Mainz: „Symphonie Fastnachtique“ (Faschingskonzert) 8.2.2026

Lars Reichow. Foto: Anneliese Schürer
„Symphonie Fastnachtique“ – nein, das ist nicht das bekannte Werk von Hector Berlioz, sondern ein spezielles Mainzer Konzertformat, dessen Namen auf die „Symphonie Fantastique“ des französischen Komponisten anspielt. Als letztere im Oktober tatsächlich einmal auf dem Konzertprogramm stand, führte das in Mainz zu zahlreichen Versprechern. Denn inzwischen ist die „Symphonie Fastnachtique“ (neben der Fastnachtsposse des Mainzer Carnevalsvereins) am Mainzer Staatstheater fester Bestandteil des Konzert- und Theaterkalenders in der närrischen „fünften“ Jahreszeit. Inzwischen wird sie an drei Tagen hintereinander im Großen Haus gegeben und ist dreimal restlos ausverkauft.
Das liegt nicht nur an der typisch rheinischen Neigung zu Karneval (=Fasching) oder „Fassenacht“ (wie man im Mainzer Dialekt sagt), sondern auch am besonderen Profil der Veranstaltung, die in der Programmwahl dem Wiener Neujahrskonzert oder der Londoner Last Night of the Proms nahesteht, aber auch mit traditionellen Elementen des rheinischen Sitzungskarnevals angereichert ist. Das Publikum kommt in Verkleidung, und nach der Pause sind auch die musikalischen Akteure maskiert. Ähnlich dem Sitzungspräsidenten führt traditionell der Mainzer Kabarettist Lars Reichow durch die Veranstaltung: er nutzt dann die Gelegenheit auch zu amüsanten, zuweilen bissigen und manchmal auch ernsthaften Anmerkungen zu Gesellschaft und Politik. Zu letzteren gibt es heuer durchaus Anlass, gilt es doch,in einem zunehmend aufgeheizten gesellschaftlichen Klima das rheinische Toleranz-Prinzip „Leben und Leben Lassen “zu bewahren. Auch die Sammlung für die Mainzer Ukraine-Hilfe am Theater-Ausgang erinnert daran, dass Witz und Humor den Ernst der Weltlage nicht völlig ausblenden können. Indessen kommt auch das Konzertpublikum nicht ungeschoren davon. Reichow propagiert eine „Golden Audience Card“, die es dem stolzen Besitzer erlaubt, mit beliebiger Verspätung einzutreffen und trotzdem in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Damit verbunden sein soll auch das Recht, rücksichtslos hustende Personen unverzüglich vom Saalschutz entfernen zu lassen. Die Bemerkung sitzt; das anfängliche Erkältungsgebell im Auditorium lässt gleich merklich nach.
Das Dirigat der „Symphonie Fastnachtique“ ist traditionell Chefsache; der langjährige GMD Hartmut Bäumer übernahm diese Tradition von seiner Vorgängerin Catherine Rückwardt; nun ist sein Nachfolger Gabriel Venzago an der Reihe. Dass Venzago schon bei Amtsantritt (augenzwinkernd ?) erklärt hat, er zittere deutlich mehr vor der Kostümwahl als vor seinem ersten Einsatz beim Philharmonischen Staatsorchester Mainz, erhöht natürlich schon im Vorfeld die Spannung. Dass über dieser zentralen Frage die Musik als solche nicht in den Hintergrund tritt, dafür sorgt zum einen die erste Konzerthälfte in Konzertkleidung. Auch die erwähnte Tradition der Saalfastnacht erweist sich als hilfreich; da ist nämlich ein heiteres und angeheitertes Publikum oftmals zu später Stunde noch in der Lage, feingeschliffene Pointen zu entdecken und zu beklatschen.
Und tatsächlich wartet das Philharmonische Staatsorchester mit musikalischem Feinschliff auf. Zuerst bei Antonin Dvořáks groß besetzter, temperamentvoller und facettenreicher Ouvertüre „Karneval“ op. 92, in der es weniger um äußere Begebenheiten geht als um eine Lebenseinstellung. Dann bei einer abwechslungsreichen kleinen Suite von sieben kammermusikalisch geprägten Walzern aus Johannes Brahms’ „Liebeslieder“-Zyklen op. 52 und 65 in der Instrumentalfassung des Komponisten. Und schließlich bei einer echten Rarität; nämlich Joseph Lanners bemerkenswertem Walzer „Die Mozartisten“ op. 196 aus dem Jahr 1842. Das Stück ist ein originelles Potpourri von Motiven aus „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni “, und es war nicht zum Tanzen, sondern als geistreiche Hommage an den Komponisten Mozart gedacht. Der Reiz für den Hörer liegt im Wiedererkennen der Zitate und in deren kompositorischer Verarbeitung. Erstaunlich ist, wie Lanner am Ende den ausgedehnten polyphonen Allegro-Teil der „Zauberflöten“-Ouvertüre in den walzerüblichen Dreiertakt versetzt. Das Orchester spielt das so selbstverständlich und exakt, dass man sich als Hörer erst einmal wundert, was da eigentlich nicht stimmt Als Abschluss vor der Pause erklingt dann gleich ein weiteres Potpourri: „Straussiana“ von Erich Wolfgang Korngold – eine Hommage an den Walzerkönig Johann Strauss in der Satzfolge Polka – Mazurka – Walzer, aber diesmal mit Ausschnitten aus Strauss’ wenig gespielten Bühnenwerken „Fürstin Ninetta“, „Cagliostro in Wien“ und „Ritter Pasman“. (Das musste ich nachlesen, ein ordentliches Programmheft gibt es nicht, und der Moderator hat es leider nicht erzählt.)
Lange dauert nach der Pause der Wiedereinzug des Orchesters. Sukzessive betreten die Mainzer Philharmoniker in Verkleidung die Bühne – oft zu zweit oder in kleinen Gruppen. In den Schlagwerkern und Paukisten erkennen wir die klassischen Figuren aus dem Kinderbuch „Der Zauberer von Oz“: Das Mädchen Dorothy, die Vogelscheuche, den Blechmann und den Feigen Löwen. Die Klarinettisten erscheinen als das legendäre Pop-Duo „Modern Talking“ mit Spielzeug-Gitarren. „Hänsel und Gretel“ bringen ihr Fagott gleich mit und spielen den „Abendsegen“ aus Engelbert Humperdincks gleichnamiger Oper. Trompetengeschmetter aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre begleitet den Einzug einer Blechbläsergruppe, die mit Steckenpferden ein kleines Hindernis vor dem Dirigentenpult zu überwinden sucht. Eine größere Gruppe von Eisbären ist der 2. Geige zuzuordnen; mit einem deutlich sichtbaren Schild „Grönland den Eisbären“ reagiert sie auf die imperialen Gelüste des im Weißen Haus in Washington residierenden Operetten-Königs. In Erik Raskopfs Inszenierung von Leoš Janáčeks „Schlauem Füchslein“ zum Ende der letzten Spielzeit hat sich begreiflicherweise die Bratschengruppe verliebt; wir erblicken einen großen Teil der malerischen Tiermasken aus dieser Produktion. Viele weitere Verkleidungen zeigen: Kostümabteilung und Maske des Staatstheaters sind einmal mehr zur Hochform aufgelaufen.
Alles wartet nun auf den Auftritt des Chefdirigenten – bis er als Deux ex Machina aus dem Theaterhimmel herabschwebt, verkleidet als das Gutenberg-Denkmal auf dem Theater-Vorplatz. Das Kostüm ist einerseits naheliegend – „Gutenberg-Platz“ ist ja sogar die offizielle Postadresse des Theaters – , andererseits gewagt, nicht nur wegen des Flugaktes, sondern auch, weil die würdevoll steife Denkmalfigur mit der linken Hand auf dem Rücken so gar nicht zum dirigentischen Temperament des 35-jährigen Gabriel Venzago klappt. Doch der GMD beherrscht sich und dirigiert mit reduzierter Gebärdensprache und sanft wippenden Fußsohlen den zweiten Teil des Konzerts, der aus dem mitteleuropäischen Repertoire hinausführt. Von dem US-Amerikaner Leroy Anderson stammt das munter swingende „Sandpaper Ballet“: Drei Schlagzeuger aus dem Lande Oz mit je zwei Stück Schleifpapier in den Händen konzertieren vorne an der Bühnenkante vergnügt untereinander und mit dem Orchester. Erfinderisch loten sie die Ausdrucksnuancen ihres schlichten Instrumentes aus. In die ehemalige Sowjetunion führt die 1941 entstandene Schauspielmusik des gebürtigen Armeniers Aram Khatchaturian zu dem Schauspiel „Masquerade“ des russischen Romantikers Mikhail Lermontov. Das Orchester spielt daraus den mondänen Walzer und den witzigen Galopp. Anspruchsvolle Minimal Music erklingt mit dem ausgedehnten Foxtrott „The Chairman dances“ aus John Adams’ Oper „Nixon in China“. Den Abschluss des regulären Konzertprogramms bildet mit lebhafter lateinamerikanischer Rhythmik „Danzón No. 2“ des mexikanischen Komponisten Arturo Márquez. In der Schlussphase, wo nur noch die markante Begleitung übrigbleibt, erklingen vier ausgelassene Solo-Improvisationen: Eine anspielungsreiche klassische mit Florian Mausbach an der Geige, eine folkloristische von Malte Schaefer an der Bratsche, eine jazzige von Atez Yilmaz an der Klarinette und eine geräuschhafte von Schlagzeuger Lukas Mühlhausen; alle drei werden vom aufmerksamen Publikum gefeiert..
Letzter, fester, sozusagen ritueller Bestandteil jeder „Symphonie Fastnachtique“ ist (in leicht verkürzter Form) das vom langjährigen Mainzer Theater-Kapellmeister Wilhelm Lutz (1904-1982) zusammengestellte Narrhalla-Potpourri zum Mitsingen. Auf Carl Zulehners „Narrhalla-Marsch“ folgen die Lieder „Komm, trink und lach am Rhein“ (Fred Raymond) , „Heile, heile Gänsje“ (Martin Mundo) ,“ So ein Tag“ (Lotar Elias) und „Määnz bleibt Määnz“ (Martin Binger). Die letzte Nummer muss dank der überschäumenden Begeisterung des Publikums dreimal wiederholt werden. Endlich darf der GMD seinem jugendlichen Bewegungsdrang nachgeben: Munter hüpft das altehrwürdige Gutenberg-Denkmal über die Bühne. Als Gabriel Venzago sich nach dem dritten Durchgang zum Schlussakkord flach auf den Boden wirft, ist nach 3 Stunden und 15 Minuten das Programm unwiderruflich zu Ende. Der neue GMD hat seine Bewährungsprobe bestanden.
Andreas Hauff

