Mannheim / Nationaltheater: „DAS RHEINGOLD“. Premiere am 09.07.

Die Götter. Foto: Christian Kleiner
Es ist schon beachtlich was sich das Nationaltheater während der letzten Monate vorgenommen hatte: eine Reihe von Schauspielen, der „Mannheimer Sommer“ mit Opern-Premieren und nun noch während des letzten Spielmonats vor der vierjährigen (?) Sanierungspause wird noch innerhalb von drei Wochen Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ gestemmt, klingt schier nach Torschlusspanik, fordert jedoch in allen Ehren allerhöchsten Respekt! Somit hatte heute der Vorabend „Das Rheingold“ seine publikumswirksame Premiere.
Im Interview der lokalen Presse bekannte bzw. äußerte sich die Regisseurin Yona Kim zu div. Themen der Ring-Produktion u.a. Wir haben einfach keine Bühne gebaut, erzählen im freien Raum von der Genese aus Gier, Hybris, Neid und Liebe. Es geht uns um menschliche Schwächen und Ängste. War der letzte Ring von Freyer eher ein Licht- denn ein Kulissen-Spektakel (Einspruch Euer Ehren meinerseits). Licht spielt auch bei mir immer eine große Rolle. Aber als die Idee aufkam, war ich sofort von der Idee besessen, dass das Orchester der Erzähler ist. Es weiß immer mehr als die Figuren selbst und kündigt mit Motiven das Kommende an. Das war meine ästhetische Entscheidung, die wirklich neu ist: Ich thematisiere das Orchester. Ich setzte ein Geisterorchester auf die Bühne, wir haben die Orchesterbestuhlung identisch nachgebaut, das ist unsere Welt. Die Instrumente aus dem Graben spielen auch oben eine Rolle. Wir haben sie als performative Akteure auf der Bühne verfremdet, etwa mit Mullbinden eingewickelt oder blutend. Ich habe dabei an Fluxus-Künstler gedacht, Paik, Ono oder Beuys. Die haben auch die Instrumente in neue Kontexte gestellt. Dadurch entstehen neue Wahrnehmungshorizonte. Das war für mich einer der Ansätze an den „Ring“ ranzugehen und dann hört man die Musik viel sinnlicher, konkreter, haptischer. So nähern wir uns dem Stück.
Soweit so gut die hehre Gedankenwelt der Dame, jedoch die unmissverständliche Realität? Meinem „alten“ Horizont wollten sich jene „Erkenntnisse“ nach hundertfach erlebten Wagner- und Ring-Aufführungen nicht erschließen, sei´s drum, es stimmte mich auch keineswegs traurig. Die Sache mit dem Licht, dachte ich zuweilen bei der spärlich ausgeleuchteten Bühne an Florestans verzweifelten Ausspruch: Gott, welch Dunkel hier. Nun jedoch zur Optik des Geschehens muss ich gestehen das war bisher meine szenisch langweiligste Rheingold-Aufführung, gedachte wehmütig der unvergesslichen „konzertanten“ Wiedergabe in Baden-Baden mit den phantastischen Sänger-Darstellern. Auf der Rückseite des Ring-Programms steht geschrieben: Die Männer und Frauen schauen in sprachloser Erschütterung dem Vorgang und der Erscheinung zu. Fürwahr schätzte der Großteil des Publikums gleich mir, ebenso. Wenig Personenregie, wohl keiner der Akteure hatten von Freias köstlichen Früchten genossen? Die Götter in weiß kostümiert (Falk Bauer), Fricka im Chanel-Kostüm, Freia im Mini räkelte sich sexy auf der roten Flügel-Attrappe, Froh und Donner in kurzen Hosen, Loge als Heino-Parodie, die Rheintöchter reizend in Gold-Minis agierten vor dem Trennvorhang mit den Lettern „Das Rheingold“, damit auch jeder Unbemittelte kapierte wo man sich befand? Auf der meist dunklen Bühne (Anna-Sofia Kirsch) wurden lediglich die Protagonisten ins rechte Licht gerückt, eine Video-Leinwand darüber zeigte sie live in Nahaufnahme sowie zusätzliche Einblendungen. Leben in die Bude kam erst zur Nibelheim-Szene, dessen Volk wurde jedoch akustisch wie optisch unterschlagen. Ansonsten machte sich nur Langeweile breit dazu nicht mal sonderlich gepflegt. Es war halt eine Farce nur und weiter nix! Mögen uns die weiteren Ring-Teile erleuchtende spannendere Erkenntnisse bringen?
Der nach Wien entschwindende GMD Alexander Soddy machte sich, dem NTM und uns Publikum den Ring zum Geschenk und nach dem letzten Vorhang zur „Götterdämmerung“ heißt es zumindest von ihm in der Oper Abschied nehmen. Mit sensiblem Gespür akribischer Orchesterführung und luftiger Variabilität z.B. beim Vorspiel das Grumeln aus den Wasser-Tiefen des Rheins leitete Soddy das bestens disponierte NT-Orchester in uneitler Interpretation durch die prächtige aussagekräftige Partitur. Ob nun zu impressionistisch flirrenden Streicher-Passagen, den Rumpelauftritten der Riesen, den schwelgerischen Momenten der Loge-Szenen gelang stets die orchestrale Balance zwischen Effekt, differenziertem Tiefgang äußerst überzeugend. FalschesPathos war Soddys Sache nicht trotz weniger überdimensionierter Forte-Eruptionen erklangen die instrumentalen Gewebe elastisch und transparent. Unangestrengt, wie selbstverständlich vernahm man die Klangarchitektur im dramatischen Fluss, jedoch auch die kleinen Patzer der Blechfraktionen waren vernehmlich.
Zwischen Graben und Bühne herrschte stets ungebrochener übereinstimmender Dialog, welcher im Verlauf an Spannung keineswegs nachließ. Zum vortrefflichen Orchester-Sound gesellten sich im Vokalbereich so manche spezifische Überraschung.
Somit möchte ich auch die sangliche Glanzleistung des Abends und zugleich den Publikums-Favoriten Joachim Goltz würdigen. Genial auf welch imposante Weise er seinen prächtigen Bassbariton zum Klingen brachte. In eindrucksvoller Demonstration verstand es der exzellente Sänger seine ausdrucksstarke, bestens fokussierte Stimme während der Dialoge mit Wotan und Loge markant zu präsentieren, eindringlich in akzentuierter Deklamation bestach Goltz zudem mit dem überbordenden Fluch.
Jene vorzüglichen Stimmattribute blieben Ks. Thomas Jesatko zuweilen verwehrt. Der bewährte Bassbariton beeindruckte zwar mit vortrefflichen Vokal-Nuancierungen des Göttervaters, doch flachte das Potenzial ab, Wotan verlor leicht ermüdet an Substanz und vokalen Farbgebungen. Wie wir alle sind Künstler Menschen und kommen unweigerlich in die Jahre!
Ironisch, hintersinnig, leicht ätzend präsentierte Jürgen Sacher die tenoralen Schattierungen des Loge. In markanter Vokalise schwang Nikola Discic Donners Hammer, mit hellem Tenor ließ Joshua Whitener den Froh vernehmen. Bestens in akzentuierter Artikulation schenkte Uwe Eikötter dem quengelnden Mime tenorales Profil. Eindrucksvoll formierten sich die Riesen Sung Ha (Fasolt) sowie Patrick Zielke (Fafner) mit profunden Bässen als potenzielle Vokal-Bauherren.
Sorry, die Damen zuletzt. Blass mehr Sopran als Mezzo war die Fricka von Jelena Kordic zu vernehmen. Strahlend hell erblühte der Sopran von Astrid Kessler als attraktive Freia. Pastosen dunklen Wohlklang schenkte Julia Faylenbogen den Mahnungen der Erda. In differenzierten Sopranlagen trieben die Rheintöchter Mirella Hagen (Woglinde), Rebecca Blanz (Wellgunde), Maria Polanska (Flosshilde) mit Alberich ihr frivoles Spiel und verrieten noch letztlich das „Betriebsgeheimnis“.
Mit zehnminütigem prasselndem Applaus, lautstarker Begeisterung feierte das Publikum im voll besetzten Haus alle Mitwirkenden, Ovationen für Goltz, Soddy und sein Orchester und schloss das Produktionsteam widerspruchlos mit ein. Nur erklärbar nach langer Pandemie und Wagner-Abstinenz tolerierte man gar selbst die fragwürdige Szenerie.
Gerhard Hoffmann

