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MANNHEIM/ Nationaltheater: DIE WALKÜRE. Hojotoho … zur Werksverstümmelung !

18.07.2022 | Oper international

Mannheim / Nationaltheater: „DIE WALKÜRE“ – 17.07.2022

  Hojotoho … zur Werksverstümmelung !

Ausnahmsweise zäume ich das Pferd von hinten auf und beginne mit dem Finale: nach bewegendem Abschied vom Göttervater und Brünnhilde wurde die Bestrafte in einen Sessel verbannt, von ihren Halbschwestern aus Wotans enormer Potenzialszeit mit Schild, Brustpanzer etc. dekoriert, mit Instrumenten (den Hirngespinsten der Regie) umlegt, per Drehbühne (endlich bewegte sich etwas) sanft in den Schlaf „gewiegt“, da sitzt sie nun die bedauernswerte Maid für ca.20 Jahre fest , au wei ihr armer Rücken, na ja evtl. ist der Erwecker ein Orthopäde? Lassen wir uns überraschen…. Yona Kim hatte sich an ihrer Fix-Instrumental-Idee wohl festgebissen und vergaß derweil eine sinnvolle Personen-Regie. Von Sängernöten hatte sie keine Ahnung, ließ meist die Protagonisten ihre anspruchsvollen schwierigen Parts sitzend absolvieren, bürstete gelegentliche Aktion ungehemmt sinnlos gegen Textur und Verstand. Der glorreichste Gag des Abends: Fricka knallte dem uneinsichtigen Gatten die Handtasche vor den Latz. Die Kostüme entwarf wiederum Falk Bauer, das dunkle Bühnengeschehen (Anna-Sofia Kirsch) erhielt wiederum wenig erleuchtende Optik.

Orchestral versetzte mich GMD Alexander Soddy mit dem prächtig aufspielenden NT-Orchester, den Intententionen akkurat folgend nicht in die absolute Wagner-Euphorie.

Überdeutlich erschien mir das Bestreben Soddys einen zunächst kammermusikalischen Klang anzustreben, zögerlich, befremdlich wirkte die gewittrige Orchestereinleitung, ebenso die bedächtigen Tempi zur Begegnung der Geschwister. Gewiss vernahm man traumhaft intonierte Instrumentalmomente und letztlich vortrefflich herausgearbeitete orchestrale Wogen, doch leider wucherten (erneut) die überproportionierten Fortissimo und der GMD verlor in seiner Idiolatrie das rechte Maß? Zuweilen setzte Soddy mehr auf tonästhetische Phrasierungen, denn nuancierter Konturen, verschenkte teils die Magie der Details dieser grandiosen Partitur und setzte mehr auf bombastischen Klangrausch. Infolge der breiten Tempi wurde die Atemtechnik der Sänger*innen enorm gefordert besonders im 1. Aufzug.

viktorija kaminskaite (sieglinde) jonathan stoughton (siegmund) copyright christian kleiner
Viktorija Kaminskaite (Sieglinde), Jonathan Stoughton (Siegmund). Copyright: Christian Kleiner

Viktorija Kaminskaite konnte als präsente Sieglinde punkten, erfüllte die Partie mit jugendlich-strahlendem Sopran und verlieh dank ihrer geschmeidigen lyrischen Mittellage der Wälse-Tochter eine weiche frauliche Aura.

Zunächst schenkte Jonathan Stoughton, dem optisch attraktiven Siegmund eine prägende kernige Stimm-Lyrik, sensibel entfaltete sich das herrliche Timbre, weich floss die Mittellage seines flexibel geführten Tenors während seiner bewegenden Erzählung dahin, steigerte sich in beindruckender Leichtigkeit in die glanzvoll-strahlenden Höhenflüge der Wälserufe. Vortrefflich rückte der große schlanke Sympathieträger seine farbintensive Vokalise zu prächtig fundierter Rollenanalyse, war auch dank seiner einfühlsamen (wenn es die Regie zuließ) Darstellung ein adäquater Partner der zierlich wirkenden Sieglinde.

Als Brutalo vom Scheitel bis zur Sohle entpuppte sich Hunding im Spiel mit dem Strangulierseil und Patrick Zielke unterstrich die Dominanz zudem mit hohem-kernigem, markantem Basspotenzial zu präziser Intonation und Diktion.

Rank und schlank, blond, in schwarzem Outfit kam die attraktive Brünnhilde daher, alberte übermütig mit Papa. Des GMD´s Wunschmaid war während der Bayreuth-Proben unabkömmlich und so engagierte man Lise Lindstrom. Der Sopranistin war eine schier unermüdliche Jugendlichkeit zu eigen, blendend im Silberstrahl erklangen die Hojotoho-Rufe, zu metallisch-leuchtenden Dauertönen umriss die Schwedin ihr Brünnhilden-Portrait, während der ruhigen Passagen im langen Dialog mit dem Göttervater bot die Mittellage ihres expansiven Soprans weder Wärme noch Sinnlichkeit, Attribute welche lediglich darstellerisch  auf angenehme Weise intensiv zutage kamen. Der anspruchsvollsten schwierigsten Brünnhilde (lt. Aussage div. großer Wagner-Diven) wurde Lindstrom (noch) nicht gerecht.

renatus meszar (wotan) lise lindstrom (brünnhilde) copyright christian kleiner
Renatus Meszar (Wotan), Lise Lindstrom (Brünnhilde). Foto: Christian Kleiner

Nun zäume dein Ross, reisige Maid! Wotans Auftrittsworte blieben Renatus Mészár schier gleich einem Frosch im Halse stecken, doch fand der Sänger nach dieser Schrecksekunde schnell zu intensivem Format. Ich zolle jedem Künstler dieser kräftezehrenden Partie höchsten Respekt, somit seien auch die kleinen vokalen Trübungen im Laufe des Abends verziehen. Markant im Ton, bestens fokussiert in bassbaritonaler Fülle kam die Stimme resonanzreich auch während der langen Phasen daher und intensivierte noch Kraftreserven zum glaubwürdigen Finale.

Unerbittlich in hoher unschöner Sopranlage setzte Jelena Kordic als keifende Fricka dem Göttergatten chancenlos zu, kein Wunder, dass dieser sein „Heil“ anderweitig suchte.

Aufgereiht im Fechtdress mit Degen absolvierte das hartherzige Weibergezücht der acht Walküren (Estelle Kruger, Frédérique Friess, Rebecca Blanz, Marie-Belle Sandis, Linsey Coppens, Katharina von Bülow, Julia Faylenbogen, Jelena Kordic) in differenzierten Tonlagen homogen ihre Parts.

Bravostürme und langanhaltender Applaus belohnte die musikalische Komponente, währenddessen das Produktionsteam heute ohne energisches Kontra nicht davon kam.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

 

 

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