Buchbesprechung:
Manfred STOY, DIE WIENER STAATSOPER 1938-1945
Band 2: 1. September 1938 – 2. April 1941
Erschienen 2025 beim Verlag Der Apfel, Wien. Hardcover 503 Seiten

Mit einiger Verzögerung – der erste Band wurde 2017 publiziert, im gegenständlichen Werk findet sich die Angabe 2022 zur Fertigstellung des Manuskripts – ist nun der zweite Band der akribisch recherchierten Monografie des Wiener Historikers und langjährigen Leiters namhafter wissenschaftlicher Bibliotheken, Dr. Manfred Stoy zur Geschichte der Wiener Staatsoper in den schicksalhaften Jahren 1938-1945 erschienen. Er schließt chronologisch unmittelbar an den ersten Band an und umfasst den Zeitraum vom 1. September 1938 bis zum 2. April 1941, dem Datum des formalen Endes der Direktion Strohm.
Auf 479 Seiten (das ausführliche Personenregister umfasst zusätzlich noch einmal 23 Seiten) wird vom Autor eine Geschichte der Wiener Staatsoper auf Basis sorgfältig aufgearbeiteten Quellenmaterials zu den unterschiedlichsten Aspekten nacherzählt. Dabei wurde das übersichtliche Konzept des ersten Bandes weitgehend beibehalten, demgemäß die Kapitel jeweils zeitlichen Abschnitten entsprechen – hier sind es drei, die Spielzeit 1.9.1938 bis 30.6.1939, der Übergangszeitraum September 1939 bis 31.3.1940 und die Ära Strohm vom 1.4.1940 bis 2.4.1941. – in denen das Material nach Themenblöcken geordnet aufgearbeitet wird, die sich in jedem Kapitel wiederfinden (dabei ein wenig an das gute alte Karteikasten-System erinnernd). Unter diesen findet sich etwa zu Erwartendes wie „Dirigenten“, „Sängerinnen“, „Sänger“, aber auch „Publikum“, „Premieren“ oder „Finanzen“ und „Technisches“ und machen somit gemeinsam ein denkbar breites Spektrum der Darstellung auf. Als besonderer Bonus finden sich für diesbezüglich Interessierte auch grobe Zusammenstellungen der Spielpläne der Staatsoper jener Jahre, mit Angaben zu den Besetzungen.
Insgesamt wird das Werk dadurch aber nicht zum Register: es ist eine Chronologie, nach Themen geordnet, eine Chronologie, die zwar aufgrund der Fülle der verarbeiteten Quellen sehr dicht und inhaltsreich geraten ist – Stoy arbeitet auch mit zahlreichen unmittelbaren Zitaten, dank des großen erzählerischen Geschicks des Autors aber auch durchwegs spannend und kurzweilig lesbar ist. Insbesondere ist der im zweiten Band angeschnittene Zeitraum geprägt von der nach dem ersten, buchstäblich überfallsartigen Systemwechsel schrittweisen Erfassung aller gesellschaftlichen Bereiche der braunen Diktatur, was für die Verantwortlichen in der Oper bedeutet hat, dass sie die Aufrechterhaltung des Betriebs gewährleisten mussten, während sich die Machtverhältnisse der unterschiedlichen Stellen von Staat und Partei erst etablierten und im Kleinen teilweise höchst unübersichtliche Rahmenbedingungen erzeugten.
Die Vielfalt der angerissenen Aspekte beeindruckt und regt zugleich zum Schmökern an – die erwähnte übersichtliche Struktur und das Personenregister ermöglichten es aber andererseits, dort direkt hineinzu“springen“, wofür man sich besonders interessiert und anders möglicherweise zu überblättern. Zudem bieten sich die thematischen Unterkapitel für ein vergleichendes Studium zwischen den Zeitabschnitten an. (Und eher als „Nebenprodukt“ wird beim Lesen wieder einmal deutlich, wie kurzlebig die Zunft als solche doch ist, machen doch die zahlreichen Namen, seien es Künstler, seien es Werke, staunen, die seinerzeit populär waren, heute aber gänzlich vergessen sind – während einige wenige bis in die Gegenwart nichts von ihrer Bekanntheit eingebüßt haben.)
Einige aussagekräftige Abbildungen runden den Gesamteindruck ab, der Schwerpunkt liegt aber unmissverständlich auf dem geschriebenen Wort.
Somit ist der Band, präzise, wie er gearbeitet ist, sowohl für weiterführende wissenschaftliche Arbeiten geeignet als auch für Laien, die sich aus welchen Motiven auch immer für die Geschichte der Wiener Staatsoper oder für die Kultur im Dritten Reich (oder für beides) interessieren, nachdrücklich zu empfehlen. Bedauerlich angesichts der hohen Qualität des Gesamtwerks ist nur, dass der Autor dort, wo er – an wenigen Stellen – vom selbst gefassten Vorsatz, in seiner „Quellenedition in Prosa“ (Zitat) keine Wertungen vorzunehmen, abweicht, sich gelegentlich eigenartig unbefangener Formulierungen bedient, die die aktuelle wissenschaftliche Sicht vom „Funktionieren“ der Nazi-Herrschaft durch das Zusammenwirken aller Bereiche der Gesellschaft (also nicht nur derer „da oben“) anscheinend nicht ganz rezipieren: wenn etwa davon die Rede ist, (ausschließliches?) Ziel der Staatsoper sei es gewesen, „den Menschen in dieser trostlosen Zeit Freude und damit die Zuversicht auf bessere Zeiten zu geben“ (Seite 9) und die enorme propagandistische Instrumentalisierung jedweden künstlerischen Schaffens im „System“ ausgeblendet bleibt – um ein Beispiel zu nennen, das im Vorwort ins Auge sticht. Ebenfalls mag die eher ungewöhnliche Auseinandersetzung des Autors mit den Rezensionen zu seinem ersten Band, denen er sich ebenfalls im Vorwort widmet, irritieren: einmal wegen des Tonfalls und wegen der „Empfehlungen“, die der Autor Rezensenten für das Herangehen an sein Werk gibt, und dann, weil der Leser die Kritiken zum ersten Band ja nicht kennt und somit keine Möglichkeit hat, sich selbst ein entsprechendes Bild über den Diskurs zu machen.
Summa summarum bleibt zu hoffen, dass die Energie von Autor und Verlag auch für die Darstellung des nun noch offenen Zeitraums vom April 1941 bis zum Ende der Naziherrschaft in den angekündigten weiteren Bänden reicht, zumal das wichtige Projekt bislang keine Unterstützung der öffentlichen Hand erhalten hat.
Valentino Hribernig-Körber

