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MAINZDom St. Martin: 9. SINFONIEKONZERT mit G. Gabrieli und Puccini

31.05.2026 | Konzert/Liederabende

Mainz: 9. Sinfoniekonzert („Italienischer Dom“ mit G. Gabrieli und Puccini) 29.5.2026

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„Italienischer Dom“. Copyright: Anneliese Schürer

Dass das Philharmonische Staatsorchester Mainz seit Jahren zu einem seiner Sinfoniekonzerte in den Mainzer Dom St. Martin wechselt und der GMD zumeist dem Domkapellmeister das Dirigat überlässt, ist inzwischen eine gute Tradition. In gewisser Weise revanchiert man sich damit für die Mitwirkung des Knaben- und Mädchenchores in zahlreichen Opernproduktionen des Mainzer Staatstheaters. Und man kann geistliche Werke zu Gehör bringen, die von ihrer Natur her eher in die Kirche gehören als auf die Konzert- und Theaterbühne.

Damit sind wir schon in der Problematik des 9. Sinfoniekonzertes, das unter dem Motto „Italienischer Dom“ sehr verschiedene Musik von Giovanni Gabrieli und Giacomo Puccini vereinigt und damit vor reichlich Publikum zwei wichtige Repertoirelücken zu schließen sucht. Die von Andrea Gabrieli und seinem Neffen Giovanni am Markus-Dom in Venedig entwickelte Mehrchörigkeit gehört schließlich zu den zentralen Voraussetzungen für die weitere musikalische Entwicklung im 17. Jahrhundert. Großen Eindruck auf die Zeitgenossen hinterließen die „Symphoniae Sacrae“, zwei umfangreiche Sammlungen von Vokalstücken und Instrumentalwerken, die 1597 und 1615, drei Jahre nach Gabrielis Tod herauskamen.

Gabrielis 5-stimmige Motette “In Ecclesiis“ aus deren zweitem Band und die Canzone Nr. 16 für drei Chöre hat der italienische Komponist Bruno Maderna (1920-1973) für Sinfonieorchester bearbeitet – offensichtlich in der Absicht, sie im traditionellen Konzertsaal spielbar und vor allem durchhörbar zu machen. Mit dem Transfer dieser filigran konzipierten Fassungen in den halligen Mainzer Dom ist Gabrielis Musik nicht gedient. Da das Orchester geschlossen im Westchor sitzt, verschwimmen die melodischen Linien der Einzelstimmen, das Blech dröhnt, der Streicherklang wird schwammig, und der wichtige räumliche Kontrast zwischen den einzelnen Instrumentalgruppen, der auf der Theaterbühne immerhin noch zu sehen wäre, geht verloren. Hier wäre ein Arrangement speziell für den Mainzer Dom sinnvoller gewesen.

Deutlich klarer in den Konturen wirkt danach Puccinis frühe Messe, die er schon mit 21 Jahren fertigstellte.  In diesem Zusammenhang nimmt man dann endlich einmal zur Kenntnis, dass Puccinis Urgroßvater, Großvater und Vater als Kirchenmusiker an der Kathedrale von Lucca wirkten und dass dem großen Opernkomponisten eigentlich die Fortführung dieser Tradition zugedacht war. Nach der Uraufführung 1880 in Puccinis Geburtsort Lucca verschwand das Werk  völlig aus dem Blick; die Partitur wurde erst 1945 von Puccinis Freund Dante del Fiorentino wiederentdeckt und sechs Jahre später von ihm publiziert. Fiorentino nannte sie „Missa di gloria“ wegen des breit auskomponierten Gloria-Abschnitts. Das Kyrie ist die Umarbeitung einer Motette, die Puccini mit 20 Jahren zum Fest des Heiligen Paulinus von Lucca schrieb; das Credo war ebenfalls aus diesem Anlass entstanden. Erstaunlich zu hören ist, wie unbefangen und eigenwillig der junge Puccini den traditionsbeladenen Messetext angeht. Ungewöhnlich beschwingt, geradezu tänzerisch beginnt das Gloria; auch die Passage „qui tollis peccata mundi“ („der du trägst die Sünden der Welt“) wirkt zuversichtlich und unbeschwert, während das Credo mit ungewohnter Düsterkeit anhebt. Sanctus und Benedictus werden nach soviel Bedeutungsschwere zügig absolviert  Besonders erstaunlich ist am Ende das kurze, fast tänzerische Agnus Dei. Nur die große Schlussfuge des Gloria ist im traditionellen strengen Kirchenstil nach Fugenart komponiert. Es ist ein weltzugewandter, lebensfroher, beinahe gelassener  Katholizismus, der aus dieser Musik herausklingt – weit weg auch von der elegischen Stimmung des Verzichts, die aus vielen Passagen von Puccinis Opern spricht.

Den Chorpart bestreiten gemeinsam die Domkantorei, die Männerstimmen des Mainzer Domchors und das (von Michael Kaltenbach vorbereitete) Vokalensemble des Mädchenchores am Dom und an St. Quintin. Domkapellmeister Karsten Storck am Dirigentenpult sorgt für einen sauberen, warmen, aber immer noch schlanken Chorklang, für präzises Zusammenspiel von Chor und Orchestern, für Durchhörbarkeit und eine organisch wirkende Steigerungsdramaturgie. Zwei Einwände gilt es leider zu machen: Die beiden Gesangssolisten Antonello Palombi und Tim-Lukas Reuter fügen sich mit ihrem opernhaften Gesang nicht gut in Gesamtklang und Stimmung. Palombis Heldentenor wirkt sehr gepresst und unter Hochspannung – „als müsse er die Arena von Verona bespielen“, wie eine Hörerin bemerkt. Ärgerlich ist auch der Verzicht auf den Abdruck des lateinischen Originaltextes mitsamt einer deutschen Übersetzung. Natürlich wiederholt sich der lateinische Messtext in allen Vertonungen so oder so ähnlich. Aber die traditionelle Liturgie kommt im regulären Gottesdienst gar nicht mehr vor, immer weniger Menschen gehen überhaupt in die Kirche und die allermeisten verstehen auch kein Latein. Wer neues Publikum, gerade auch unter jüngeren Leuten, erschließen will, sollte hier keine Barrieren aufbauen. Die Kenner hätten ebenso etwas davon; denn spannend ist ja auch, wie die einzelnen Textpassagen im einzelnen vertont, ausgedeutet oder gar weggelassen werden. Merkwürdig, dass in der sonst so wachen Staatstheater-Dramaturgie niemand darauf geachtet hat!

Andreas Hauff

 

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