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MAINZ/Staatstheater: FALSTAFF. Premiere

15.06.2026 | Oper international

Mainz: FALSTAFF“ –  Premiere  14.6.2026

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‚Brett Carter, Derrick Ballard. Copyright: Andreas Etter

 Giuseppe Verdis „Falstaff“ ist die letzte Opernpremiere der Saison am Staatstheater Mainz. Auf viel schwere Kost folgt endlich wieder eine Komödie. Doch in die Vorfreude mischt sich Skepsis beim Anblick der Vorab-Fotos, und dann erst recht beim Blick ins Progammheft. Regisseurin Verena Stoiber und Ausstatterin Clara Hertel wollen das Stück in die Gegenwart übertragen. Sie verlegen die Handlung in einen Großkonzern. Falstaff ist der Chef, und Windsor mit seinen Bewohnern ist nicht eine Kleinstadt westlich von London, sondern die Firma mit ihrem Personal. Kann das gut gehen?

 Ja, es geht gut! Und zwar deswegen, weil dem Regie-Team ihnen wirklich etwas einfällt, weil es seinen Ansatz konsequent durchhält und das Milieu klar zeichnet, ohne gegen die Musik zur arbeiten, weil es die einzelnen Figuren prägnant charakterisiert und diese als Typen erstaunlich gut in die (Un-)Kultur einer Unternehmenszentrale passen. Einen Preis hat die Sache allerdings: Die deutsche Übertitelung entfernt sich bisweilen ziemlich weit vom italienischen Original. Ein Beispiel: Wenn Falstaff sich an seine Zeit als Schildknappe erinnert, lesen wir auf dem Bildschirm „Als ich ein junger Assistent war“. Derrick Ballard in der Titelrolle sitzt in einem protzigen Büro vor einer typischen Hochhaus-Skyline mit dem Mobiltelefon in der Hand an einem leeren Schreibtisch. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Donald Trump, trägt aber graue Haare  und eine gelbe Krawatte. An seine Anhänger verteilt er gelbe Kappen mit der Aufschrift „WIN“ – was als Abkürzung für „Windsor“ steht, aber auch seine Vorliebe für Siegertypen illustriert. Mit seiner langen Bühnenerfahrung macht Derrick Ballard daraus eine originelle Figur, bei der auch die sexuelle Gier des britischen Prinzen Andrew, die Kaltschnäuzigkeit des Milliardärs Elon Musik und der schlitzohrige Charme des britischen Ex-Premiers Boris Johnson mitschwingen.

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Nadja Stefanoff, Julietta Aleksanyan, Abongile Fumba, Verena Tönjes. Foto: Andreas Etter

Falstaffs Diener bzw. Assistenten Bardolfo (Collin André Schöning) und Pistola (Stephan Bootz) haben immerhin so viel Rückgrat, ihre Unterstützung bei der Eroberung der verheirateten Mrs. Ford zu verweigern und warnen deren Ehemann (Brett Carter). Der erscheint mit Mafiabrille, Baseball-Kappe und Geldkoffer bei Falstaff und lockt ihn in die Falle. Die Szene gerät zu einem Kabinettsstückchen echter und geheuchelter Männer-Kumpanei. Alice Ford (Nadja Stefanoff) und ihre Freundin Meg (Verena Tönjes), die gleichlautende Liebesnachrichten auf ihrem Handy vorfinden, spinnen mit Hilfe ihrer gemeinsamen Freundin Mrs. Quickly (Abongile Fumba) und Alice’ Tochter Nannetta (Julietta Aleksanyan) ihre eigene Intrige. Das Stelldichein in der Unternehmenslounge gerät zum Skandal. Dass Falstaff sich – wie in William Shakespeares Vorlage und Arrigo Boitos Libretto  –  bei Fords Eintreffen in einem Wäschecontainer versteckt, wirkt dabei nicht als Stilbruch, weil zwischendurch immer wieder Hauspersonal mit Geräten ins Bild kommt: Eine Putzfrau, Techniker an einer defekten Kaffeemaschine usw.. Am Ende landet der Verführer aber nicht in der Themse, sondern per Streaming im Internet. Alice hat zwei Kollegen gefunden, die das Treffen filmen. Die direkte Weiterverbreitung war wohl nicht verabredet, denn sie erschrickt selbst darüber, freut sich dann aber doch über die zahlreichen Kommentare zu Falstaffs Blamage. Live-Kamera und Video-Einspielung sind hier keine entbehrliche Zutat, sondern klar aus dem Handlungsablauf begründet. (Zuständig für die Videos sind Jonas Dahl  und Wiebke Schnapper, für  die Live-Kamera Christophe Pangels.)

Die zweite Intrige findet anscheinend in einem nicht mehr genutzten Vortragssaal des Gebäudekomplexes statt. Falstaff soll als Jäger an der legendären Eiche von Herne erscheinen. Das goldene Hirschgeweih, das ihm Quickly dafür übermittelt, gefällt ihm sichtlich – spricht es doch seine Prunksucht ebenso an wie seine animalischen Instinkte. Dass von der Eiche in der Inszenierung nur ein altes Holzpult übrig geblieben ist, überzeugt nicht so ganz; immerhin lässt sich Falstaff ja gerade durch die Aura des Geheimnisvollen beeindrucken. Der vorgebliche Elfenchor wird zur Parade der weiblichen Angestellten, denen sich Falstaff bereits genähert hat; eine nach der anderen tritt kurz vor. Und dann findet er sich von einem fingierten Gerichtshof in schwarzen Roben und weißen Perücken umgeben, der ihn kurzfristig zum reuigen Sünder macht – bis er das Spiel durchschaut. Düpiert ist außer ihm auch Mr. Ford. Der wollte im Rahmen des Verkleidungsspiels seine Tochter mit dem knochentrockenen Dr. Cajus (Yoonki  Baek) zusammenbringen. Doch die Frauen schaffen es, dass der Vater Nannetta mit ihrem tatsächlichen Liebhaber Fenton (Myungin Lee) zusammenführt. (Fenton fremdelt mit seinem Arbeitgeber; wir sehen ihn, wie er in einem unbeobachteten Moment ein aufgehängtes Falstaff-Portät mit der Widerstandsparole „No kings!“ beschriftet.) Falstaff hat fast schon wieder Oberwasser und möchte in der berühmten Schlussfuge alles zum Scherz erklären. Die versammelte Belegschaft singt zwar gerne mit, kreist ihn dabei aber bedrohlich ein. Er entwischt in sein Büro. Doch an seinem Schreibtisch sitzt wie selbstverständlich die dunkelhäutige Darstellerin der Mrs. Quickly – natürlich ein schwerer Schlag für jene Art von alten, weißen Männern, die (anders als der Berichterstatter) glauben, die Welt gehöre ihnen.

Beim Premiernpublikum stoßen diese bissigen und wirklich „Lustigen Weiber von Windsor“ (wie die Shakespeare’sche Vorlage heißt), auf Zustimmung und Begeisterung. Das wäre nicht möglich ohne die vorzügliche Ensembleleistung, ohne die subtile Abstimmung des Bühnengeschehens auf die innere Dramaturgie von Verdis Musik und ohne die Leistung des Philharmonischen Staatsorchesters unter GMD Gabriel Venzago. Auch wenn man sich in der Premiere noch etwas mehr Präzision in der kleinteiligen Synchronisation zwischen Bühne und Orchestergraben gewünscht hätte – was das Orchester aus Verdis lakonischem Altersstil an charakterisierendem und karikierendem Potential herausholt, ist beeindruckend. Und welches Zitat gibt uns Theresa Steinackers Programmheft auf der letzten Seite als Motto mit? „Frauen von Windsor, es ist Zeit, dass wir dran sind mit Lachen.“

Andreas Hauff

 

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