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MANNHEIM: PARSIFAL in der Inszenierung nach Hans Schüler 1957

21.06.2019 | Oper

Bildergebnis für mannheim parsifal
Foto: Nationaltheater Mannheim/ Archiv

Nationaltheater Mannheim, 20. Juni 2019

Richard Wagner PARSIFAL

 

Zeitlos gültig

Wie aus fernen Zeiten! Der größte Schatz des Mannheimer Opernpublikums ist nach wie vor die inzwischen legendär zu nennende Inszenierung von Hans Schüler aus dem Jahr 1957, die am 20. Juni ihre 144. Aufführung erfuhr! Unverkennbar ist der stilistische Einfluss von Wieland Wagner auf dieses visuelle Fest der Einfachheit und Abstraktion. Nur die notwendigsten Requisiten, alles vor einem gigantischen Rundhorizont arrangiert, der von Hand gemalte Projektionen zeigt. Die vor allem im zweiten Aufzug farbigen Kostüme von Gerda Schulte mögen auf den heutigen Betrachter vielleicht etwas naiv wirken, aber sie bilden eine wichtige Ergänzung zum abstrakten Bühnengeschehen. Hervorragende Lichtstimmungenvon Alfred Pape und sehr klare, gut koordinierte Bewegungsabläufe, vor allem in den Chorszenen, machen diese Inszenierung zu einem besonderen Erlebnis. In der Interaktion der handelnden Personen gibt es keine aktionistische Überaktivität. Jeder körperliche Ausdruck ist auf ein Minimum reduziert. Die Musik steht dabei immer Mittelpunkt dieser Inszenierung. Umso mehr verlangt eine solche Regie überzeugende Sängerdarsteller.

An erster Stelle muss der überragende Gurnemanz von Patrick Zielke genannt werden. Bei bester Textverständlichkeit zeigte er eine superbe Rollendurchdringung. Da blieb keine deklamatorische Gelegenheit ungenutzt, um seine außerordentliche Affinität zur Textgestaltung eindrucksreich zu demonstrieren. Die langen Erzählungen vergingen wie im Fluge, so wissend, so innerlich beteiligt wirkte er in seiner Rolle. Wunderbar auch seine „sprechende“ Mimik, die sehr wach alles aufnahm, was um ihn herum geschah. Seine warme und zugleich voll tönende Stimme konnte alle Anforderungen dieser besonderen Partie souverän bedienen. Besonders eindrucksvoll seine ausladend sichere Höhe. Eine Leistung auf höchstem Niveau. Großartig!

Als Gast zeigte Tilmann Unger in der Titelpartie einen angenehm baritonalen Tenor, der die Entwicklung vom reinen Tor zum Heilsbringer einer neuen Gesellschaft nur bedingt glaubhaft zu vermitteln wusste. Stimmlich bewältigte er seine Rolle ohne Fehl, dabei in der Durchschlagskraft aber deutlich begrenzt. Auf der Strecke blieben jedoch dynamische Gestaltung und Textakzente. Die große Entwicklung, die Parsifal im Verlaufe der Handlung erfährt, konnte er nicht wirklich vermitteln.

Die Kundry in der Verkörperung von Tuija Knihtilä geriet darstellerisch durchaus vielschichtig. Die Mezzosopranistin zeigte ein engagiertes Rollenprofil. Agierte sie im ersten Aufzug noch recht textdeutlich, so trat dies im zweiten Aufzug in den Hintergrund. Es zeigten sich bei ihr große stimmliche Probleme in der Bewältigung der hohen Lage. Nahezu alle hohen Töne blieben ausgespart (z.B. am Ende der Herzeleid Erzählung) oder erklangen zu tief. Die Rolle der Kundry entspricht nicht ihren stimmlichen Möglichkeiten. Ein stimmlicher Überlebenskampf, der dem zweiten Aufzug leider viel Wirkung nahm.

Schon viele Jahre singt Thomas Berau den Amfortas. Sehr gereift in der Gestaltung, liegt ihm diese Partie stimmlich gut. Verinnerlicht in der Darstellung, wissend in der Textgestaltung und sicher in den stimmlichen Anforderungen, lotete er seine Partie gekonnt aus. Mit vielen Stimmfarben zeigte er ein erschütterndes Portrait seiner Rolle.

Ungemein vital und aus dem Vollen schöpfend war Joachim Goltz eine formidable Besetzung als Klingsor. Mit großer Bühnenpräsenz zeigte er einen dämonischen Charakter. Jeder Wortakzent traf ins Schwarze, dazu seine sehr fokussiert tönende Baritonstimme. Bravo!

Dominic Barberi war ein kraftvoller Titurel und auch alle übrigen Rollen waren gut besetzt.

Dani Juris sorgte für einen sehr ausgewogenen Chorklang, insbesondere auch in den Höhenchöhren.

GMD Alexander Soddy zeigte auch hier wieder, welch guter Dirigent mit ihm gegenwärtig die musikalischen Geschicke des Nationaltheaters prägt. Mit weitem Atem, klaren Impulsen und kontemplativen Elementen trug er maßgeblich dazu bei, dass das Orchester des Nationaltheaters Mannheim seine lange Erfahrung des Bayreuther Meisters eindrucksvoll demonstrieren konnte. In den Vorspielen nahm Soddy sich ausreichend Zeit, ohne zu verschleppen. Dabei setzte er sehr deutliche Akzente, trieb seine Musiker an oder setzte auch schroffe Kontrapunkte, so z.B. im aufgeraut klingenden Vorspiel des dritten Aufzuges. In den beiden Verwandlungsmusiken ließ Soddy herrlich aufrauschend ausmusizieren. Seinen Sängern war ein formidabler Begleiter. Das Orchester spielte tadellos und konnte in allen Gruppen sehr für sich einnehmen. In besonderer Erinnerung bleiben die blühenden Streicher, die samtig intonierenden Holzbläser und das feierlich tönende Blech.

Eine schwere Bürde an diesem Abend war hingegen das Publikum. In unermüdlicher Ausdauer wurde in einer derben, lauten Weise gehustet, als gälte es, sich für ein Husten-Casting zu qualifizieren. Unbegreiflich, wie so viele Menschen sich derart enthemmt und respektlos verhalten können! Es ist längst an der Zeit, dem Publikum hier einmal den Spiegel vorzuhalten. Vielleicht sollte es vor jeder Vorstellung einen akustischen Hinweis geben, wie es klingt, wenn ungezügelt gehustet wird. Und offenkundig noch notwendiger ist es, darüber zu informieren, dass der Husten gedämpft werden kann….

Am Ende lange intensive Huldigungen eines restlos begeisterten Publikums für alle Beteiligten.

Dirk Schauß

 

 

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