Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MAINZ/Staatstheater: 9. SINFONIEKONZERT – mit Josef Suks „Sommermärchen“ 

17.07.2022 | Konzert/Liederabende

Mainz: 9. Sinfoniekonzert – mit Josef Suks „Sommermärchen“  15.7.2022

Auf der letzten Seite des informativen Programmheftes gibt Dramaturgin Christin Hagemann dem Publikum ein Zitat von Franz Kafka auf den Weg: „Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muss man sich fügen.“ Wie der Prager Autor das meinte, verrät die – hier weggelassene – Fortsetzung aus seinem Brief von 2002 an den Freund Oskar Pollak: „ An zwei Seiten müssten wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, dass wir loskommen.“ Auf Wolfgang Amadé Mozart, der in der böhmischen Metropole seine größten Erfolge feierte und ausgesprochen gerne dorthin fuhr, passt der Satz mit dem Krallen nicht so wirklich. Mit seiner „Prager Sinfonie“ Nr. 38 D-Dur KV 504 eröffnen GMD Hermann Bäumer und das Philharmonische Staatsorchester Mainz das letzte und 9. Sinfoniekonzert der Saison 2021/22 im Großen Haus des Staatstheaters. Besonders bemerkenswert an dieser Sinfonie ist  – außer dem Fehlen des (in Prag noch nicht etablierten) Menuetts als 3. Satz – die Mischung von gelehrtem und galantem Stil, oder wie Bäumer es in der Konzerteinführung formulierte, von Erhabenem und Buffonesken. Eigentlich liegt derlei dem Mainzer GMD und seinem Orchester ausgesprochen gut, aber an diesem Abend kippt die Balance. Es ist, also ob die Ausführenden sich in die dramatischen und ernsten Passagen geradezu „ver-krallen“, während über die heiteren und gelösten Stellen hinweggespielt wird; ihnen fehlt die nötige Leuchtkraft. Ein wenig mag hier eine gewisse Müdigkeit am Ende einer anstrengenden Saison unter Corona-Bedingungen mitgespielt haben. Vermutlich hat es angesichts des anspruchsvollen und gewichtigen „Rest“-Programms auch an Probenzeit gefehlt.

Mit Josef Suks Sinfonischer Dichtung op. 29 „Ein Sommermärchen“ („Pohádka léta“) aus dem Jahr 1909 hat GMD Bäumer einmal mehr eine hörenswerte Rarität ausgegraben. Das Stück des (im Umkreis von ist Bestandteil einer sinfonischen Trilogie, mit der der (in Prag wirkende) tschechische Komponist den frühen Tod seiner Frau und seines Kompositionslehrers und Schwiegervaters Antonin Dvořák verarbeitete. Deren eindrucksvoller, nach dem jüdisch-muslimischen Todesengel „Asrael“ benannter erster Teil war vor etwa zehn Jahren schon einmal in einem Mainzer Sinfoniekonzert zu erleben; und ich erinnere mich, dass ich damals schon neugierig auf die Fortsetzung war. „Sommermärchen“ klingt vom Titel her nun wesentlich optimistischer, heiterer; man denkt an Shakespeares und Mendelssohns „Sommernachtstraum“, vielleicht auch an Sönke Wortmanns Dokumentarfilm „Deutschland – ein Sommermärchen“, der die unbeschwert-ausgelassenen Sommerstimmung bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 eingefangen hat. Tatsächlich gibt es solche Momente der Leichtigkeit und Heiterkeit, aber die dunklen Schatten des Asrael durchziehen noch deutlich spürbar das Werk – vor allem den 1. Satz „Stimmen des Lebens und der Tröstung“. Der orchestrale Aufwand ist beträchtlich. Die Staatstheaterbühne ist voll besetzt, auf den ersten Blick fallen zwei Harfen und Celesta auf. Ähnlich wie Gustav Mahler nutzt Suk das Orchester als Ganzes allerdings selten; auch ihn reizen eher die Klangfarben und ihre Kombinationsmöglichkeiten, davon erlebt der Hörer überraschend viele und ungewöhnliche. Ich vermute, Suk hätte auch Mahlers poetisches Konzept unterschrieben: „Aber Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Die Affinität scheint beiderseitig gewesen zu sein: Mahler hatte vor, das „Sommermärchen“ aufzuführen, und war bereits im Besitz der Partitur, als ihn der Tod ereilte.

Klangliche Verwandtschaft zeigt sich aber auch zum Impressionismus. Der 2. Satz, „Mittag“, hat etwas unheimlich Gleißendes und erinnert atmosphärisch ein wenig an Debussys „Prélude a l’après-midi d’un faun“. An Bartóks Folklore-Studien und ihre sinfonische Verarbeitung denkt man beim  dritten Satz, „Intermezzo – Blinde Spielleute“, der mit einem erstaunlichen, wie improvisiert wirkenden Duett für zwei Englischhörner anhebt. Der 4. Satz, „In der Macht der Trugbilder“, steht in einer Traditionslinie des Dämonischen, die von Berlioz über Liszt zu Wagner und Richard Strauss reicht. Selbst der Finalsatz, „Nacht“ überschrieben, kommt erst ganz am Ende, nach fast 55 Minuten, zur Ruhe. Monumentale Phasen wie in Ottorino Respighis sinfonischer „Rom“-Trilogie scheinen vorausgeahnt. Konzentrierte, verdichtete Passagen klingen dann auch wieder wie bei Paul Hindemith in den sinfonischen Anteilen seiner Oper „Mathis der Maler“; es scheint hier eine Nähe in der polyphonen Linienführung und im akkordischen Zusammenklang auf. Was Dirigent und Orchester an Klangreichtum und Vielschichtigkeit aus dieser Partitur herausholen, ist enorm; hier glänzt auch der Augenblick, ohne dass der große Spannungsbogen verloren geht, und es wird deutlich, dass Suk seinen eigenen, originellen Weg aus der Spätromantik heraus in die musikalische Moderne gefunden hat. So werden wir also mit einem musikalisch-poetischen Schwergewicht in die Sommerpause entlassen. In gewisser Weise passt das schon. Der aktuelle Sommer lässt sich ja auch nicht gerade unbeschwert an.

Andreas Hauff

 

 

Diese Seite drucken