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MANNHEIM: DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG

03.11.2018 | Oper

Bildergebnis für Mannheim Die Meistersinger von Nürnberg
Quintett. Copyright: Hans Jörg Michel

Mannheim: Die Meistersinger von Nürnberg  1.11.2018

Am Nationaltheater kam jetzt eine neue Meistersinger-Inszenierung auf die Bühne. Nach dem Skandal der Absetzung einer Inszenierung, die in Mannheim seit der Nachkriegszeit gespielt wurde und die ein Alt-Nürnberg mit Butzenscheiben zeigte, konnte sich die Nachfolgeinszenierung des früheren Mannheimer Schauspieldirektors Jens-Daniel Herzog, die größten Teils im Museum spielt, wo die Vorgänger-Inszenierung hinter Glas bestaunt werden konnte, in der Publikumsgunst nicht behaupten und wurde jetzt in der Intendanz Albrecht Puhlmann durch eine neue ersetzt. Puhlmann wählte sich als Regisseur den renommierten englischen Regisseur Nigel Lowery, der, auch für Bühne und Kostüme zuständig, nicht auf Teamarbeit setzte, sondern seine eigene Konzeption ohne Abstriche durchsetzen konnte. Es beginnt quasi mit einem Schock: wann hat man schon einmal das Innere der rekonstruierten Katharinenkirche und auch noch in gemalten Kulissen gesehen, die in dem ganzen ersten Aufzug als Bühnenbild fungiert? Sie ist etwa mittig ‚aufgeschnitten‘, und dieser Querschnitt ergibt einen Guckkasten für die gesamte Aufführung vor. Durch einen meist von David auf- und zugezogenen Vorhang wird dieser Guckkasten von der Vorderbühne, den Proszeniumslogen und den 1.Reihen im Zuschauerraum, die auch bespielt werden, abgeteilt. Bald stellt sich aber heraus, dass das Kirchenschiff mit Säulen von Lowery wie Zitate oder Metaphern aufgefasst werden, denn er will  eine geistesgeschichtlich philosophisch unterfütterten Kosmos für seine  Meistersingerwelt creieren. Nicht ohne dabei auch mal anzuecken, wenn immer wieder in großer Höhe ein kleiner Satellit oder Fliegende Untertasse vorbeisteuert. Wenn David Walther die skurrilen Meistersingerweisen erklärt, entfalten die Lehrbuben hektische Aktivität,indem sie  etwa Heiligenfiguren heraustragen, was als Anspielung auf die Reformation gesehen werden kann.Leitmotivartig tritt auch ein Leichenzug mit einem Sarg auf, der auch Beckmesser final von der Bühne holt. (Dieser taucht aber wieder zum Schlußgesang neben Sachs als auch zu ehrender Meister auf.) Wenn Walther seine Lieder vorsingt, fängt die Kirche im Takt dabei zu schwanken an. Die Lehrbuben sind später unisex in bunte Pagengewänder gekleidet, während die Meistersinger in kostbaren Renaissancekostümen herumstolzieren, am fantastischsten vielleicht der Pogner in seinem gelben aufgebauschten weiß verkrausten Kleid, während Beckmesser in schlichter schwarzer Kutte mit langen Bäffchen firmiert, und Sachs wie ein Eremit in seinem roten kuttenartigen Mantel wirkt, mit langen weißen Haaren und Bart, womit auf seinen Verzicht und Nächstenliebe angespielt wird (Schopenhauer).

Im 2.Akt könnte das Pognerhaus an Hitlers Geburtshaus in Braunau erinnern, in seinem schon leicht barocken Stil. Das Sachs-Haus ist eigentlicht nicht vorhanden, nur ein Fenster in der Vorderwandbegrenzung, an der auch ein eiserner Pelzstiefel (!) hängt. Gemalte Fliederbüsche werden hereingefahren und dienen als mobiles Versteck für das Liebespaar. Die Prügelszene wird mit Puppen gespielt, die sich gegenseitig verkloppen, und der Nachwächter fliegt in einem Raumschiff durch die Nacht. Die Schusterstube ist dann eine wie auf einem Reißbrett mit weißem Stift auf schwarz gezogenes geometrisches Gebilde, Beckmesser erschrickt hier über ein Frettchen, Sachs‘ Haustier. Bei der Taufe der neuen von Walther erdachten Strophe schütten sich die GevaterInnen tatsächlich Wasser über die Köpfe. Die Festwiese findet vor einem großen halbsurrealistischen Gemälde mit Lauten statt. Zur Sachs-Ansprache verschwinden die Chöre aus ihren Proszeniumslogen, keiner hört ihm zu. Erst zum Ende umspringen sie in einer ausgeklügelten Choreographie Sachs und die Meistersinger. Das erscheint fast wie großes Welttheater.

Das Orchester steuert dazu eine gewaltig superbe Untermalung bei. Schon das Vorspiel nimmt GMD Alexander Soddy oft ganz federnd leicht und arbeitet auch Nebenstimmen heraus, die sonst vielfach untergehen. Auch wirkt manchmal der harmonische Anteil der Baßstimmen (besonders der Tuben) viel prägnanter. In der Begleitung der SängerInnen zeigen sich die Orchestralen auch ganz gewieft, so daß ein ganz packender Abend entsteht. Die guten und sicher intonierenden Chöre werden von Dani Juris instruiert. 

Bildergebnis für Mannheim Die Meistersinger von Nürnberg
Astrid Kessler und Thomas Jesatko. Foto: Hans Jörg Michel

KS Thomas Jesatko singt seinen Sachs mit breitem baritonalem Flair und gibt auch den Monologen bedeutungsschwangeren Gehalt. Den Pogner gibt Sung Ha mit schön prononciertem Baß, den Kothner Thomas Berau im Bäckeroutfit und herausgestiltem Baßbariton. Joachim Goltz ist mit hellem metallisch glänzendem Bariton als Beckmesser unterwegs. Die Meistersinger geben ein erstklassiges musikal. Ensemble ab. Bartosz Urbanowicz ist mit Samtbaß auch der Nachtwächter. Den Stolzing gibt Tilmann Unger stattlich mit eigentlich hübschem Timbre, wird aber nachträglich als erkältet angesagt und singt die finalen Preislieder glanzlos. Christopher Diffey ist ein rollendeckender David und hat tenoral alles in feinem Griff. Astrid Keßler ist eine liebe Eva.Sie muß aber immer ihre Runden auf gerader Linie drehen. Auf der Festwiese mutiert sie im weißen Pagengewand zur reiferen Person. Stimmlich läßt sie ihren Sopran lieblich aufblühen und kann auch das Quintett der Gevaterinnen beim Taufspruch gefühlvoll anführen.

Als Magdalene ist Marie-Belle Sandis auch in flottem Einsatz,mit einem frischem ausdrucksvollen Mezzo begabt. Als Beckmessers Laute ist Eva Wambacher mit animiertem Spiel im Einsatz.                       

Friedeon Rosén

 

 

 

 

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