Mainz: 4. Sinfoniekonzert (Wien-Nostalgie mit Weigl, Korngold, Zemlinsky) 4.2.2023
Mit einem ausgesprochenen Wienerischen Raritäten-Programm wartet das Philharmonische Staatsorchester Mainz beim 4. Sinfoniekonzert im Großen Haus des Staatstheaters auf. Gastdirigent ist Patrick Lange, bis 2022 GMD in der Hessischen Nachbarstadt Wiesbaden. Er präsentiert Musik von Karl Weigl (1881-1949), Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) und Alexander Zemlinksy (1871-1942. Alle drei Komponisten mussten wegen ihrer jüdischen Abstammung Österreich verlassen und gingen ins US-amerikanische Exil. Wirklich Fuß fassen konnte dort nur Korngold, der bereits 1934 Filmmusik für Hollywood geschrieben hatte und an diese Kontakte anknüpfen konnte. Weigl und Zemlinsky hatten Mühe, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, fanden kein Publikum und starben vorerst vergessen bei bzw. in New York City.
Weigls Suite „Old Vienna“ mit dem Untertitel „Tänze aus Wien“ aus dem Jahr 1939 ist ein offensichtliches Dokument des Heimwehs, ja der verklärenden Rückschau. Eine ferne „Kaiserwalzer“-Reminiszenz verliert sich in einer Art orchestralem Nebel mit dezenten melodischen Ansätzen, aus denen sich letztlich eine typisch Wienerische Walzerfolge herausschält, die am Ende sogar in einen triumphalen Schluss mündet. Vieles erinnert an Johann Strauß, Franz von Suppè oder Franz Léhar, doch am dicht geführten Orchestersatz und der einen oder anderen atmosphärischen Eintrübung spürt man doch den durch Gustav Mahler, Alexander von Zemlinksy und Arnold Schönberg ins Moderne geweiteten Horizont. Schönberg war übrigens 1904 schon begeistert von Weigls Streichquartett Nr. 1, und bis Anfang der 30er Jahre standen Weigls Werke regelmäßig auf den Konzertprogrammen. Dass er Januar 1910 im Wiener „Merker“, der Vorgänger-Zeitschrift des „Neuen Merkers“, einen Artikel “Über die wirtschaftliche Lage des Komponisten” veröffentlichte, ist an dieser Stelle sicher erwähnenswert.
Korngolds Violinkonzert D-Dur op. 35, 1947 von Jacha Heifetz uraufgeführt, ist gespickt mit technischen Schwierigkeiten: Doppelgriffe, Spiccati, Springbogen, Collegno-Spiel, Flageoletts in extremer Höhe. Der Komponist selbst, der nach Ende des 2. Weltkriegs trotz der erfolgreichen Jahren in Hollywood seinen Vertrag mit Warner Brothers löste, um sich wieder dem Konzertsaal zuzuwenden, beschrieb es allerdings als einen „Versuch, für das Überleben des melodischen Typs der sinfonischen Musik zu kämpfen“. Es sei „im Herzen erdacht und nicht auf dem Papier konstruiert“. Dass Korngold in allen drei Sätzen Themen aus seinen Filmmusiken benutzt, spricht nicht unbedingt gegen diese Aussage, denn er konnte bei deren Konzeption durchaus die sinfonische Verwendung schon im Kopf haben. Die Geigerin Anne Sophie Mutter sagt treffend: „Auf den Vorwurf, Korngold klinge wie Filmmusik, lässt sich nur antworten: Nein, irgendwann klang die Filmmusik in Hollywood nach Korngold. Wien war in seiner Musik immer um die Ecke, und insofern ist Korngold einfach seinem Stil treu geblieben und gehört für mich zu den großen, in Deutschland leider völlig unterschätzten Komponisten.“ In Mainz steht als Solistin Hyeyoon Park auf der Bühne. Die in Großbritannien lebende Geigerin koreanischer Herkunft, die 2009 mit 17 Jahren den ARD-Wettbewerb gewann, meistert die Herausforderung, Virtuosität mit Ausdruck zu verbinden, ausgezeichnet. Dass sie im 3. Satz nach einer Weile abbrechen muss, weil sich die enorm strapazierte E-Saite verstimmt hat, gehört gewissermaßen zum Betriebrisiko und ist mit dem Neubeginn des Allegro assai vivace vergessen. Das Publikum ist begeistert.
Persönlich muss ich gestehen, dass mich der über drei Sätze hinweg gepflegte schwelgerisch-romantische Tonfall ein wenig überfordert. Er kommt mir vor, als würde man zum Menü nach einer süßen Kaltschale eine Mehlspeise reichen und mit einem Sorbet als Dessert schließen. Als Gegenreaktion auf die Zeitläufte ist Korngolds Konzert dabei durchaus begreiflich. Während die meisten seiner Kollegen in der Nachkriegszeit aus dem Wohlklang flüchteten, stürzte er sich erst recht hinein. Zemlinksy Sinfonie Nr. 1 d-moll aus dem Jahr 1893, die Abschlussarbeit seines Kompositionsstudiums am Wiener Konservatorium, ist dagegen ein Musterbeispiel für das Spiel mit thematischen, klanglichen und atmosphärischen Kontrasten. In Beethovenscher Tradition wird man vom grüblerischen-kämpferischen Eingangssatz über ein verspieltes Scherzo und einen innigen langsamen Satz in ein optimistisches Finale geführt. Mendelssohn, Brahms, Wagner und Mahler sind als Vorbilder und Anreger zu spüren, doch findet Zemlinksy einen durchaus individuellen Weg, die Materie zu durchdringen und den Hörer durch neue Wendungen und Facetten zu überraschen. Patrick Langes dirigentischer Zugriff strahlt Ruhe und Energie zugleich aus, das Orchester überzeugt mit Präzision und Klanggespür, der Spannungsbogen stimmt – ein packendes Hör-Erlebnis!
Andreas Hauff

