuanciert erklang der Trauermarsch. Grane, mein Roß! Sei mir gegrüßt! Mit diesen Worten nahm Brünnhilde Abschied von ihrem Geliebten, den Göttern, von dieser Welt, war einer Göttertochter absolut würdig. Daniela Köhler webte dem Silberstrahl ihres leuchtenden Soprans, warme Goldtöne mit ein und machte neugierig auf mehr. Traumhaft, gewaltig, herrlich der orchestrale finale Ausklang.

Kurz aber heftig der Schlussapplaus und die lautstarken Bravos des begeisterten Publikums.

Gerhard Hoffmann

 

 

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