Mainz: 7. Sinfoniekonzert unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein“ 11.4.2026

Verena Tönjes, Gabriel Venzago.. Foto: Anneliese Schürer/Staatstheater
Kann man, soll man Gustav Mahlers große und inhaltsschwere Sinfonie Nr. 2 c-moll dem Publikum als musikalischen Monolithen präsentieren? Oder kann man sie innerhalb eines Konzertes sinnvoll kombinieren und dem Publikum eine Pause anbieten? Was sich GMD Gabriel Venzago für das 7. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz ausgedacht hat, ist ein passables Konzept. Der Abend steht unter dem (aus Rudolf Sieczyńsks Lied „Wien, du Stadt meiner Träume“ entliehenen) Motto „Wien, Wien, nur du allein“, und den Auftakt zu Mahlers „Auferstehungssinfonie“ bilden die Drei Alt-Wiener Tanzweisen von Fritz Kreisler (aus dem Jahr 1905). Der berühmte Geigenvirtuose schrieb „Liebesfreud“, „Liebesleid“ und „Schön Rosmarin“ für Violine und Klavier; im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters erklingen sie nun in feinsinnigen Orchester-Bearbeitungen von Clark McAlister (Jg. 1946). Der US-amerikanische Komponist und Arrangeur nutzt die Möglichkeiten des groß besetzten Orchesters weidlich aus, ohne den kammermusikalischen Charakter der Stücke zu verraten, indem er den vielen kleinteiligen Wiederholungen immer wieder neue instrumentale Farben verleiht. Unter Venzagos plastischem Dirigat erklingt die Satzfolge feinsinnig, differenziert und mit Gespür für den Wiener Schmäh.
Dass er uns das wienerische Element bei Gustav Mahler sensiblisieren und ihn in diesen Kontext rücken möchte, erklärt der GMD in der Konzerteinführung vor Beginn ausführlich. Er erwähnt es noch einmal nach den „Alt Wiener-Tanzweisen“ in einer kleinen Ansprache ans Publikum, bei der er auch den besonderen Charakter dieses Konzerte würdigt. Es ist nämlich ein gemeinsames Projekt des Philharmonischen Staatsorchesters mit dem Chor des Staatstheaters Mainz, dem Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz und dem Landesjugendchor Rheinland-Pfalz. Halb zu sehen war das schon bei den Kreisler-Stücken, wo die Mitglieder der beiden Instrumentalgruppen zumeist paarweise nebeneinander sitzen. Nach der Pause sind auch die beiden Chöre einträchtig gemischt – wobei die ingesamt 215 Mitwirkenden dicht gedrängt gerade noch auf die Bühne passen. Velasco spricht begeistert von der Arbeit mit den jungen Leuten, die die zweite Woche ihrer Osterferien in die Probenarbeit investiert haben. Dabei haben sie sogar eigenständig eine Zugabe erarbeitet, die sie nun vor der Pause präsentieren dürfen, da man dem Mahler’schen Finale eigentlich nichts mehr hinzufügen kann. Die Mainzer Philharmoniker überlassen die Bühne dem LJO, und der GMD übergibt seinen Dirigierstock dem jungen Geiger Noah Sahinkuye. Der führt seine Orchesterkolleginnen und -kollegen erstaunlich souverän durch die rhythmischen Vertracktheiten des „Danzón No. 2“. Wienerisch ist das Stück des mexikanischen Komponisten Arturo Márquez natürlich nicht, aber tänzerisch schon, und es reisst das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Man merkt: Das Große Haus ist ausverkauft, und natürlich sitzen Angehörige und Freunde der Mitglieder des Nachwuchsensembles im Parkett und auf den Rängen. Viele von ihnen genießen die Begegnungsmöglichkeit in der Pause, bei der dank der Mainzer Verpflegungspauschale jeder Konzertbesucher rasch zu einem Getränk und einer Brezel kommt. Zumindet an diesem Abend kann von einer Überalterung der klassischen Konzertpublikums keine Rede sein.
Nach der Pause wird es dann ernst – zumal Gustav Mahler eben nicht nur im zweiten und dritten Satz Klang und Geist des Wienerliedes herbeizitiert, sondern auch das in Wien ausgeprägte Krisengefühl der Jahrhundertwende und die spezifisch Wienerische Faszination für den Tod ausdrückt. Unerbittlich durchzieht ein markanter Trauermarsch den langen, konsequent durchkomponierten erste Satz. Danach ist es still, niemand klatsch, redet oder hustet vernehmlich dazwischen. Velasco wartet ruhig am Pult – wenn auch nicht ganz die von Mahler gewünschten fünf Minuten. Den Impuls, danach die Stimmung zu drehen, lässt der Komponist nur teilweise gelingen. Unwirklich erscheint der Trost des langsamen Satzes, gespenstisch der Witz des Scherzos. Velasco arbeitet mit dem vereinten Orchester die Kontraste deutlich heraus, ohne dass der gewaltige Spannungsbogen leidet. Im vierten Satz ruft Mahler sozusagen die menschliche Stimme als Ausdruckshilfe herbei: „Der Mensch liegt in größter Not! (…) Je lieber möcht ich im Himmel sein!(…)“ Verena Tönjes aus dem Staatstheater-Ensemble tritt nach vorne an die Rampe. Sie horcht ins Orchester hinein, als ob sie nach den richtigen Tönen sucht und singt dann die geschilderte Sehnsucht nach Erlösung mit ihrem klaren Mezzosopran klangschön aus. Dabei versteht man jedes Wort. Tönjes’ nachdenkliche Mimik und Gestik machen deutlich, wie Mahler vorsichtig tastend eine Brücke ins Finale sucht.

Foto: Anneliese Schürer/ Staatstheater Mainz
„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, sagt Faust in Goethes gleichnamiger Tragödie. Schon bei Mahler im reizüberfluteten Fin de Siècle, und ebenso beii uns modernen Menschen sind es sicherlich noch mehr als zwei. Für die Vielzahl der Stimmen in unserem Kopf hat der (an Alfred Adlers Individualpsychologie geschulte) Hamburger Psychologe Friedemann Schulz von Thun den Begriff des „Inneren Teams“ geprägt. Wir sollen in uns hineinhören, die Stimmen abwägen und gewichten. Mahler versucht das im Finale seiner Sinfonie: Er schickt einen musikalischen Gedanken nach dem andern aus und spannt nacheinander fast alle Mitwirkenden seines Riesen-Orchesters ein – doch er scheitert damit. Wichtig ist dabei die Raumdramaturgie: Themen, Motive und Melodien wandern nicht nur gut hör- und sichtbar durch das Orchester. Trompeten und Hörner spielen auch hinter der Bühne, als ob sie mit einer wichtigen Botschaft kämen, aber sie tun es eben nur „von außen“, gefühlt an der falschen Stelle und teilweise mit bewusst falsch gesetzten Tönen. Eine grandiose Steigerung nach der anderen fällt so in sich zusammen – bis der Chor, leise, zart und tief mit Friedrich Gottlob Klopstocks Hymnus „Aufersteh’n“ einsetzt. Hinten beim Chor steht auch, deutlich sichtbar in ihrem roten Kleid, die Sopranistin Nadja Stefanoff. Die Solostimme soll „nicht hervortreten“, steht in Mahlers Partitur. Später darf sie es, und dann steht Stefanoff vorne neben Tönjes, die einen schwarzen Hosenanzug trägt. Der Chor singt seine leise Stellen im Sitzen,; erst zum Ende hin darf er dann stehend mit aller Kraft die Auferstehungsbotschaft verkünden. Das einzige Problem dieses Aufführun ist: Der Text des Chores ist nur teilweise verstehen, und zum Mitlesen im Programmheft ist es im Saal zu dunkel. Das schlägt beim Hören ein wenig auf die Konzentration. Man ahnt die Botschaft, hat aber das Gefühl, es würde einem die komplette Auflösung des Dramas vorenthalten. Der österliche, glockengesättigte Klangjubel ganz am Ende kommt dennoch an; zumindet im Parkett gibt es stehende Ovationen. GMD Velasco hat schon Recht mit seiner Bemerkung in der Konzerteinführung: Die Tage nach Ostern sind etwas Besonderes. Auch wer dem christlichen Glauben eher fernsteht, kann sich der Kraft der Mahlerschen Sinnsuche und Sehnsucht kaum entziehen.
Andreas Hauff

