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MANNHEIM: DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG

Ein Fest der Verwandlungen

21.01.2019 | Oper

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Foto: Hans Jörg Michel

Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ am 20.1.2019 im Nationaltheater/MANNHEIM

EIN FEST DER VERWANDLUNGEN

Der Brite Nigel Lowery (Regie, Bühne und Kostüme) präsentiert hier eine Inszenierung, die durch erstaunliche szenischen Einfälle und visuelle Überraschungen besticht. Es ist auch eine Reise durch verschiedene Zeiten der Jahrhunderte. Und man glaubt Lowery, wenn er beteuert, dass er deutsche Kunst liebe. So sieht man gleich zu Beginn an der Decke eine Art Raumschiff Enterprise schweben, zu dem Eva Pogner ganz erstaunt emporblickt. Im Hintergrund blitzen dann die Sterne eines riesigen Weltalls hervor, das sich allmählich in eine mächtige Kirchenkathedrale verwandelt, deren Ansicht sich hin- und herbewegt. Einmal meint man sogar, dass die ganze Kirche versinkt. Häuser erscheinen plötzlich verkleinert, man erkennt das berühmte Moulin Rouge in Paris – und die Protagonisten gefallen sich in immer neuen Kostümen bis hin zur Lido-Tänzerin. Selbst ein Bär ist zu erkennen. Manchmal schneit es auch – und wenn der Flieder blüht, fällt in sphärenhafter Weise Blütenstaub herab. Der Nachtwächter hat einen Totenschädel und reitet mit seinem skelettierten Pferd in den schwarzen Nachthimmel. Junge Liebe tritt hier gegen die Starrheit des Alters an.

Die beiden Rivalen Walther von Stolzing und Sixtus Beckmesser bestimmen die  „Liebeshandlung“. Der junge Liebhaber trickst dabei den alten Schwerenöter am Ende aus – das erinnert zuweilen schon stark an die Commedia dell’arte. Und so inszeniert Nigel Lowery es auch. Komik beherrscht bei dieser gelungenen Aufführung auch die Auseinandersetzung zwischen Eva und ihrem Vater Veit Pogner, wobei der Generationenkonflikt offen hervorbricht. Pogner stellt Glanz und Gloria Nürnbergs über das Glück seiner Tochter. Dieses Problem wird in der Inszenierung plastisch herausgearbeitet. Da ein weiterer Konflikt in der Kunst besteht, prallen die Gegensätze zwischen den Nürnberger Meistern und Walther von Stolzing heftig aufeinander.

Von diesen starken Spannungsverhältnissen lebt Nigel Lowerys Inszenierung, die den Zuschauer zu einer neuen Beschäftigung mit Wagners Meisterwerk anregt. Trotz der fast spielerisch anmutenden Fülle der szenischen Einfälle bleibt aber nichts dem Zufall überlassen. Man spürt, wie stark das Alte vom Neuen abgelöst wird. Hans Sachs hat sich diese fast revolutionäre Entwicklung auch bei dieser Inszenierung deutlich auf die Fahnen geschrieben. Er durchschaut den Wahn in seinem „Wahnmonolog“. Das historische Nürnberg wird in seiner Inszenierung als Theater auf dem Theater präsentiert. Bühne und Kostüme nehmen bei Lowery zwar Bezug auf das „Alte Nürnberg“, aber es werden auch historische Ereignisse wirkungsvoll zitiert. Lehrbuben räumen Heiligenfiguren aus der Kirche. Das erinnert dann an den Bildersturm der Reformation. Auf der anderen Seite besticht das „reinigende Wasser der Taufe“ mit Bezügen zu Gewitter, Sturm und Regen. Nur Walther von Stolzing kann auch hier zwischen Vergangenheit und Zukunft vermitteln. So weist Walther am Ende die Meisterwürde von sich und sagt zu Pogner: „Will ohne Meister selig sein!

Überhaupt gehört die gewaltige Schluss-Szene neben der exzessiv gestalteten „Prügelfuge“ zu den stärksten Einfällen von Lowerys Inszenierung. Man spürt, dass Hans Sachs hier die alles überragende Figur ist. Walther verdankt ihm auch das großartige Preislied. Die „Ehrenrettung der deutschen Meister“ gewinnt in Hans Sachs‘ Schlussmonolog ein großes Format. Nigel Lowery betont bei seiner interessanten Inszenierung vor allem das Monumentale und Überdimensionale bei Wagner – Elemente, ohne die sein Werk nicht richtig zu verstehen ist.

Der britische Dirigent Alexander Soddy arbeitet mit dem gut disponierten Orchester des Nationaltheaters Mannheim die dynamischen Gegensätze der Partitur überzeugend heraus. Auch der diatonische Klangcharakter kommt nicht zu kurz. Die Marsch-Rhythmik triumphiert im Schlussbild in imponierender Weise. Die schwärmerische Gefühlswelt Evas und Walthers wird teilweise ganz hervorragend herausgearbeitet. Hier erreichen Astrid Kessler als Eva und der wie ein junger Siegfried daherkommende Walther von Stolzing in der Darstellung von Tilmann Unger gesangliche Glanzpunkte und Höhenflüge. Schwellende Nonenakkorde bekommen sphärenhafte Dimensionen – und es gelingt dem sensiblen Dirigenten Alexander Soddy, die Sänger mit dem Orchester wie auf Händen zu tragen. Soddy betont auch die kammermusikalischen Momente dieses Werkes treffsicher, denn Wagner hat das Blech hier ja sparsam verwendet. So können auch die anderen Sänger gut mit den enormen Herausforderungen ihrer Rollen umgehen. Thomas Jesatko als Hans Sachs singt mit voluminösem Bass und klarer Diktion seine schwierige Rolle, deren Prägnanz im Laufe des Abends immer mehr zunimmt. Für Soddy besteht bei den „Meistersingern“ auch eine spürbare Nähe zu Richard Strauss. Für ihn ist es eine Oper, die Humanität ausstrahlt. Das zahlt sich für Sängerinnen und Sänger hier immer wieder in ganz besonderer Weise aus. So bilden Sung Ha als Veit Pogner, Samuel Levine als Kunz Vogelgesang, Rainer Zaun als Konrad Nachtigall, Joachim Goltz als Sixtus Beckmesser, Thomas Berau als Fritz Kothner, Uwe Eikötter als Balthasar Zorn, Koral Güvener als Ulrich Eisslinger, Raphael Wittmer als Augustin Moser, Marcel Brunner als Hermann Ortel, Dominic Barberi als Hans Schwarz und Bartosz Urbanowicz als Hans Foltz einen in sich stimmigen und überaus klangfarbenreichen Meistersinger-Reigen. Die vokalen Glanzpunkte werden hierbei immer wieder klug gesetzt, das Orchester verdeckt die Singstimmen keineswegs. Es herrscht eine angenehme klangliche Balance zwischen Leichtigkeit, Komödie und tiefgründigen Gedanken. Das zeigt sich gerade beim melancholischen Vorspiel zum dritten Aufzug. Doch auch die kontrapunktischen Höhenflüge des Vorspiels zum ersten Aufzug arbeitet Alexander Soddy eindringlich heraus, wenngleich sich das Niveau des Orchesters im Laufe des Abends dann doch noch erheblich steigert. Vor allem das Sehnsuchtsmotiv Walther von Stolzings könnte dabei noch leidenschaftlicher sein. Im zweiten Akt besticht die wunderbare Sommernachtstraumstimmung eines Juniabends in bewegender Weise.

Vom Geist der genialen Polyphonie leben vor allem die ausgezeichnet gesungenen Chorpassagen (Einstudierung: Dani Juris), wo die Chöre des Nationaltheaters Mannheim in prachtvoller Wucht brillieren. Alexander Soddy verliert als umsichtiger Dirigent hier aber auch das szenische Gleichgewicht nie aus den Augen (Dramaturgie: Cordula Demattio, Albrecht Puhlmann).

In weiteren Gesangsrollen gefallen Bartosz Urbanowicz als unheimlicher Nachtwächter, Christopher Diffey als verschmitzter Lehrbube David, Marie-Belle Sandis als Evas Amme Magdalene und Eva Wombacher als Beckmessers Laute. Auffallend ist ferner, dass gerade bei den turbulenten Beckmesser-Szenen die Handlung teilweise im Zuschauerraum stattfindet. Die ausgelassenen Lehrbuben beleben die Szenerie ebenfalls (Monika Fuhrmann, Mariko Kimura, Gerda Maria Knauer, Brigitte Rackowitz, Malaika Ledig-Schmid, Anja Wollenweber, Giorgi Bekaia, Jeongkon Choi, Kyung-Rak Jeong, Bertram Kleiner, Jarno Lehtola und Xuecheng Zhang).

Fazit: Alles in allem ist es eine in sich stimmige Inszenierung, die allerdings zuweilen an einer allzu großen szenischen Fülle leidet. Trotzdem erkennt man deutlich die künstlerische Kernaussage. Auffallend wird zudem betont, wie der listige Tanz dieser Lehrbuben durch den großmächtigen Aufzug der Meistersinger unterbrochen wird. Alexander Soddy hat außerdem einen ausgeprägten Sinn für einzelne Passagen wie das Festtags-, Ritter- und Liebesmüh-Motiv. Bei Walther ist der Lenz tatsächlich der Formbildner. Das Neid-Motiv Beckmessers wird von Joachim Goltz ebenfalls ausgezeichnet akzentuiert. Die tänzelnden Umbildungen präzisieren die humoristischen Ansätze dieser insgesamt doch imponierenden Aufführung. Das Publikum dankte mit Ovationen.       

Alexander Walther

 

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