Ein Abend verabschiedet sich mit Feuer und Herz
Korngolds „Tote Stadt“ letztmalig am Staatstheater Mainz am 11.1.2026

Foto: Andreas Etter
Es gibt diese besonderen letzten Abende, an denen sich etwas verdichtet. Als wüssten alle Beteiligten, dass man sich gleich voneinander verabschiedet. Sängerinnen und Sänger, Orchester, Publikum, sogar der Raum selbst scheinen ein wenig wacher zu sein, konzentrierter, aufmerksamer. So ein Abend war der 11. Januar 2026 im Staatstheater Mainz, die letzte Vorstellung von Erich Wolfgang Korngolds „Die Tote Stadt“. Und ja, dieser oft beschworene „Zauber der Dernière“ war hier keine Floskel, sondern spürbare Realität.
Schon mit den ersten Takten lag eine eigentümliche Spannung im Saal. Man hörte anders zu, man sah genauer hin. Diese Produktion, die über Monate gewachsen war, hatte noch einmal deutlich an innerer Dichte gewonnen. Was sich an diesem Abend entfaltete, war kein routiniertes Abspielen einer erfolgreichen Inszenierung, sondern ein konzentrierter, leidenschaftlicher Abschied, der bis zum letzten Moment fesselte.
Angela Denokes Regieansatz war von Beginn an konsequent psychologisch gedacht, und gerade am Ende der Serie wirkte er geschärft, präzise und unerbittlich. Denoke interessiert sich nicht für das pittoreske Brügge, nicht für romantische Fassaden oder touristische Melancholie. Ihre „Tote Stadt“ spielt im Inneren eines Mannes, in den verschlossenen Räumen einer obsessiven Erinnerung. Paul ist hier kein träumender Poet, sondern ein Gefangener seiner eigenen Trauer, seiner religiösen Überhöhung des Verlusts, seiner Unfähigkeit, Leben zuzulassen. Das Bühnenbild mit seinen schräg gestellten, expressionistisch anmutenden Häusern bleibt ein Sinnbild dieses seelischen Ungleichgewichts: nichts steht gerade, nichts ist stabil, alles droht jederzeit zu kippen.
Man kann das als Einschränkung empfinden, und auch an diesem Abend blieb der Wunsch, Korngolds Musik möge manchmal mehr Raum, mehr Luft, mehr äußere Welt bekommen. Aber zugleich hatte diese ästhetische Strenge eine beklemmende Konsequenz, die sich gerade jetzt, am letzten Abend, voll entfaltete. Es gab kein Ausweichen mehr, keinen Trost, keine Flucht in schöne Bilder. Man blieb eingesperrt bei Paul – und damit auch bei sich selbst.
Musikalisch erreichte der Abend ein Niveau, das man ohne Übertreibung als international bezeichnen darf. Gabriel Venzago trieb das Philharmonische Staatsorchester Mainz noch einmal zu Höchstleistungen. Sein Zugriff auf Korngolds Partitur ist leidenschaftlich, risikofreudig, manchmal bewusst am Rand der Überwältigung. Venzago scheut weder große Gesten noch extreme Dynamiken. Er lässt die Musik lodern, schäumen, aufglühen, und genau darin liegt ihre emotionale Wucht. Korngold klingt hier nicht geschniegelt spätromantisch, sondern existenziell, fiebrig, nervös. Der berühmte Klangrausch wird nicht ausgestellt, sondern erlebt. Venzago dirigierte sehr spontan, so dass es hier eine besonders eindrückliche Interpretation wurde.
Das Orchester folgte ihm mit beeindruckender Geschlossenheit. Die Streicher spannten weite Bögen, mal samtig, mal schneidend, die Holzbläser zeichneten feine psychologische Linien, das Blech glühte mit kontrollierter Intensität. Eine Klasse für sich war das wuchtige und fein differenzierte Schlagzeug. Besonders eindrucksvoll war erneut, wie organisch sich das Orchester als emotionaler Resonanzraum von Pauls innerem Zustand verstand. Man hatte das Gefühl, diese Musik atme, leide und hoffe mit ihm. Ein Klangkörper in Hochform, der den Abend entscheidend prägte und der Musik alles schenkte, wonach sie verlangt.

Foto: Andreas Etter
Über allem aber standen die beiden Protagonisten, die über die gesamte Serie hinweg immer stärker zusammengewachsen waren. Nadja Stefanoff und Corby Welch bildeten ein Duo, wie man es sich nur wünschen kann: perfekt aufeinander eingespielt, gegenseitig hörend, reagierend, sich tragend. Ihre Chemie war mit Händen zu greifen.
Nadja Stefanoff gestaltete Marietta mit genau jener Mischung aus Sinnlichkeit, Selbstbewusstsein und Abgründigkeit, die diese Figur braucht. Sie war Vamp und femme fatale, aber nie eindimensional. Ihr Sopran floss mühelos durch die gefürchteten Höhen, blieb dabei farbenreich, flexibel, stets textverständlich. Was beeindruckte, war diese scheinbare Leichtigkeit, mit der sie eine der anspruchsvollsten Partien des Repertoires bewältigte. Stefanoff sang nicht gegen die Musik an, sie bewegte sich in ihr, nutzte sie als Ausdrucksraum. Ihre Marie hingegen erschien wie ein fernes Echo, eine Erinnerung ohne Körper, allein aus Klang bestehend. Der Wechsel zwischen beiden Ebenen gelang ihr mit feinen, fast unmerklichen Nuancen. Große Kunst, unaufdringlich präsentiert.
Und dann Corby Welch. Es fällt schwer, Worte für diese Leistung zu finden, ohne ins Schwärmen zu geraten. Welch ist derzeit schlicht der überzeugendste Paul-Interpret überhaupt. Diese Partie gilt zu Recht als kaum singbar: ein permanenter Grenzgang zwischen heldischer Durchschlagskraft und lyrischer Verletzlichkeit, über Stunden hinweg. Welch meisterte das mit einer Selbstverständlichkeit, die fassungslos machte. Keine Spur von Anstrengung, kein Forcieren, kein stimmliches Kalkül. Stattdessen ein Tenor von enormer Tragfähigkeit, warmem Kern und einer Ausdrucksskala, die vom flüsternden Pianissimo bis zum eruptiven Ausbruch reichte. Als Extra gibt es von diesem überragenden Sänger einen Herzenston, der zutiefst berührt.
Was aber noch stärker wirkte als die stimmliche Brillanz, war seine totale Identifikation mit der Rolle. Welch spielte Paul nicht, er war Paul. Jeder Blick, jede Bewegung, jede gesungene Phrase wirkte innerlich motiviert, zwingend, wahrhaftig. Besonders in den leisen Momenten, wenn die Stimme fast zu brechen schien, entstand eine Nähe zum Publikum, die selten ist. Man fühlte sich nicht als Beobachter, sondern als Teil dieses seelischen Dramas. Dass ein Sänger in einer so mörderischen Partie nie gefährdet klang, sondern bis zum Schluss über Reserven verfügte, war schlicht sensationell. Mainz hatte hier zweifellos das große Los gezogen. Glückliches Weimar, darf man hinzufügen, das ihn für seine eigene Neuproduktion der „Toten Stadt“ in dieser Spielzeit gewinnen konnte.
Auch das Ensemble überzeugte durchweg. Karina Repova verlieh der Brigitta eine tiefe, menschliche Wärme, die den emotionalen Kern der Figur freilegte. Ihr Mezzo klang tröstlich, aber nie sentimental. Von der angesagten Erkältung war kaum etwas zu merken. Gabriel Rollinson war in der Doppelrolle Frank/Fritz zu erleben. Eine sonore Stimme, die vor allem in dem berühmten „Mein Sehnen“ gut zur Geltung kam. Der Wort-/Tonbezug geriet allerdings zu eindimensional, so dass gerade Frank als Charakter zu schwach war. Das übrige Ensemble, Chor und Statisterie agierten erneut hochkonzentriert, sowohl szenisch als auch vokal eine sichere Bank.
Der Schluss dieser Inszenierung bleibt hart. Denoke verweigert Korngolds versöhnliche Geste, lässt die Hoffnung nicht zu. Wenn Brigitta Paul am Ende mit Maries Schal erdrosselt, geschieht das nicht als brutaler Akt, sondern als stilles Einverständnis. Paul lächelt entrückt, als bitte er darum. Ein verstörender Moment, der auch an diesem Abend einen Augenblick des Schweigens im Publikum erzeugte. Erst dann brach der Jubel los – heftig, lang anhaltend, dankbar.
Diese „Tote Stadt“ war kein Abend zum leichten Konsum, keine Oper zum Wegträumen. Sie forderte Aufmerksamkeit, Hingabe, emotionale Offenheit. Vielleicht ist sie gerade deshalb so stark. Und vielleicht liegt in diesem kompromisslosen Ernst auch ihre größte Qualität.
Ein großer, denkwürdiger Abschied. Mainz durfte eine Produktion erleben, die musikalisch wie sängerisch Maßstäbe setzte. Am Ende blieb das Gefühl, Zeuge von etwas Besonderem gewesen zu sein. Und das ist, bei aller Kritik im Detail, ein Geschenk, das man nicht hoch genug schätzen kann.
Dirk Schauß, 12. Januar 2026
Erich Wolfgang Korngold – „Die Tote Stadt“ am Staatstheater Mainz am 11. Januar 2026

