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MANNHEIM/ Nationaltheater: DIE FRAU OHNE SCHATTEN

Szenische Bauchlandung

18.11.2019 | Oper

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Catherine Foster (Färberin), Miriam Clark (Kaiserin), Julia Faylenbogen (Amme). Foto: Hans-Jörg Michel.

Richard Strauss: DIE FRAU OHNE SCHATTEN

Nationaltheater Mannheim, besuchte Vorstellung am 17. November 2019

Szenische Bauchlandung

In der aktuellen Wiederaufname der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss demonstriert einmal mehr das Nationaltheater Mannheim seine Leistungsfähigkeit als großes Ensemble-Theater in der Opernwelt.

Die Inszenierung von Gregor Horres stammt aus dem Jahr 2007 und ist wieder einmal ein betrübliches Beispiel für eine weitgehend sinnbefreite szenische Arbeit. Dazu entschied sich Horres für Bilder und Bühnenwirkungen, die die beiden Handlungswelten vom Kaiser- und Färber-Paar viel zu wenig von einander absetzten. Bühnenraum und -effekte hatten so gar nichts mit den von Strauss geforderten Bildwelten zu tun hatten. Da fährt die Drehbühne reichlich Karussel, Bühnenhubpodien fahren hoch und runter oder stellen sich schräg. Ja, ja, auf die Technik des Mannheimer Nationaltheaters ist Verlass! Nur, mit der „Frau ohne Schatten“ hat das Gesehene sehr wenig zu tun. Ebenso wenig Erhellung bringt es, wenn handelnde Personen durch Statisten multipliziert werden. So dürfen am Ende des 1. Aktes gleich zahlreiche Doubles den „Buchhalter“ Barak ergänzen.  Oder durch die Bühnendecke, ein gewaltiges, innen offenes Rechteck, kommen gelegentlich eine Hand oder auch ein riesiger Füller. Warum?

Und es ist schon reichlich entlarvend, wenn der Text etwas aussagt, was die Bühnengestaltung total verweigert. Bühnen- und Kostümbildnerin Sandra Meurer hat Horres dazu bunte, knallige Farben geliefert. Barak und die Färberin sind hier keine Handwerksleute, sondern Bürgerliche, sie in einem Pseudo-Abendkleid, während Barak ein Bürokrat, ein Schreibtischtäter ist. All das Ärmliche und Schmutzige, was zuvor die Amme bildreich in ihren Worten in der Welt der Menschen beschreibt, bleibt visuell ausgespart. Noch schlimmer als dieses Sammelsurium unkluger Ideen ist die Beziehungslosigkeit der Rollencharaktere, die mehr oder weniger für sich alleine spielen müssen. Wem also die komplizierte Handlung noch zu wenig Rätsel aufgibt, der wird mit dieser überflüssigen Inszenierung  reichlich neue Denkaufgaben erhalten.

Mannheim kann mit einer gediegenen Besetzung aufwarten.

So ist als Kaiserin die vielseitige Miriam Clark mit einer souveränen Gesangsleistung zu erleben. Bereits die schweren Interverallsprünge bei ihrem ersten Auftritt gerieten mustergültig. Sehr gut vermochte sie ihre Stimme mädchenhaft einzufärben, um dann in den großen Ausbrüchen zu beeindrucken. Ihr Rollencharakter wirkte empfunden und erlebt. Die Stimme vereinte Schmelz und Wohlklang. Auch ihre Textverständlichkeit war tadellos.

An ihrer Seite gab Andreas Hermann einen ungestümen Kaiser, der mit der vetrackten Tessitura seiner schweren Partie als eher lyrischer Tenor keinerlei Probleme hatte. Auf dieser Basis konnte er mit leichten Höhen punkten. Allerdings fehlte ihm in Stimme und Darstellung die notwendige Autorität, um dieser Partie einen maßgeblichen Charakter zu verleihen.

Als mephistophelische Amme überzeugte Julia Faylenbogen durch die sängerische Souveränität. In ihrem auffälligen schwarz-gelben Kleid war sie eine bühnenbeherrschende Gestalt. Auf der Strecke blieb hingegen ihre zu undeutliche Textverständlichkeit und die kaum vorhandene Textgestaltung.

Als dramatische Färberin gefiel Catherine Foster. Mit Wohlklang und Leichtigkeit gestaltete sie diese horrend schwere Partie. Sie schonte sich in keinem Moment und gab auch ihrer Partie, wo nötig, die notwendige stimmliche Schärfe.

Gutmütig und wohltönend gestaltete an ihrer Seite Thomas Jesatko den Barak. Vorbildlich seine herausragende Textgestaltung und -durchdringung. Jede Silbe erhielt so eine besondere Aussage. Dazu konnte er mit seinem warmen Stimmtimbre für sich einnehmen.

Die beste Gesangsleistung des Abends erbrachte der überragende Joachim Goltz, der seinem Geisterboten höchste stimmliche Autorität verlieh. Ausdruck und Stimmbeherrschung waren wieder einmal vorbildlich zu erleben.

Wenig markant hingegen die drei Brüder in der Gestaltung von Ilya Lapich (Einäugiger), Marcel Brunner (Einarmiger) und Raphael Wittmer (Buckliger).

Mit schönem Tenor überzeugte als Jüngling Juray Holly.

Dani Juris hatte seinen Chor wieder gut auf seine Aufgabe vorbereitet, so dass dieser durch seinen kultivierten Gesang überzeugte.

Große Begeisterung gab es zurecht für GMD Alexander Soddy, der es sich nehmen ließ, für diese Wiederaufnahme zahlreiche Striche zu öffnen, so dass es gut mehr als 20 Minuten zusätzliche Musik gab. Das großartige Orchester des Nationaltheaters Mannheim und Soddy sind eine hervorragende Kombination. Begeisternd in den Soli-Passagen, etwa in Violine oder dem elegischen Cello-Solo und dann auch gewaltig in den explosiven Tutti-Wirkungen. Hier mobilisierte Soddy alle Reserven und ließ das Orchester in einem unendlichen Farbreichtum ausmusizieren. Und das Orchester nutzte diese Gelegenheit, um seine hervorragende Spielkultur beeindruckend zu demonstrieren. Ein Dirigat und eine Orchesterleistung, die alles realisierten, was sich die begeisterten Zuhörer nur wünschen konnten.

Entsprechend groß war die Begeisterung für ihn und sein Orchester im gut besuchten Mannheimer Nationaltheater.

Dirk Schauß

 

 

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